er hockte mit heruntergelassener hose tief im gebüsch an der mauer. dass die beamten ihn entdeckt haben war ein zufall. eine streife hatte ein paar stunden vorher einen geruch wahrgenommen, wie er bei der produktion von amphetaminen entsteht. deshalb waren die beiden polizisten in diese ecke von kerkrade an der deutsch-niederländischen grenze gekommen, deshalb war einer von ihnen in den grünstreifen gekrochen und deshalb hatte der junge mann aus koblenz nun ein problem.
dass päckchen mit der portion heroin hatten sie schnell gefunden, die spritze, die er hastig unter dem laub verscharrt hatte. vielleicht hatte er sich wirklich erleichtern wollen, aber bestimmt nicht nur. er mußte sich schließlich ausziehen, sie durchsuchten seine kleidung, seine schuhe, sie legten ihm handschellen an und einer der beiden half ihm dann in die sneaker, die er alleine nicht mehr anziehen konnte wegen der fessel. dann gingen wir zurück zum weg, zum parkplatz und ein anderes team der deutsch-niederländischen fahndungsgruppe holte ihn ab. die suche nach der rauschgift-fabrik wurde verschoben.
dann muß es sich lohnen
das sind situationen, die ich in einem film nicht zeige; das sind aber auch situationen, die ich nicht vergesse wegen ihrer schamerfüllten intimität und vielleicht wegen der hoffnungslosigkeit, für die sie stehen. ob er sich ein drogenpäckchen in den darm einführen wollte, um es nach deutschland zu schmuggeln, wieviel der junge mann aus rheinland-pfalz tatsächlich gekauft hatte oder was er sonst wollte in kerkrade an diesem tag haben die beamten nicht erfahren. die kleine menge drogen, die sie bei dem mann fanden, reichte gerade mal für eine feststellung der personalien und ein paar stunden im gewahrsam. wenn aber ein abhängiger achtzig euro für ein bahnticket von koblenz nach kerkrade ausgibt, dann geht es nicht um eine tagesration dope. dann geht es um mehr, denn dann muß es sich lohnen. wer drogen aus holland importiert handelt nach einer einfachen regel: je weiter der weg, umso größer der gewinn, umso lohnender das risiko; so einfach ist es.
das sind aber auch situationen die ein schlaglicht werfen auf das drogenproblem der niederlande und die frage, wie sie den geist, der mit dem rauch aus den coffee-shops aufstieg und nun schwer über dem land hängt, wieder in die flasche kriegen. in dem umfeld der legalen cannabis-theken hat sich eine szene etabliert, in der längst alles zu bekommen ist, weil organisierte banden längst mit allem handeln, nicht nur mit hanf-produkten.
drug-runners nennen sie die niederländer
wer in den niederlanden in grenznähe auf öffentlichen parkplätzen, vor manchen schnellimbissen oder auf rastplätzen in einem auto mit deutschem kennzeichen nur lange genug sitzenbleibt und überzeugend aussieht, muß nicht lange warten, bis er angesprochen wird. drug-runners nennen die niederländer diese dealer. sie bieten heroin, kokain oder größere mengen cannabis an. nach der bestellung übergeben sie die ware kurze zeit später an einem anderen ort. in maastricht zwangen die dealer ausländische wagen mit ihren autos sogar zum anhalten und versuchten drogen an die insassen zu verkaufen. wer nicht wollte, wurde beschimpft. zwischen rivalisierenden banden gab es unfälle mit drei toten. schließlich holte die polizei bei einer razzia (siehe vj-projekt - grenzenlose drogenjagd) zum schlag gegen die banden aus.
dabei hatte es doch so nett angefangen: lokale cannabis-konsumenten sollten sich legal mit softem rauchwerk versorgen können, ohne kriminalisiert zu werden oder ihre deals in dunklen gassen abwickeln zu müssen. fünf gramm pro einkauf - eine schelmische mengenbegrenzung: eindeutig zuviel, um es ohne schaden direkt zu konsumieren, was eigentlich vorgeschrieben ist, eindeutig zu teuer, um es zurückzulassen. deshalb gibt's – obwohl verboten - natürlich verpackungsmaterial für den heimweg, doggie-bags fürs dope. die menschen zwischen maas und nordsee sind pragmatisch. nur ausländer verirrten sich schonmal auf der suche nach einem heißgetränk - schließlich sind die niederlande auch dafür bekannt - in die schwer duftenden läden. kaffee heißt koffie und den gibt's im café, erklärte mir gerade ein nette polizistin aus maastricht, coffee sei zum rauchen da.
aber diese charmante konstruktion hatte eine krude kehrseite. anbau, handel und transport größerer mengen als der für den eigenbedarf blieben verboten. und damit war die voraussetzung für kriminelle organisationen geschaffen, die sich eben genau darum kümmern und sich gut bezahlen lassen.
wunder - täglich, vielerorts
ein fahnder erzählte mir mal vom gespräch mit einem kofie-shop-betreiber. jeden morgen, habe der ihm gesagt, falle ein päckchen haschisch vom himmel, exakt 500 gramm schwer, denn mehr darf er nicht im laden haben. wenn das dann nach ein paar stunden verkauft ist, geht er erneut vor die tür und wieder falle ein paket aus den wolken, direkt vor seine füsse. mit einem augenzwinkernden wegsehen wurden dieses sich alltäglich und vielerorts wiederholende wunder hingenommen und alle machten gute geschäfte. sogar die gemeinden profitierten, denn sie nahmen steuern vom verkauf von haschisch oder marihuana ein, die kofie-shops schufen arbeitsplätze.
doch dann änderte sich die haltung: denn diejenigen, die mit krimineller energie und kaltblütigkeit die illegalen cannabis-plantagen betrieben und indischen hanf zu einem hochpotenten gewächs mit vielfacher wirkstoffmenge hochzüchteten, erzielten große gewinne. damit „infiltrierten“ diese strukturen die legale wirtschaft, wie es han polman, bürgermeister von bergen op zoom, ausdrückt. in heerlen, maastricht oder venlo, sagen insider, gibt es ganze straßenzüge, die mit drogengeld gekauft wurden. dieses geld drohe die gesamte ökonomie zu verändern. dies und das schlechte vorbild für die jugend, die sehe, wie schnell sich mit kriminalität geld verdienen lasse, gefährde die öffentliche sicherheit, sagt han polman. in seiner stadt und in einer nachbargemeinde sind die coffeeshops nun geschlossen worden. 25000 drogentouristen pro woche waren es, jetzt sind die läden unten. in limburg-süd sollte ausländern der einkauf in den coffee-shops verboten werden, deren betreiber klagten. 2011, so heißt es, sei mit einem urteil zu rechnen.
dass könnte eine maßnahme sein
das ziel bleibt, sagt wim frenken von der polizei in maasricht, „buitenlanders“ den einkauf zumindest so zu erschweren, dass lange anreisen für sie nicht mehr attraktiv sind. drei statt fünf gramm höchstmenge pro einkauf und tag, eine art clubkarte, die mindestens einen tag vor dem ersten einkauf erworben werden muß und danach bei jedem besuch vorzulegen sei – dass könnte eine maßnahme sein, um zu verhindern, dass kunden einfach von einem zum anderen coffee-shop wechseln und so mehr zusammenbekommen. denjenigen, der gar nicht erst ins coffee-shop geht sondern beim drug-runner seiner wahl einkauft wird diese maßnahme nicht erreichen.
seit einigen jahren schon fahndete die niederländische polizei gezielt nach hanfplantagen, großen in hallen oder mitten in maisfeldern, kleinen in wohnungen, kellern oder unterm dach. seit die frage, ob die unverletzlichkeit des privaten erhalten bleibt mit ja beantwortet wurde, darf auch ein cannabis-copter, ein unbemannter klein-hubschrauber, mit seinem bis zu 40 meter langen schlauch aus der luft an luftschächten schnüffeln. meistens aber genügt eine kontrolle des stromverbrauchs in der gegend. wo der ansteigt wächst das kraut unter kilowatt-leuchten.
das fertige produkt zurück nach westen
als folge davon verlegten die hanfzüchter ihre plantagen ins benachbarte ausland – het waterbed-effect sagt ein niederländische polizist, verdrängung. da wurde auch schon mal in einer ruhigen gegend in einem neusser vorort ein ganze wohnung zur züchtung angemietet, und selbst eine ältere dame am niederrhein sagte ja zum rundum-sorglos paket in der liebevoll ausstaffierten mühle: aufbau des automatisierten indoorgewächshauses mit lampen, lüftung, bewässerung, elektroinstallation, lieferung der setzlinge, ernte – alles aus einer hand, quasi wie bei der hähnchenmast. und wie bei der ging das fertige produkt zurück nach westen oder wurde - wahrscheinlich eher seltener - von der deutschen polizei entdeckt.
ob die verschärfte gangart in den niederlanden erfolg haben wird – abwarten. welche auswirkungen sie für die nachbarländer haben wird – kaum abzusehen.
wer aber heute nach roosendaal in nordbrabant kommt kann nicht nur nicht mehr ins coffee-shop – die sind dort nämlich auch geschlossen. er erlebt auch eine neue seite der gastgeber. an den zufahrtstaßen stehen leuchtschrifttafeln. bislang stand dort ein willkommensgruß. heute heißt es: het gedogen is voorbij (die duldung ist vorbei), courage – und die steht für eine fast grimmige entschlossenheit.
das vj-projekt kampf dem hanf in den niederlanden ist noch kurze zeit in der wdr-mediathek zu sehen.
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Mittwoch, 28. Oktober 2009
Montag, 12. Oktober 2009
die andere seite
sie hatte gefragt, wie es war, und ich wollte nicht lügen, sie hatte es mir ja auch längst angesehen: erniedrigend, sagte ich, es war erniedrigend. das also war das ausgleichs-training („du stellst kein rad ins wohnzimmer!“) und so blickte ich jetzt nicht von der aschenbahn im vorbeilaufen in die schwmmhalle; jetzt sah ich hinaus.
die fußstellung, von der der schwimm-meister sprach, kannte ich schon. sie sei nötig, wollte ich kraulen lernen, meinte er. im behandlungsraum des orthopäden wurde den menschen dagegen hoffnung auf heilung gemacht. das plakat an der wand zeigte fehlstellungen des fusses, diese hieß sichelstellung – und sollte der schlüssel zur speed und rechten lage im wasser sein? es war verstörend, doch ich ließ mir die beunruhigung nicht anmerken.
konstruktiv und einsichtig hatte ich um schwimmhilfen gebeten, mit denen ich üben wollte, weil brustschwimmen ja so auf die knie geht. sehr gut, meinte der schwimm-meister, das schaumstoffbrett müsste ich an fast ausgestreckten armen vor mir halten und dann mit den beinen aus der hüfte schlagen. es sei normal, wenn es nicht gleich klappt. außerdem mache der beinschlag nur etwa zehn prozent aus.
diese zehn prozent entsprechen in meinem fall wohl ziemlich genau der strömung, die durch die filteranlage im becken verursacht wird. sobald nämlich das wasser die energie des abstoßes vom beckenrand aufgenommen hatte, verharrte ich beinschlagend auf der stelle. manchmal, da bin ich mir wegen der position zum kachelmuster ziemlich sicher, ging es sogar rückwärts.
aber männer, die ihre schwächen nicht verbergen, bekommen beistand; so meinte ich bei der brustschwimmerin einen hauch von anerkennung ausgemacht zu haben, als sie mich das erste mal passierte: da steht einer zu seinem unvermögen, arbeitet hart, respekt! beim zweiten mal wirkte der blick dann aber schon eher amüsiert, beim dritten mal genervt und dann - sie schwamm ihre vierte runde während ich mich noch an der einen bahn abarbeitete - irgendwie angewidert. nun trug sie eine schwimmbrille, und ich kann mich ja irren, vielleicht war ich auch einfach nur im weg.
aber bitte, ich war guten willens. mit gelegentlichem scherenschlag schummelte ich mich über die 25-meter-bahn. abstossen, beinschlag, treiben, scherenschlag, beinschlag, treiben usw.. ich hatte zeit. einmal, zwischen all den überlegungen wie ich anders, besser und endlich mal - die sichelstellung korrigierend - überhaupt vorwärtskomme, dachte ich noch: so müssen sich männer fühlen, die gemüse grillen oder lehrer, die völkerball mit softbällen spielen lassen, irgendwie so ... überlegen!
dann hörte ich den dialog zwischen einer mutter und deren tochter, die ohne schwimmhilfe ins becken wollte auf den langen letzten beiden metern vor der wende „du musst doch erst noch lernen,“ sagte die frau zum kinde, „das ist doch nicht so schlimm. guck mal, der mann da, der kann das auch nicht.“ ich mogelte mich (siehe oben) an den beckenrand, legte beherrscht das brett auf denselben, klemmte mir die schaumstoffrollen (pullboy) zwischen die beine und machte mich mit 90 prozent vortrieb aus dem armzug davon. wechselatmung immer nach drei zügen – „das,“ sagte eine inzwischen am beckenrand stehende schwimm-meisterin, als ich pausierte, „das sieht ja schon ganz gut aus“. ergeben griff ich wieder zum schwimmbrett,
„ist ja auch nicht leicht,“ sagte der schwimm-meister, als ich so nach einer stunde zu ihm ging, „das kann schon ein paar monate dauern; allein die atmung, jaja.“ dann nahm er die schwimmhilfen. doch bevor er sie wegbrachte sah er mich an; ich meine, er hätte ja nichts sagen müssen oder etwas wie "was machen sie denn sonst?" sagen können - aber er sah mich nur kurz musternd an und meinte: „läufer, hm?!“
die 20er-karte für das hallenbad ist ein echtes schnäppchen. nur 2,40 statt 3,30 pro besuch – und dann auch noch mit guten ratschlägen – also, dass ist doch ein fairer preis, oder?
die fußstellung, von der der schwimm-meister sprach, kannte ich schon. sie sei nötig, wollte ich kraulen lernen, meinte er. im behandlungsraum des orthopäden wurde den menschen dagegen hoffnung auf heilung gemacht. das plakat an der wand zeigte fehlstellungen des fusses, diese hieß sichelstellung – und sollte der schlüssel zur speed und rechten lage im wasser sein? es war verstörend, doch ich ließ mir die beunruhigung nicht anmerken.
diese zehn prozent entsprechen in meinem fall wohl ziemlich genau der strömung, die durch die filteranlage im becken verursacht wird. sobald nämlich das wasser die energie des abstoßes vom beckenrand aufgenommen hatte, verharrte ich beinschlagend auf der stelle. manchmal, da bin ich mir wegen der position zum kachelmuster ziemlich sicher, ging es sogar rückwärts.
aber männer, die ihre schwächen nicht verbergen, bekommen beistand; so meinte ich bei der brustschwimmerin einen hauch von anerkennung ausgemacht zu haben, als sie mich das erste mal passierte: da steht einer zu seinem unvermögen, arbeitet hart, respekt! beim zweiten mal wirkte der blick dann aber schon eher amüsiert, beim dritten mal genervt und dann - sie schwamm ihre vierte runde während ich mich noch an der einen bahn abarbeitete - irgendwie angewidert. nun trug sie eine schwimmbrille, und ich kann mich ja irren, vielleicht war ich auch einfach nur im weg.
aber bitte, ich war guten willens. mit gelegentlichem scherenschlag schummelte ich mich über die 25-meter-bahn. abstossen, beinschlag, treiben, scherenschlag, beinschlag, treiben usw.. ich hatte zeit. einmal, zwischen all den überlegungen wie ich anders, besser und endlich mal - die sichelstellung korrigierend - überhaupt vorwärtskomme, dachte ich noch: so müssen sich männer fühlen, die gemüse grillen oder lehrer, die völkerball mit softbällen spielen lassen, irgendwie so ... überlegen!
dann hörte ich den dialog zwischen einer mutter und deren tochter, die ohne schwimmhilfe ins becken wollte auf den langen letzten beiden metern vor der wende „du musst doch erst noch lernen,“ sagte die frau zum kinde, „das ist doch nicht so schlimm. guck mal, der mann da, der kann das auch nicht.“ ich mogelte mich (siehe oben) an den beckenrand, legte beherrscht das brett auf denselben, klemmte mir die schaumstoffrollen (pullboy) zwischen die beine und machte mich mit 90 prozent vortrieb aus dem armzug davon. wechselatmung immer nach drei zügen – „das,“ sagte eine inzwischen am beckenrand stehende schwimm-meisterin, als ich pausierte, „das sieht ja schon ganz gut aus“. ergeben griff ich wieder zum schwimmbrett,
„ist ja auch nicht leicht,“ sagte der schwimm-meister, als ich so nach einer stunde zu ihm ging, „das kann schon ein paar monate dauern; allein die atmung, jaja.“ dann nahm er die schwimmhilfen. doch bevor er sie wegbrachte sah er mich an; ich meine, er hätte ja nichts sagen müssen oder etwas wie "was machen sie denn sonst?" sagen können - aber er sah mich nur kurz musternd an und meinte: „läufer, hm?!“
die 20er-karte für das hallenbad ist ein echtes schnäppchen. nur 2,40 statt 3,30 pro besuch – und dann auch noch mit guten ratschlägen – also, dass ist doch ein fairer preis, oder?
Dienstag, 2. Juni 2009
ein lächeln in der hölle
"die hölle," sagte sam rajasuriar, "sie ist nicht heiß, es brennen dort keine feuer. die hölle ist ein kalter ort, dunkel, still, voller angst - und du bist ganz allein." es war eine morgenandacht, damals im dezember 2004, wenige tage, nachdem der große tsunami auch sri lanka heimgesucht hatte. kameramann holger uhl und ich waren mit ärzten der hilfsorgansiation humedica in den norden gefahren, auf die halbinsel jaffna, ins gebiet der tamilen. sam rajasuriar ist pastor, betreibt mit humedica-unterstützung ein waisenhaus und mobile klinken. ein großer mann, hager, mit lebendigen augen, der fähigkeit mitreißend zu lächeln, zu sprechen und von einer menschlichen wärme und zugewandtheit, wie ich sie oft bei kirchenmännern gespürt habe.
an sam rajasuriar erinnerte ich mich, als ich gerade in einem kaum genutzten fach meines kamera-rucksacks eine alte ausgabe von „the economist“ fand: the silent tsunami, der stille tsunami hatte die zeitschrift im april 2008 getitelt. ich hatte die ausgabe in atlanta gekauft, bei einem zwischenstopp auf dem weg nach haiti, wo ich einen beitrag über die folgen der gestiegenen lebensmittelpreise drehte, über ein landwirtschaftliches entwicklungshilfeprojekt der kindernothilfe in den bergen und über humedica-mediziner, die in den slums eine mobile klinik unterhielten. gesundheit - die, sagte dr. markus hohlweck aus bonn, sei mit das erste, woran in notzeiten gespart würde. inzwischen sind die lebensmittelpreise wieder gesunken, die not auf haiti wird etwas weniger verzweifelt sein, die welt hat andere themen.
im schrecken ist auch frieden
aber diese zeitschrift holte die erinnerung an den verheerenden tsunami, der asien und teile der afrikanischen ostküste überschwemmt hatte, zurück. wir waren am zweiten weihnachtsfeiertag nach sri lanka geflogen, von colombo weitergereist nach jaffna, in den norden, in tamilen-gebiet. mg-stellungen zu beiden seiten der landebahn des flughafens, ein riesiges areal, umzäunt, gesichert, ein soldat, der uns von der baracke, in der wir abgefertigt wurden, an den rand des sperrgebiets brachte. er auf dem beifahrersitz des wagens, die kalaschnikow zwischen seinen beinen. wir fuhren vorbei an häusern, überwuchert, zerstört, voller einschußlöcher.
es war bedrückend, aber die menschen waren, wie so oft in krisengebieten, nahe beeinander. die gewalt der katastrophe hatte sie weich gemacht, achtsam, dem leben etwas friedfertiges gegeben. vielleicht war es die beliebigkeit, mit der das wasser seine opfer gefunden hatte, die alle argumente von gut und schlecht, gerecht und gestattet, der teilung, des kampfes, des tötens ausgehöhlt hatte. vielleicht war in dem erleben existenzieller machtlosigkeit etwas verbindendes. und so gab es in diesen wenigen tagen immer wieder kleine gesten und eine hoffnung: miteinander weiter. was der trauer gelang – es kann auch dem willen gelingen, sagte ein mitarbeiter von humedica in colombo.
am tag unserer abreise bestiegen wir einen hubschrauber der sri-lankischen armee, um luftaufnahmen von der zerstörten küste zu drehen. sam rajasuriar hatte den kontakt mit dem kommandanten vermittelt. vielleicht auch das etwas besonderes an dem pastor, dass er tröstend seine hand auf die schulter eines verletzten kindes in einer klink legen und kurze zeit später mit einem hohen offizier telefonieren konnte, dass er die fischer kannte, deren boote zerschmettert hunderte meter vom strand entfernt im landesinneren lagen, und den chef der örtlichen polizei. der hubschrauber, der nun bereitstand sollte uns nach manalkadu und wieder zurückbringen.
in dem kleinen ort am strand hatten wir für unsere reportage gedreht. wir hatten bewohner gefilmt und interviewt, die uns zeigten, wie hoch das wasser in ihren häusern gestiegen war, die uns erzählten, wie viele angehörige sie verloren haben, die nun die reste ihrer habe auf lastwagen luden und fortfuhren. wir hatten mit soldaten gesprochen, die in einem wachposten auf einem damm saßen und vom tsunami erzählten: wie sie die menschen sahen, die zwischen den dünen vor dem wasser landeinwärts flohen, wie sie ihnen zugerufen haben, nach oben zu laufen, das aber nur wenige kamen, wie dann schießlich einige dutzend auf der düne standen und überlebten auf den gräbern ihrer angehörigen. denn der hügel war der friedhof von manalkadu.
hilfe für familien
wir sahen die gräber wieder aus der luft, die nun leeren häuser, wir sahen sie zwischen dem lauf eines maschinengewehrs, des patronengurts und des helms eines der beiden bordschützen, der in jeder der offenen türen des amerikanischen bell-helikopters saß. mit diesem bild im kopf flog ich zurück nach deutschland. es vergingen nur wenige wochen, bis die zarten ansätze des dialogs zwischen regierung und tamil tigers (ltte) verdorrten. ein jahr später, zum jahrestag des tsunami, fragte niemand mehr nach der entwicklung des konflikts; berichtet wurde aus thailand, wo die angehörigen getöteter touristen linderung ihres leids in gedenkgottesdiensten suchten, aus indonesien und von spendengeldern, die immer noch auf konten schlummerten.
es ist erst ein paar tage her, dass tamilen vor dem düsseldorfer landtag gegen die inzwischen mit der niederlage der ltte beendeten offensive der armee demonstrierten. sie sind inzwischen gegangen. sam rajasuriar, das sagte mir steffen richter von humedica, bemüht sich in flüchtlingslagern der halbinsel jaffna um hilfe für familien. welche hölle sie in den wochen der kämpfe durchlebten – ich weiss es nicht. allein aber, da bin ich sicher, lässt der hagere mann sie nicht.
der jüngste artikel über humedica auf sri lanka und die arbeit von sam rajasuriar ist auf der humedica-homepage zu finden.
im schrecken ist auch frieden
aber diese zeitschrift holte die erinnerung an den verheerenden tsunami, der asien und teile der afrikanischen ostküste überschwemmt hatte, zurück. wir waren am zweiten weihnachtsfeiertag nach sri lanka geflogen, von colombo weitergereist nach jaffna, in den norden, in tamilen-gebiet. mg-stellungen zu beiden seiten der landebahn des flughafens, ein riesiges areal, umzäunt, gesichert, ein soldat, der uns von der baracke, in der wir abgefertigt wurden, an den rand des sperrgebiets brachte. er auf dem beifahrersitz des wagens, die kalaschnikow zwischen seinen beinen. wir fuhren vorbei an häusern, überwuchert, zerstört, voller einschußlöcher.
es war bedrückend, aber die menschen waren, wie so oft in krisengebieten, nahe beeinander. die gewalt der katastrophe hatte sie weich gemacht, achtsam, dem leben etwas friedfertiges gegeben. vielleicht war es die beliebigkeit, mit der das wasser seine opfer gefunden hatte, die alle argumente von gut und schlecht, gerecht und gestattet, der teilung, des kampfes, des tötens ausgehöhlt hatte. vielleicht war in dem erleben existenzieller machtlosigkeit etwas verbindendes. und so gab es in diesen wenigen tagen immer wieder kleine gesten und eine hoffnung: miteinander weiter. was der trauer gelang – es kann auch dem willen gelingen, sagte ein mitarbeiter von humedica in colombo.
am tag unserer abreise bestiegen wir einen hubschrauber der sri-lankischen armee, um luftaufnahmen von der zerstörten küste zu drehen. sam rajasuriar hatte den kontakt mit dem kommandanten vermittelt. vielleicht auch das etwas besonderes an dem pastor, dass er tröstend seine hand auf die schulter eines verletzten kindes in einer klink legen und kurze zeit später mit einem hohen offizier telefonieren konnte, dass er die fischer kannte, deren boote zerschmettert hunderte meter vom strand entfernt im landesinneren lagen, und den chef der örtlichen polizei. der hubschrauber, der nun bereitstand sollte uns nach manalkadu und wieder zurückbringen.
in dem kleinen ort am strand hatten wir für unsere reportage gedreht. wir hatten bewohner gefilmt und interviewt, die uns zeigten, wie hoch das wasser in ihren häusern gestiegen war, die uns erzählten, wie viele angehörige sie verloren haben, die nun die reste ihrer habe auf lastwagen luden und fortfuhren. wir hatten mit soldaten gesprochen, die in einem wachposten auf einem damm saßen und vom tsunami erzählten: wie sie die menschen sahen, die zwischen den dünen vor dem wasser landeinwärts flohen, wie sie ihnen zugerufen haben, nach oben zu laufen, das aber nur wenige kamen, wie dann schießlich einige dutzend auf der düne standen und überlebten auf den gräbern ihrer angehörigen. denn der hügel war der friedhof von manalkadu.
hilfe für familien
wir sahen die gräber wieder aus der luft, die nun leeren häuser, wir sahen sie zwischen dem lauf eines maschinengewehrs, des patronengurts und des helms eines der beiden bordschützen, der in jeder der offenen türen des amerikanischen bell-helikopters saß. mit diesem bild im kopf flog ich zurück nach deutschland. es vergingen nur wenige wochen, bis die zarten ansätze des dialogs zwischen regierung und tamil tigers (ltte) verdorrten. ein jahr später, zum jahrestag des tsunami, fragte niemand mehr nach der entwicklung des konflikts; berichtet wurde aus thailand, wo die angehörigen getöteter touristen linderung ihres leids in gedenkgottesdiensten suchten, aus indonesien und von spendengeldern, die immer noch auf konten schlummerten.
es ist erst ein paar tage her, dass tamilen vor dem düsseldorfer landtag gegen die inzwischen mit der niederlage der ltte beendeten offensive der armee demonstrierten. sie sind inzwischen gegangen. sam rajasuriar, das sagte mir steffen richter von humedica, bemüht sich in flüchtlingslagern der halbinsel jaffna um hilfe für familien. welche hölle sie in den wochen der kämpfe durchlebten – ich weiss es nicht. allein aber, da bin ich sicher, lässt der hagere mann sie nicht.
der jüngste artikel über humedica auf sri lanka und die arbeit von sam rajasuriar ist auf der humedica-homepage zu finden.
Mittwoch, 20. Mai 2009
na hoppela
bei anne will am sonntagabend hatte seine miene schon angespannt gewirkt. noch schien bundesärztekammerpräsident jörg-dietrich hoppe aber beherrschter als kv-nordrhein-chef leonhard hansen. der litt sichtlich unter der buhmann-rolle wegen seines praxisgeld-vorschlags. gestern aber, zur eröffnung des ärztetags in mainz, brach der sturm los. soviel harsche und härteste kritik am leitgänger der ärzteschaft - die rationierungs- und priorisierungsidee der medizinischen versorgung durchzuhalten, da bedarf es nun schon einer titanischen bräsigkeit. aufhorchen läßt aber auch das schweigen zweier starker stimmen und eine kleine meldung in der tagespresse.
"grauenvoll" und "völlig absurd"
ulrich weigeldt ist chef des deutschen hausärzteverbands (die kommen übrigens bei der honorarreform schlecht weg). er sagte der frankfurter rundschau, die diskussion diene der vernebelung, um nicht über fehlerhafte strukturen reden zu müssen. hoppes rede beim ärztetag sei "grauenvoll" gewesen. die vereinigung der demokratischen ärztinnen und ärzte (noch ein verband) hält die vorschläge laut berliner zeitung für "völlig absurd". wulf dietrich, geschäftsführender vorstand sagte demnach: "wir setzen doppelt so viele herzkatheter ein wie unserer europäischen nachbarn, wir haben mehr knieoperationen und mehr rückenoperationen, ohne dass erklärbar ist warum."
"beleidigung der anständigen"
arbeitgeber und deutscher gewerkschaftsbund schreiten seit an seit: eine "beleidigung der anständigen ärzteschaft" sei die forderung, sagte dgb-vorstandsmitglied annelie buntenbach und dieter hundt wird im handelsblatt konkreter: statt "immer mehr geld ins gesundheitssystem zu pumpen" müßten die zur verfügung stehenden mittel effizienter eingesetzt, ambulante und stationäre versorgung besser abgestimmt und wettbewerb gestärkt werden. florian lanz vom spitzenverband der krankenkassen meint, nach zehn prozent honorarplus sei die forderung nach leistungskürzungen und zuzahlungen ausdruck von geldgier.
honorar, verordnet
der spd-gesundheitsexperte karl lauterbach regte eine staatliche festlegung der ärzte-honorare wie bei architekten an, um unter-, über- und fehlversorgung wirksam anzugehen. bundesgesundheitsstaatssekretär klaus theo schröder erinnerte an die beteiligung der ärzte am schlamassel: die verwerfungen im neuen honorarsystem müsse deren selbstverwaltung auch lösen.
wer hat geschwiegen? eben!
damit haben wir die ärzte, politiker, krankenkassen und irgendwie - mit dem dgb für die arbeitnehmer und hundt für die arbeitgeber - auch die beitragszahler gehört. ("die patienten" gibt es leider nicht, denn wer soll für wen sprechen und wer steht hinter welchen verbänden, das grundproblem im system).
das sind ja ganz schön viele, mag mancher denken - aber zwei fehlen: pharma-industrie und apotheker; die sind sonst nicht um stellungnahmen verlegen, warum also hört man von ihnen nichts? höflichkeit gegenüber einem geschäftspartner? das ist eine - vielleicht auch unwahrscheinliche - erklärung. eine andere fand ich in einer einspaltigen meldung der tageszeitung: "apothekenketten in deutschland weiter verboten", stand da. der europäische gerichtshof (eugh: aktenzeichen C-171/07 und C-172/07) hat die strengen bedingungen zum betrieb einer apotheke bestätigt und damit "einem preiskampf" zwischen herkömmlichen apotheken und ketten wie doc-morris einen riegel vorgeschoben. die krankenkassen ärgert das, heißt es; so manchen patienten wohl auch.
hintergrund ist der streit um das "gesetz über das apothekenwesen" oder "apothekengesetz - apog". da wird schon im ersten abschnitt klargestellt, dass die erlaubnis zum betreiben einer apotheke nur für den approbierten apotheker gilt, der auch im lizensierten laden hinter der theke steht; der darf zudem maximal drei filialen betreiben. bei doc morris aber wären die betreiber angestellte, nicht der mensch, dem die erlaubnis persönlich erteilt wurde. und nun, da alle über die womöglich wildgewordenen ärzte reden, rauscht eher ruhig die sicherung des apotheken-monopols einfach so mit durch und keiner - bislang - der seufzt.
so schön kann artenschutz sein.
"grauenvoll" und "völlig absurd"
ulrich weigeldt ist chef des deutschen hausärzteverbands (die kommen übrigens bei der honorarreform schlecht weg). er sagte der frankfurter rundschau, die diskussion diene der vernebelung, um nicht über fehlerhafte strukturen reden zu müssen. hoppes rede beim ärztetag sei "grauenvoll" gewesen. die vereinigung der demokratischen ärztinnen und ärzte (noch ein verband) hält die vorschläge laut berliner zeitung für "völlig absurd". wulf dietrich, geschäftsführender vorstand sagte demnach: "wir setzen doppelt so viele herzkatheter ein wie unserer europäischen nachbarn, wir haben mehr knieoperationen und mehr rückenoperationen, ohne dass erklärbar ist warum."
"beleidigung der anständigen"
arbeitgeber und deutscher gewerkschaftsbund schreiten seit an seit: eine "beleidigung der anständigen ärzteschaft" sei die forderung, sagte dgb-vorstandsmitglied annelie buntenbach und dieter hundt wird im handelsblatt konkreter: statt "immer mehr geld ins gesundheitssystem zu pumpen" müßten die zur verfügung stehenden mittel effizienter eingesetzt, ambulante und stationäre versorgung besser abgestimmt und wettbewerb gestärkt werden. florian lanz vom spitzenverband der krankenkassen meint, nach zehn prozent honorarplus sei die forderung nach leistungskürzungen und zuzahlungen ausdruck von geldgier.
honorar, verordnet
der spd-gesundheitsexperte karl lauterbach regte eine staatliche festlegung der ärzte-honorare wie bei architekten an, um unter-, über- und fehlversorgung wirksam anzugehen. bundesgesundheitsstaatssekretär klaus theo schröder erinnerte an die beteiligung der ärzte am schlamassel: die verwerfungen im neuen honorarsystem müsse deren selbstverwaltung auch lösen.
wer hat geschwiegen? eben!
damit haben wir die ärzte, politiker, krankenkassen und irgendwie - mit dem dgb für die arbeitnehmer und hundt für die arbeitgeber - auch die beitragszahler gehört. ("die patienten" gibt es leider nicht, denn wer soll für wen sprechen und wer steht hinter welchen verbänden, das grundproblem im system).
das sind ja ganz schön viele, mag mancher denken - aber zwei fehlen: pharma-industrie und apotheker; die sind sonst nicht um stellungnahmen verlegen, warum also hört man von ihnen nichts? höflichkeit gegenüber einem geschäftspartner? das ist eine - vielleicht auch unwahrscheinliche - erklärung. eine andere fand ich in einer einspaltigen meldung der tageszeitung: "apothekenketten in deutschland weiter verboten", stand da. der europäische gerichtshof (eugh: aktenzeichen C-171/07 und C-172/07) hat die strengen bedingungen zum betrieb einer apotheke bestätigt und damit "einem preiskampf" zwischen herkömmlichen apotheken und ketten wie doc-morris einen riegel vorgeschoben. die krankenkassen ärgert das, heißt es; so manchen patienten wohl auch.
hintergrund ist der streit um das "gesetz über das apothekenwesen" oder "apothekengesetz - apog". da wird schon im ersten abschnitt klargestellt, dass die erlaubnis zum betreiben einer apotheke nur für den approbierten apotheker gilt, der auch im lizensierten laden hinter der theke steht; der darf zudem maximal drei filialen betreiben. bei doc morris aber wären die betreiber angestellte, nicht der mensch, dem die erlaubnis persönlich erteilt wurde. und nun, da alle über die womöglich wildgewordenen ärzte reden, rauscht eher ruhig die sicherung des apotheken-monopols einfach so mit durch und keiner - bislang - der seufzt.
so schön kann artenschutz sein.
Donnerstag, 14. Mai 2009
weisses rauschen
journalisten und ärzte haben eines gemeinsam: beide bekommen nicht gerne ihre grenzen aufgezeigt. die der mediziner sind im zweifel die wirklich wichtigen, weil sie ein scheitern definieren, den mißerfolg einer behandlung und menschliches leid. die der journalisten sind im allgemeinen eher intellektueller natur und führen maximal zu selbstwertkrisen, psychotherapien oder – im günstigen fall - dem redlichen bemühen, die dinge besser zu verstehen.
die schnittmenge zwischen beiden berufsgruppen sind gesundheitssystem und gesundheitspolitik. der vertreter des landesverbands einer gesetzlichen krankenkasse sagte mir kürzlich, es gebe in deutschland maximal sechs journalistInnen, die tatsächlich inhaltlich auf der höhe sind. das aber wäre wichtig, um die richtigen fragen zu stellen, denn in dem system habe man es immer mit lobbyisten zu tun – egal auf welcher seite man fragt, ob pharma-industrie, apotheker und – das sage nun ich – krankenkassen.
immer neue grenzen
ärzte hatten da eine sonderrolle; ihnen möchte mensch vertrauen, ihnen vertraut er auch und kein anderer beruf genießt in deutschland so ein hohes ansehen. es schwingt immer ein „zum wohle der menschheit mit“, wenn ärzte forderungen stellen, umstrukturierungen ablehnen oder sich wie jetzt über die neuordnung der honorare empören. allerdings hat noch kein arzt, das sagen nun die krankenkassen, die das geld überweisen müssen, eine abrechnung gesehen. am rande sei zudem erwähnt, dass die vertreter der ärzte in den kassenärztlichen vereinigungen (kv) jene reform weitgehend gestaltet haben, gegen die nun deren mitglieder protestieren; nicht gegen die kv (schon wieder so eine intellektuelle grenze) sondern gegen politik, gesetzliche krankenkassen, finanzkrise und überhaupt.
durchaus denkbar, dass die ärzte-lobbyisten, deren forderungen nun durch die medien rauschen, inzwischen ziemlich weit entfernt sind von ihrem volk in weiss. unmöglich und beinahe „kriminell“ findet ein hausarzt die forderung des präsidenten der kv-nordrhein, leonhard hansen, eine praxisgebühr bei jedem arztbesuch zu erheben, für den ohne überweisung beim facharzt sogar mit bis zu fünffachem satz. völlig absurd, mit dem ärztlichen selbstverständnis und eid des hippokrates überhaupt nicht zu vereinbaren sei, sagt ein anderer mediziner, die vorstellung des präsidenten der bundesärztekammer dr. jörg-dietrich hoppe, eine art prioritäten-liste für behandlungen einzuführen. so etwas gibt es in england schon oder auch in schweden. da entscheidet etwa ein punktesystem, wer wann welche operation bekommt, darunter auch lebensverlängernde oder -rettende organtransplantationen.
inquisitor in weiss?
offenbar sind für solche ärzte therapiefreiheit (wie immer gefordert, wenn es um den einsatz teurer medikamente und vieler moderner apparate geht) und ein möglicher behandlungserfolg doch nicht immer so wichtig, offenbar auch nicht der mensch (oder kunde?), möglichst zufrieden und mit dem gefühl ernst genommen und gut versorgt zu sein. ganz abgesehen davon, was sich im arzt-patienten-verhältnis tut, wenn der kranke befürchten muß, dass sein hang zu koffeinhaltigen getränken oder zigaretten seine aussichten auf die behandlung eines magengeschwürs verschlechtert. was wird er dem mediziner freiwillig erzählen und wo sind die grenzen? hätte ein hobbyportler wegen seines gesunden lebenswandels zwar anspruch auf herz-kreislaufmedikamente, nicht aber auf die 1a heilungsbeschleunigende behandlung eines bänderisses, denn den hat er ja durch die dämliche lauferei im wald selbst verschuldet? mutiert der arzt des vertrauens zum inquisitor, der je nach leiden das leben des kranken nach möglichen selbstverschuldeten risikofaktoren durchforstet oder wegen der lebenserwartung – daumen hoch, daumen runter – über wohl und wehe und zumutbarkeiten entscheidet? damit hätte sich nach jahren der – nach protesten zurückgenommene - vorschlag eines junge-union-politikers: keine neuen hüften für greise als prophetisch erwiesen (philipp mißfelder ist übrigens heute bundestagsabgeordneter)
es ginge dann aber nicht mehr um medizin sondern um das gegenteil, wie bei meinen recherchen ein hausarzt meinte: dann, sagte er empört, ginge es darum die menschen von der medizin fernzuhalten. ihm sei dieses bild unerträglich, denn es zeichne den patienten als störer, der, wenn er behandelt wird, die gewinne, jener mindert, die von seinen beiträgen leben.
solche not
der kameramann, mit dem ich an diesem tag arbeitete, erzählte auf dem weg zum dreh von einer ärztedemonstration, die er ein paar wochen zuvor aufgenommen hatte. „ärzte in not“ habe auf dem schild gestanden, das einer der mediziner getragen habe. allerdings habe er, der kameramann, noch nie so viele geländewagen eines deutschen sportwagenherstellers im umfeld einer mangel-motivierten demonstration gesehen, wie an diesem tag.
nun mag das empfinden von not höchst individuell sein; eine halbtagsbeschäftigte alleinerziehende etwa könnte mit den achseln zucken. wahrscheinlich würde sie den begriff not weder auf die situation der ärzte noch ihre eigene anwenden wollen. sie wäre vielleicht sogar und mit recht stolz auf das, was sie da bewältigt. mag auch sein dass ihre alltagskompetenz deutlich höher ist als die von radio-, kardio oder sonstwie -logen und ihr verständnis von not weniger panisch.
übrigens frage ich mich gerade, wieso mediziner glauben, dass eine hohe investition einen anspruch auf umsatz und rendite kreiert und den medizinischen – da ist es schon wieder – notstand heraufdämmern sehen, wenn kliniken ihre krebspatienten weiter ambulant strahlentherapeutisch behandeln und nicht in eine facharztpraxis schicken. mag ja sein, dass es gründe für die einrichtung konkurrenz-freier ärzte-biotope gibt. jetzt sagte aber im interview ein ärztelobbyist und internist meinem kollegen, mit dem ich gemeinsam an dem beitrag arbeitete, dass lange wartezeiten bei planbaren operationen wie einem künstlichen hüftgelenk durchaus denkbar wären. es könnte sein, dass dann der schneller behandelt würde, der privat bezahlt oder zuzahlt, das sei eben marktwirtschaft. nun, wenn die marktwirtschaft im gesundheitssystem in diese richtung geht - dann darf man sich ja auch mal umdrehen.
die frage nach der frage
vielleicht ist ja etwas dran, wenn der chef der aok-rheinland/hamburg im interview sagt, dass milliarden in selbstverwalteten bereichen verschwendet werden, dass es einsparpotentiale gibt, dass von denen, die wirtschaftlichkeit, effizienz und wettbewerb fordern die härtesten widerstände kommen, wenn sie selbst danach handeln und konkurrenz zulassen sollen. vielleicht aber waren die vorschläge des ärzte-präsidenten wirklich nur getöse vor dem ärztetag in der kommenden woche.
vielleicht ist das aber auch ganz anders, wenn man jemand anderen fragt. und vielleicht ist die frage nach der richtigen frage gar nicht die frage. sondern die: wenn ein system so kompliziert ist, dass es nur insider verstehen und der eindruck entsteht, dass dies so gewollt ist, wenn dieses system seiner eigentlichen aufgabe kaum mehr nachkommt, zerrissen ist im widerstreit der lobbyisten und aufgeblähten interessenverbänden – steht dann nicht das system in frage?
fragen sie mal ihren arzt oder apotheker.
der pro und contra-beitrag ist bis zum 7. juni hier zu sehen, ein weiterer film, der zuschauerreaktionen aufgreift und sich mit den ärzte-funktionären befasst, im sendungsarchiv der aktuellen stunde des wdr-fernsehens am 13. mai
die schnittmenge zwischen beiden berufsgruppen sind gesundheitssystem und gesundheitspolitik. der vertreter des landesverbands einer gesetzlichen krankenkasse sagte mir kürzlich, es gebe in deutschland maximal sechs journalistInnen, die tatsächlich inhaltlich auf der höhe sind. das aber wäre wichtig, um die richtigen fragen zu stellen, denn in dem system habe man es immer mit lobbyisten zu tun – egal auf welcher seite man fragt, ob pharma-industrie, apotheker und – das sage nun ich – krankenkassen.
immer neue grenzen
ärzte hatten da eine sonderrolle; ihnen möchte mensch vertrauen, ihnen vertraut er auch und kein anderer beruf genießt in deutschland so ein hohes ansehen. es schwingt immer ein „zum wohle der menschheit mit“, wenn ärzte forderungen stellen, umstrukturierungen ablehnen oder sich wie jetzt über die neuordnung der honorare empören. allerdings hat noch kein arzt, das sagen nun die krankenkassen, die das geld überweisen müssen, eine abrechnung gesehen. am rande sei zudem erwähnt, dass die vertreter der ärzte in den kassenärztlichen vereinigungen (kv) jene reform weitgehend gestaltet haben, gegen die nun deren mitglieder protestieren; nicht gegen die kv (schon wieder so eine intellektuelle grenze) sondern gegen politik, gesetzliche krankenkassen, finanzkrise und überhaupt.
durchaus denkbar, dass die ärzte-lobbyisten, deren forderungen nun durch die medien rauschen, inzwischen ziemlich weit entfernt sind von ihrem volk in weiss. unmöglich und beinahe „kriminell“ findet ein hausarzt die forderung des präsidenten der kv-nordrhein, leonhard hansen, eine praxisgebühr bei jedem arztbesuch zu erheben, für den ohne überweisung beim facharzt sogar mit bis zu fünffachem satz. völlig absurd, mit dem ärztlichen selbstverständnis und eid des hippokrates überhaupt nicht zu vereinbaren sei, sagt ein anderer mediziner, die vorstellung des präsidenten der bundesärztekammer dr. jörg-dietrich hoppe, eine art prioritäten-liste für behandlungen einzuführen. so etwas gibt es in england schon oder auch in schweden. da entscheidet etwa ein punktesystem, wer wann welche operation bekommt, darunter auch lebensverlängernde oder -rettende organtransplantationen.
inquisitor in weiss?
offenbar sind für solche ärzte therapiefreiheit (wie immer gefordert, wenn es um den einsatz teurer medikamente und vieler moderner apparate geht) und ein möglicher behandlungserfolg doch nicht immer so wichtig, offenbar auch nicht der mensch (oder kunde?), möglichst zufrieden und mit dem gefühl ernst genommen und gut versorgt zu sein. ganz abgesehen davon, was sich im arzt-patienten-verhältnis tut, wenn der kranke befürchten muß, dass sein hang zu koffeinhaltigen getränken oder zigaretten seine aussichten auf die behandlung eines magengeschwürs verschlechtert. was wird er dem mediziner freiwillig erzählen und wo sind die grenzen? hätte ein hobbyportler wegen seines gesunden lebenswandels zwar anspruch auf herz-kreislaufmedikamente, nicht aber auf die 1a heilungsbeschleunigende behandlung eines bänderisses, denn den hat er ja durch die dämliche lauferei im wald selbst verschuldet? mutiert der arzt des vertrauens zum inquisitor, der je nach leiden das leben des kranken nach möglichen selbstverschuldeten risikofaktoren durchforstet oder wegen der lebenserwartung – daumen hoch, daumen runter – über wohl und wehe und zumutbarkeiten entscheidet? damit hätte sich nach jahren der – nach protesten zurückgenommene - vorschlag eines junge-union-politikers: keine neuen hüften für greise als prophetisch erwiesen (philipp mißfelder ist übrigens heute bundestagsabgeordneter)
es ginge dann aber nicht mehr um medizin sondern um das gegenteil, wie bei meinen recherchen ein hausarzt meinte: dann, sagte er empört, ginge es darum die menschen von der medizin fernzuhalten. ihm sei dieses bild unerträglich, denn es zeichne den patienten als störer, der, wenn er behandelt wird, die gewinne, jener mindert, die von seinen beiträgen leben.
solche not
der kameramann, mit dem ich an diesem tag arbeitete, erzählte auf dem weg zum dreh von einer ärztedemonstration, die er ein paar wochen zuvor aufgenommen hatte. „ärzte in not“ habe auf dem schild gestanden, das einer der mediziner getragen habe. allerdings habe er, der kameramann, noch nie so viele geländewagen eines deutschen sportwagenherstellers im umfeld einer mangel-motivierten demonstration gesehen, wie an diesem tag.
nun mag das empfinden von not höchst individuell sein; eine halbtagsbeschäftigte alleinerziehende etwa könnte mit den achseln zucken. wahrscheinlich würde sie den begriff not weder auf die situation der ärzte noch ihre eigene anwenden wollen. sie wäre vielleicht sogar und mit recht stolz auf das, was sie da bewältigt. mag auch sein dass ihre alltagskompetenz deutlich höher ist als die von radio-, kardio oder sonstwie -logen und ihr verständnis von not weniger panisch.
übrigens frage ich mich gerade, wieso mediziner glauben, dass eine hohe investition einen anspruch auf umsatz und rendite kreiert und den medizinischen – da ist es schon wieder – notstand heraufdämmern sehen, wenn kliniken ihre krebspatienten weiter ambulant strahlentherapeutisch behandeln und nicht in eine facharztpraxis schicken. mag ja sein, dass es gründe für die einrichtung konkurrenz-freier ärzte-biotope gibt. jetzt sagte aber im interview ein ärztelobbyist und internist meinem kollegen, mit dem ich gemeinsam an dem beitrag arbeitete, dass lange wartezeiten bei planbaren operationen wie einem künstlichen hüftgelenk durchaus denkbar wären. es könnte sein, dass dann der schneller behandelt würde, der privat bezahlt oder zuzahlt, das sei eben marktwirtschaft. nun, wenn die marktwirtschaft im gesundheitssystem in diese richtung geht - dann darf man sich ja auch mal umdrehen.
die frage nach der frage
vielleicht ist ja etwas dran, wenn der chef der aok-rheinland/hamburg im interview sagt, dass milliarden in selbstverwalteten bereichen verschwendet werden, dass es einsparpotentiale gibt, dass von denen, die wirtschaftlichkeit, effizienz und wettbewerb fordern die härtesten widerstände kommen, wenn sie selbst danach handeln und konkurrenz zulassen sollen. vielleicht aber waren die vorschläge des ärzte-präsidenten wirklich nur getöse vor dem ärztetag in der kommenden woche.
vielleicht ist das aber auch ganz anders, wenn man jemand anderen fragt. und vielleicht ist die frage nach der richtigen frage gar nicht die frage. sondern die: wenn ein system so kompliziert ist, dass es nur insider verstehen und der eindruck entsteht, dass dies so gewollt ist, wenn dieses system seiner eigentlichen aufgabe kaum mehr nachkommt, zerrissen ist im widerstreit der lobbyisten und aufgeblähten interessenverbänden – steht dann nicht das system in frage?
fragen sie mal ihren arzt oder apotheker.
der pro und contra-beitrag ist bis zum 7. juni hier zu sehen, ein weiterer film, der zuschauerreaktionen aufgreift und sich mit den ärzte-funktionären befasst, im sendungsarchiv der aktuellen stunde des wdr-fernsehens am 13. mai
Montag, 4. Mai 2009
chancen, vertan
„es ist eigentlich richtig schön hier,“ sagt der polizist in dem zivilfahrzeug vor dem haus von helmut d., „da hinten gibt es sogar schafe, kamerunschafe.“ woher er die rasse kenne, frage ich ihn und er sagt, dass auch seine schwester solche habe. als wir an den zaun gehen, den feldweg entlang, der zum flüßchen wurm führt, traben sie meckernd heran: „egal aus welcher richtung man nach heinsberg-randerath kommt, nett ist es hier überall,“ meint er noch, dann geht er zurück zum wagen. einer von zweien, in denen vier beamte rund um die uhr – ja, was eigentlich tun? schützen sie die aufgebrachte gesellschaft vor einem sexualstraftäter oder den vor einer aufgebrachten gesellschaft?
es ist wohl ein bißchen von beidem und deshalb schwingt etwas verstörend beunruhigtes mit, wenn hans schmitz, der pfarrer des ortes sagt, er fürchte den moment, in dem die polizei geht, weil die lage sich dann unkontroliert entwickeln könne. und es ist ihm ernst, wenn er sagt, dass dann auch die dritte säule des rechtsstaats die menschen im stich liesse, da bereits jetzt weder ein gesetz noch ein gericht eine lösung böten für das, was randerath als eine prüfung empfinden muss.
dabei hat es wohl chancen gegeben, ihr zu entgehen, eine lösung zu finden mit der alle hätten leben können; die bürger, die familien, helmut d., der seinen bruder nach dem ende der haft zu sich, seiner frau und seinem sohn nahm, die polizei und die politiker. sie hatte so nahegelegen, war so greifbar, dass es schaudern macht.
alle haben es gewusst
im oktober war es oder im november, nein, genau weiss er es nicht mehr. es war aber im vergangenen jahr, da ist er sich ganz sicher, dass er es ihm gesagt hat. sie hatten zusammen gestanden, wie nachbarn es eben gelegentlich tun. dass sein bruder vielleicht bald zu ihm kommen werde, dass der noch im gefängnis sitzt wegen vergewaltigung; das hat helmut ihm gesagt. der ganze ort habe es schließlich gewusst.
mehrfach hatte ich während meiner recherchen und dreharbeiten gehört, dass die menschen in heinsberg-randerath monate vor der ankunft des wegen dreier vergewaltigungen verurteilten karl d. gewusst hätten, dass so etwas auf sie und ihre gemeinde zukommt. in der kneipe im ortszentrum erzählten sie mir, dass viele eltern ihre kinder schon vorbereitet, ihnen gesagt hätten, wie sie sich verhalten sollen, wenn fremde sie ansprechen und einige sohn oder tochter seit monaten auf deren wegen begleitet hätten. aber niemand hatte mir sagen können, woher diese informationen stammten. der mann aus der umgebung von helmut d.'s wohnhaus war der erste. ob er es weiter erzählt hat, ob helmut d. es auch anderen menschen sagte, die er auf der straße traf oder beim spaziergang mit seinem labrador am flüßchen wurm – es spielt keine rolle mehr.
die besonneneren meinen, landrat stephan pusch war getrieben, als er öffentlich vor dem von gutachtern und münchener staatsanwaltschaft als gefährlich bezeichneten mann warnte. getrieben von der justiz in bayern - die vom eigenen versäumnis beim prozeß mitte der 90er jahre wenn nicht ablenken dann zumindest nicht die verantwortung für die nicht beantragte sicherungsverwahrung übernehmen will - getrieben von der bevorstehenden veröffentlichung eines beitrags in einem privatsender - pfarrer hans schmitz: „die reporter fragten die menschen vor dem haus: was würden sie sagen, wenn da oben ein kinderschänder einziehen würde? die antwort können sie sich denken“ - und getrieben vielleicht auch von der anstehenden kommunalwahl in nordrhein-westfalen.
die wirtin winkt ab, als ich sie frage, was denn diesen zustand, in dem randerath nun ist, verursacht hat. es schwingt so etwas wie groll mit, es ist als würde sie einer verpassten gelegenheit nachtrauern, wenn sie von den äußerungen des politikers spricht und wie erst sie die menschen aufbrachten und alles auf den kopf stellte mit täglichen demonstrationen, aufmärschen der rechten und vielleicht auch einem riss, der durch den ort geht.
vielleicht wäre es ja auch anders gegangen, glaubt sie, leiser. sicher, die menschen hätten es nicht hingenommen, wenn so ein gefährlicher mann plötzlich in ihren ort zieht. aber es wäre ein langsamer prozeß gewesen.
von dem, was hätte sein können
was wäre denn gewesen, wenn münchner staatsanwaltschaft und heinsberger landrat gesagt hätten, dass die polizei maßnahmen ergriffen hat, der mann der führungsaufsicht untersteht, die menschen in dem betroffenen ort informiert sind und der gesamte vorgang routine im rechtsstaat ist? welche möglichkeiten hätten vielleicht bestanden, in einem sachlichen klima einfluss zu nehmen auf karl d.?
nun aber hat es den anschein, als gäbe es keine einfache lösung mehr. die existenz von helmut d. und seiner familie in randerath ist zerstört, das sagt er, das sagt sein anwalt, das sagen nicht wenige in randerath; es ist auch mehr als unwahrscheinlich, dass das münchner oberlandesgericht in dieser woche die unterbringung von karl d. veranlasst, glauben fachleute, da unwahrscheinlich ist, dass später der bundesgerichtshof die nachträgliche sicherungsverwahrung anordnet – und dann? welcher forensische psychiater wird den mann behandeln, nach all dem rummel, wenn er ihn nicht einsperren kann, um ja ganz sicher zu sein, dass nicht sein name mit einer neuen tat von karl d. in verbindung gebracht wird. aber warum sollte der sich nach 14 jahren gefängnis freiwillig einsperren lassen? was soll geschehen, wer nimmt den mann auf, wohin kann die familie, mehr einander verbunden mit jedem tag der ausgrenzung, stigmatisiert und ohne hoffnung auf einen neuanfang als ein jedermann? wer zahlt für das, was sie aufgeben müssen, in randerath und in ihren herzen?
und was nun?
wird möglicherweise wieder ein gericht ein urteil kassieren mit der begründung, der täter war zur tatzeit schuldunfähig, das sei aber nicht gewürdigt worden, karl d. habe also zu unrecht im gefängnis gesessen und käme nun endlich dahin, wo ihn so viele ja auch haben wollen, in eine geschlossene gerichtspsychiatrie? wird wieder auf so schwer erträgliche art recht gesprochen, welche die rechtslage für einen einzelfall korrigiert, und im ergebnis heißt: wir sperren dich wieder ein, damit dir recht geschieht?
das hat es schon einmal gegeben, in ostdeutschland nach der wende, als ein sexualstraftäter freizukommen drohte. der deutsch-deutsche einigungsvertrag gestand ihm – er war zur tatzeit heranwachsender und seine lebenslange freiheitsstrafe wurde in zehn jahre höchststrafe nach jugendstrafrecht umgewandelt - dies zu. auch dort hatten staatsanwaltschaft und ein gutachter gewarnt. wegen fällen wie diesem, des sogenannten kreuzworträtselmörders aus halle an der saale, war es aber auch, dass die nachträgliche anordnung der sicherungsverwahrung ermöglicht wurde. der mann ist inzwischen wieder frei.
wo die lösung liegt für randerath? es ist blanke ironie, wenn der pfarrer sagt, der ort sei im moment wohl einer der sichersten in deutschland; doch in der bitternis ist kein trost. die einen werden weiter demonstrieren, bis die gerichte entschieden haben und dann, so sagen sie, noch länger wenn es sein muss, wenn karl d. frei bleibt; die anderen werden vielleicht grimmig, vielleicht traurig zusehen und aushalten; manche anwohner aber auch helmut d., seine frau und sein sohn, werden sogar leiden. und selbst wenn karl d. geht - ein schatten wird bleiben über dem idyll.
den fernsehbeitrag vom 4. mai gibt es hier zu sehen.
Dienstag, 28. April 2009
schmerz ist unvermeidlich...
...leiden ist ein option“, zitiert haruki murakami einen ungenannten amerikanischen läufer. diese worte, schreibt der japanische schriftsteller, habe der mann seinem bruder als ein art mantra für die langen distanzen mitgegeben. murakami, selbst läufer, schreibt weiter, dieser satz umreisse den „hauptaspekt des marathons“: da keiner der qual entgehen kann bleibt jedem nur die entscheidung, ob er sie ertragen will oder nicht.
nun, ich laufe auch, längst nicht soviel und so weit wie murakami, aber ich laufe und ich lese vom laufen und anderen läufern und da bleiben solche sätze natürlich hängen. ohne einen marathon gelaufen zu sein oder auch nur ernsthafte gedanken daran zu haben, dachte ich auf einer neuen runde so etwa ab kilometer neun nach einer ungeplanten, annähernd zwei kilometer langen verirrung (der ersten und längsten von – trotz streckenplanung und karte - dreien ; man könnte mich in einer einbahnstraße aussetzen und ich würde mich verlaufen) länger über die worte und murakamis schlußfolgerung nach, dass dem unvermeidlichen nur entgehen könne, wer das langstreckenlaufen ganz läßt; sonst hatte ich ja nichts zu tun.
die zweite verirrung
interessanterweise konnte ich, als es wirklich schlammig und steil wurde (die zweite verirrung) mit dem satz durch direkte ansprache günstig auf die befindlichkeit meiner schwerer werdenden beine einfluss nehmen, die sorge vor einem stolpern über äste oder steine durch gelassenheit austauschen und die füsse sicher setzen.
an dieser stelle muss ich anmerken, dass meine größte bewunderung für den schriftsteller murakami um die für den läufer gewachsen ist, nachdem ich sein buch "wovon ich rede, wenn ich vom laufen rede" gelesen hatte. es ist von anderer qualität als "mein langer lauf zu mir selbst" von joschka fischer und das in zweifacher hinsicht - literarisch und sportlich. aber lassen wir das und kommen zurück zu dem finalen satz vom schmerz und der leidensoption.
die dritte verirrung
da ich weder marathon- noch ultra-läufer bin sind meine erfahrungen sicher unbedeutend. dennoch lieh ich mir diesen satz, der mich gepackt hatte, machte ihn mir zu eigen und da, so bei kilometer 12 (die dritte verirrung), wieder bergauf und durch die tiefen furchen schwerer forstfahrzeuge, kam mir ein gedanke, den ich in aller bescheidenheit als eine mögliche interpretation in die diskussion einbringen möchte: wenn es gelingt, das unvermeidliche als teil der aufgabe zu begreifen, dann gibt es die option, schmerzen und anstrengungen anzunehmen, ohne zu leiden. so wie etwa niederlagen im spiel einen nicht geringen teil des reizes ausmachen, und das spiel für den nicht mehr spiel ist, sondern etwas anderes wird, der immer gewinnt.
am ende seines buches schreibt murakami: „mit den jahren, in denen ich einen wettkampf nach dem anderen absolviere, werde ich am ende einen ort erreichen, an dem ich zufrieden bin. oder vielleicht erhasche ich ja auch nur einen blick darauf.“
befreiende läuterung
was er nun wieder damit meint, davon bekam ich eine ahnung nach fast 20 kilometern, rund 340 höhenmetern bergab und 340 metern bergauf und einer zweiten, verblüffenden erfahrung. dank der länge des laufs drang ich in den hinteren teil der playlist meines mp3-spielers vor und zu einem bislang ungehörten titel aus dem album "22 dreams" von paul weller. ob er auch läufer ist weiß ich nicht, aber er lieferte eine stimmige aussage zum thema, die mich über die letzten meter trug: kurz, treffend und von schlichter schönheit: shalalallalaa.
die zweite verirrung
interessanterweise konnte ich, als es wirklich schlammig und steil wurde (die zweite verirrung) mit dem satz durch direkte ansprache günstig auf die befindlichkeit meiner schwerer werdenden beine einfluss nehmen, die sorge vor einem stolpern über äste oder steine durch gelassenheit austauschen und die füsse sicher setzen.
an dieser stelle muss ich anmerken, dass meine größte bewunderung für den schriftsteller murakami um die für den läufer gewachsen ist, nachdem ich sein buch "wovon ich rede, wenn ich vom laufen rede" gelesen hatte. es ist von anderer qualität als "mein langer lauf zu mir selbst" von joschka fischer und das in zweifacher hinsicht - literarisch und sportlich. aber lassen wir das und kommen zurück zu dem finalen satz vom schmerz und der leidensoption.
die dritte verirrung
da ich weder marathon- noch ultra-läufer bin sind meine erfahrungen sicher unbedeutend. dennoch lieh ich mir diesen satz, der mich gepackt hatte, machte ihn mir zu eigen und da, so bei kilometer 12 (die dritte verirrung), wieder bergauf und durch die tiefen furchen schwerer forstfahrzeuge, kam mir ein gedanke, den ich in aller bescheidenheit als eine mögliche interpretation in die diskussion einbringen möchte: wenn es gelingt, das unvermeidliche als teil der aufgabe zu begreifen, dann gibt es die option, schmerzen und anstrengungen anzunehmen, ohne zu leiden. so wie etwa niederlagen im spiel einen nicht geringen teil des reizes ausmachen, und das spiel für den nicht mehr spiel ist, sondern etwas anderes wird, der immer gewinnt.
am ende seines buches schreibt murakami: „mit den jahren, in denen ich einen wettkampf nach dem anderen absolviere, werde ich am ende einen ort erreichen, an dem ich zufrieden bin. oder vielleicht erhasche ich ja auch nur einen blick darauf.“
befreiende läuterung
was er nun wieder damit meint, davon bekam ich eine ahnung nach fast 20 kilometern, rund 340 höhenmetern bergab und 340 metern bergauf und einer zweiten, verblüffenden erfahrung. dank der länge des laufs drang ich in den hinteren teil der playlist meines mp3-spielers vor und zu einem bislang ungehörten titel aus dem album "22 dreams" von paul weller. ob er auch läufer ist weiß ich nicht, aber er lieferte eine stimmige aussage zum thema, die mich über die letzten meter trug: kurz, treffend und von schlichter schönheit: shalalallalaa.
Freitag, 24. April 2009
hinter dunklen eingängen
es gibt in meinem beruf momente der dunkelheit. wir gelangen hinter sonst verschlossene türen, sind dabei, wenn andere längst gegangen sind, sehen zu, wenn andere die augen schließen; wir erfahren details, die wir verschweigen müssen, die zu kennen aber wichtig ist um zusammenhänge zu verstehen, motive. oft wissen wir, welche bilder uns an einem drehort erwarten, manchmal nicht und manchmal kommen die bilder zu uns.
einen solches bild sah ich in der vergangenen woche: ein junge spiegelt sich in der nahaufnahme der iris eines mannes, weinen ist zu hören. diese kurze sequenz fand ich im archivmaterial beim schnitt eines beitrags zum thema kinderpornographie.
fünf internetprovider sperren freiwillig die seiten mit solchen inhalten; am mittwoch beschloss das bundeskabinett, dieser maßnahme einen gesetzlichen rahmen zu geben. niemand wird also künftig zufällig auf eine solche seite kommen, niemand der aus kruder neugier diese bilder sucht sie ohne umwege problemlos finden. das ist gut, denn opferschützer wie ursula enders von zartbitter in köln haben mir erzählt von der fortgesetzten traumatisierung der opfer, wenn sie wissen, dass die bilder ihrer qual immer wieder betrachtet werden und niemals komplett gelöscht werden können.
was wird verhindert?
wird aber auch nur eine vergewaltigung, eine misshandlung verhindert, weil der deutsche "markt" zusammengebrochen ist? daran zweifeln auch vertreter der ermittlungsbehörden, mit denen ich sprach. pädokriminelle tauschen ihre bilder und filme nicht im www sondern in konspirativen tauschbörsen, zu denen sie ihre computer vernetzen. diese strukturen aufzubrechen und hintermänner bis zu denen, die vor den kameras mißhandeln zu ermitteln - da bedarf es komplexer internationaler polizeiarbeit.
so warnen denn auch kinderschützerinnen wie julia von weiler von innocence in danger, die ich für den beitrag interviewte: diese entscheidung, sagt sie, ist ein schritt, aber sie gibt das falsche signal, wenn sie als erfolg im kampf gegen kindesmißbrauch mißverstanden wird, wenn sie der öffentlichkeit das gefühl vermittelt, es sei ja nun etwas getan, prima, nächstes thema.
einfach nur zu einfach
kann man es aber nicht auch so sehen: der staat macht es sich zu einfach, er kapituliert. statt fahndungabteilungen personell und technisch adäquat auszurüsten, die straftaten zu verfolgen, die server ausfindig zu machen und stillzulegen, werden verbotsschilder aufgestellt, dunkle eingänge zugemauert - aber die strasse ist gefegt, die fassaden sind gestrichen, schön, nicht!? was im hinterhof geschieht - wer sieht noch hin?
es ist ähnlich wie beim rauschgift-handel auf dem spielplatz. dealer und käufer werden aus dem blickfeld verdrängt, das "subjektive sicherheitsgefühl des bürgers" (ein begriff aus der polizei-praxis) wächst, alle sind zufrieden. gedealt wird weiterhin, aber niemand sieht`s. schöne erscheinung am rand: die statistik wird viel besser, denn fälle von drogenhandel gibt es nur noch, wenn die polizei gezielt ermittelt. aus der augenfälligen straftat, die jeder beobachtete und die die polizei verfolgen muß, wurde ein sogenanntes kontrolldelikt. so, das befürchten einige, geht es auch mit der kinderpornographie.
etwas anderes aber wird erreicht: erstmals wird ein instrument der zensur in deutschland zugelassen. es könnte kaum bitterer sein, aber auf die gleiche weise wie die deutschen internetprovider kinderpornographie, sperren chinesische zensurbehörden die seiten tibetischer aktivisten, von amnesty international oder der ausländischen presse.
und wie nun weiter?
der vergleich könnte politisch kaum inkorrekter sein und doch muß man es vergleichen denn beides geschieht auf der im jeweiligen staat gültigen rechtsgrundlage; und die unterliegt - hier sogar noch mehr als in fernost und wenn der begriff unserer repräsentativen demokratie geziemt - der mode..
nun, da das tabu gebrochen ist, könnten begehrlichkeiten geweckt werden. man könnte ja auch ganz andere internetseiten sperren im kampf gegen den terror, gegen fremdenfeindlichkeit, gegen gegner der freiheitlich demokratischen grundordnung, gegner der regierung... hoppla!
es bedarf nur einer kampagne, einer stimmung, einer mehrheit und schon wird die grenze neu gezogen. zu pessimistisch? hoffentlich.
das bild des kindes auf der iris eines mannes, die spiegelung eines computerbildschirms - nach meinem ersten schrecken sah ich, dass es ein kollege war. darauf angesprochen sagte er mir, das er diese szene mit einer harmlosen privaten video-sequenz inszeniert hatte, das weinen kam vom band.
so einfach sind die lösungen aber nicht immer
der beitrag in der aktuellen stunde ist hier zu sehen.
zu den betreffenden seiten des bundesfamilienministeriums geht es hier
eine ausführliche und vielschichtige dokumentation von spiegel.de gibt es hier
einen solches bild sah ich in der vergangenen woche: ein junge spiegelt sich in der nahaufnahme der iris eines mannes, weinen ist zu hören. diese kurze sequenz fand ich im archivmaterial beim schnitt eines beitrags zum thema kinderpornographie.
fünf internetprovider sperren freiwillig die seiten mit solchen inhalten; am mittwoch beschloss das bundeskabinett, dieser maßnahme einen gesetzlichen rahmen zu geben. niemand wird also künftig zufällig auf eine solche seite kommen, niemand der aus kruder neugier diese bilder sucht sie ohne umwege problemlos finden. das ist gut, denn opferschützer wie ursula enders von zartbitter in köln haben mir erzählt von der fortgesetzten traumatisierung der opfer, wenn sie wissen, dass die bilder ihrer qual immer wieder betrachtet werden und niemals komplett gelöscht werden können.
was wird verhindert?
wird aber auch nur eine vergewaltigung, eine misshandlung verhindert, weil der deutsche "markt" zusammengebrochen ist? daran zweifeln auch vertreter der ermittlungsbehörden, mit denen ich sprach. pädokriminelle tauschen ihre bilder und filme nicht im www sondern in konspirativen tauschbörsen, zu denen sie ihre computer vernetzen. diese strukturen aufzubrechen und hintermänner bis zu denen, die vor den kameras mißhandeln zu ermitteln - da bedarf es komplexer internationaler polizeiarbeit.
so warnen denn auch kinderschützerinnen wie julia von weiler von innocence in danger, die ich für den beitrag interviewte: diese entscheidung, sagt sie, ist ein schritt, aber sie gibt das falsche signal, wenn sie als erfolg im kampf gegen kindesmißbrauch mißverstanden wird, wenn sie der öffentlichkeit das gefühl vermittelt, es sei ja nun etwas getan, prima, nächstes thema.
einfach nur zu einfach
kann man es aber nicht auch so sehen: der staat macht es sich zu einfach, er kapituliert. statt fahndungabteilungen personell und technisch adäquat auszurüsten, die straftaten zu verfolgen, die server ausfindig zu machen und stillzulegen, werden verbotsschilder aufgestellt, dunkle eingänge zugemauert - aber die strasse ist gefegt, die fassaden sind gestrichen, schön, nicht!? was im hinterhof geschieht - wer sieht noch hin?
es ist ähnlich wie beim rauschgift-handel auf dem spielplatz. dealer und käufer werden aus dem blickfeld verdrängt, das "subjektive sicherheitsgefühl des bürgers" (ein begriff aus der polizei-praxis) wächst, alle sind zufrieden. gedealt wird weiterhin, aber niemand sieht`s. schöne erscheinung am rand: die statistik wird viel besser, denn fälle von drogenhandel gibt es nur noch, wenn die polizei gezielt ermittelt. aus der augenfälligen straftat, die jeder beobachtete und die die polizei verfolgen muß, wurde ein sogenanntes kontrolldelikt. so, das befürchten einige, geht es auch mit der kinderpornographie.
etwas anderes aber wird erreicht: erstmals wird ein instrument der zensur in deutschland zugelassen. es könnte kaum bitterer sein, aber auf die gleiche weise wie die deutschen internetprovider kinderpornographie, sperren chinesische zensurbehörden die seiten tibetischer aktivisten, von amnesty international oder der ausländischen presse.
und wie nun weiter?
der vergleich könnte politisch kaum inkorrekter sein und doch muß man es vergleichen denn beides geschieht auf der im jeweiligen staat gültigen rechtsgrundlage; und die unterliegt - hier sogar noch mehr als in fernost und wenn der begriff unserer repräsentativen demokratie geziemt - der mode..
nun, da das tabu gebrochen ist, könnten begehrlichkeiten geweckt werden. man könnte ja auch ganz andere internetseiten sperren im kampf gegen den terror, gegen fremdenfeindlichkeit, gegen gegner der freiheitlich demokratischen grundordnung, gegner der regierung... hoppla!
es bedarf nur einer kampagne, einer stimmung, einer mehrheit und schon wird die grenze neu gezogen. zu pessimistisch? hoffentlich.
das bild des kindes auf der iris eines mannes, die spiegelung eines computerbildschirms - nach meinem ersten schrecken sah ich, dass es ein kollege war. darauf angesprochen sagte er mir, das er diese szene mit einer harmlosen privaten video-sequenz inszeniert hatte, das weinen kam vom band.
so einfach sind die lösungen aber nicht immer
der beitrag in der aktuellen stunde ist hier zu sehen.
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Montag, 20. April 2009
selbstgemacht, garantiert!
analog beschreibt etwas vergleichbares, funktionsgleiches in völlig anderer zusammensetzung, mit anderem inhalt und anderer struktur, es ist ein an-stelle-von und damit sind wir beim käse. analog-käse ist eine mischung aus wasser, eiweiß, pflanzenfetten, mitunter etwas echtem käse wegen der bakterien und geschmacksstoffen. nach kurzer zeit sieht die mischung aus wie käse, riecht wie käse, schmeckt ähnlich wie käse und verhält sich im pizzaofen oder beim überbacken sogar deutlich gutmütiger, weil das produkt hohe gartemperaturen besser verträgt und beim erhitzen nicht rot oder braun wird. und "er schmilzt besser", zitiert das bäko-magazin den vertriebsleiter einer bäckerei-kette.
und nun kommt`s: analog-käse kostet kaum die hälfte.
spätestens jetzt sagen wir: ach du liebe zeit, igitt, nee, meine pizza ess ich nicht! an analog-käse ist aber eigentlich nichts ekliges. gesundheitlich sind analog-gouda, -edamer,-mozzarella oder -schafskäse genauso unbedenklich wie das gleiche produkt vom wiederkäuer (wenn die milch ordentlich verarbeitet wurde). die industriell gefertigten beläge gehen möglicherweise sogar durch weniger hände bis zum verbraucher (lebensmittelkontrolleure wissen, welche bedeutung das haben kann).
außer food-designern oder fortschrittsbegeisterten naturwissenschaftlern würden die meisten konsumenten allerdings sicher erstmal zucken, wenn da "pizza analog" oder "mit käseimitat" auf der speisekarte stünde. so müßte es allerdings eigentlich sein, sagte mir christina blachnik, lebensmittelkontrolleurin in duisburg bei meinen recherchen. mag sein, dass mancher imbißbetreiber selbst gar nicht weiß, dass die tüte mit dem geriebenen gastro-mix im großmarkt-kühlregal gar keinen käse nach käseverordnung (100% milch) enthält. er liest vielleicht gar nicht das etikett mit den zutaten, sondern freut sich nur über den guten preis. dann, irgendwo auf dem weg zur fertigen pizza, der käsestange oder dem auflauf, geht die information verloren.
und nun kommt`s schon wieder: über deren guten preis freuen wir uns auch und spätestens hier hören wir verbraucher gemeinhin auf zu denken.
was immer, wann immer
"formvorderschinken spalla cotta" mit 51 % schweinefleisch und der rest substanzen die schnittfest aushärten? wir essen den teigfladen, auf dem die scheiben liegen; ein döner für drei euro, an dem tierzüchter, metzger, großhändler, bäcker, gemüsebauer und imbissbetreiber verdienen - wir fragen nicht wie das geht sondern sind entzückt und nehmen extra scharf.
so recht möchte ich nicht glauben, dass ein pizzaservice mit dem versprechen "unsere pizzen enthalten nur ausgewählte hochwertige zutaten ohne industrielle ersatzstoffe" auf dauer erfolg hätte, denn er müßte wohl deutlich teurer sein als die konkurrenz oder es wäre weniger drauf. wir selbst schaffen also durch unsere art der nachfrage nach billig-produkten die notwendigkeit, lebensmittel-analogien einzusetzen. was wir mögen wollen wir immer und besonders preiswert, damit wir es uns immer leisten können und nicht nur an einigen, vielleicht besonderen tagen (was übrigens wahrscheinlich sogar gesünder wäre). da bleibt das aufgeklärt kritische ganz entspannt auf der strecke und der geschmack für den echten geschmack sowieso.
die aufregung um die analog-produkte ist allerdings in einer hinsicht berechtigt: die authentische kennzeichnung ist eine pflicht; wir verbraucher müssen erfahren, was uns aufgetischt wird. woran ich allerdings meine zweifel habe ist, dass wir das immer wissen wollen - oder hat inzwischen jemand seinen pizzabäcker gefragt?
der fernsehbeitrag ist noch bis zum 9. mai hier zu sehen.
und nun kommt`s: analog-käse kostet kaum die hälfte.
spätestens jetzt sagen wir: ach du liebe zeit, igitt, nee, meine pizza ess ich nicht! an analog-käse ist aber eigentlich nichts ekliges. gesundheitlich sind analog-gouda, -edamer,-mozzarella oder -schafskäse genauso unbedenklich wie das gleiche produkt vom wiederkäuer (wenn die milch ordentlich verarbeitet wurde). die industriell gefertigten beläge gehen möglicherweise sogar durch weniger hände bis zum verbraucher (lebensmittelkontrolleure wissen, welche bedeutung das haben kann).
außer food-designern oder fortschrittsbegeisterten naturwissenschaftlern würden die meisten konsumenten allerdings sicher erstmal zucken, wenn da "pizza analog" oder "mit käseimitat" auf der speisekarte stünde. so müßte es allerdings eigentlich sein, sagte mir christina blachnik, lebensmittelkontrolleurin in duisburg bei meinen recherchen. mag sein, dass mancher imbißbetreiber selbst gar nicht weiß, dass die tüte mit dem geriebenen gastro-mix im großmarkt-kühlregal gar keinen käse nach käseverordnung (100% milch) enthält. er liest vielleicht gar nicht das etikett mit den zutaten, sondern freut sich nur über den guten preis. dann, irgendwo auf dem weg zur fertigen pizza, der käsestange oder dem auflauf, geht die information verloren.
und nun kommt`s schon wieder: über deren guten preis freuen wir uns auch und spätestens hier hören wir verbraucher gemeinhin auf zu denken.
was immer, wann immer
"formvorderschinken spalla cotta" mit 51 % schweinefleisch und der rest substanzen die schnittfest aushärten? wir essen den teigfladen, auf dem die scheiben liegen; ein döner für drei euro, an dem tierzüchter, metzger, großhändler, bäcker, gemüsebauer und imbissbetreiber verdienen - wir fragen nicht wie das geht sondern sind entzückt und nehmen extra scharf.
so recht möchte ich nicht glauben, dass ein pizzaservice mit dem versprechen "unsere pizzen enthalten nur ausgewählte hochwertige zutaten ohne industrielle ersatzstoffe" auf dauer erfolg hätte, denn er müßte wohl deutlich teurer sein als die konkurrenz oder es wäre weniger drauf. wir selbst schaffen also durch unsere art der nachfrage nach billig-produkten die notwendigkeit, lebensmittel-analogien einzusetzen. was wir mögen wollen wir immer und besonders preiswert, damit wir es uns immer leisten können und nicht nur an einigen, vielleicht besonderen tagen (was übrigens wahrscheinlich sogar gesünder wäre). da bleibt das aufgeklärt kritische ganz entspannt auf der strecke und der geschmack für den echten geschmack sowieso.
die aufregung um die analog-produkte ist allerdings in einer hinsicht berechtigt: die authentische kennzeichnung ist eine pflicht; wir verbraucher müssen erfahren, was uns aufgetischt wird. woran ich allerdings meine zweifel habe ist, dass wir das immer wissen wollen - oder hat inzwischen jemand seinen pizzabäcker gefragt?
der fernsehbeitrag ist noch bis zum 9. mai hier zu sehen.
Dienstag, 31. März 2009
tod nach hühnersuppe
„es ist die eigentliche gefahr des menschen zu versimpeln.“
ein wort an dem ich hängenblieb, ein zitat, heute gehört im autoradio. die sonne schien, der verkehr war lau und die gedanken frei: versimpeln - im englischen als make oder keep it simple nur etwas vereinfachen, etwas einfach oder verständlich halten; im deutschen aber kamen mir noch andere bedeutungen in den sinn: komplexere zusammenhänge auf das naheliegende reduzieren, nicht mehr wahrnehmen oder gar erkennen können, sich am banalen abarbeiten, das schwierige meiden, erwartbar sein, in der konsequenz desinteresse, banausentum, arroganz. woran man eben so denkt, im frühling beim autofahren.
beim starten des internetbrowsers hatte ich denn auch einen vielleicht etwas bizarren blick auf das, was heute offenbar so wichtig ist, dass es auf der startseite des providers steht: razzien gegen heimattreue deutsche jugend, aus für krieg gegen terror, kreisliga-spiel: tod nach kollaps, prinz williams fliegt jetzt holzklasse, richardsons letzte stunden, briatore beschimpft brawn als banditen, zahl der arbeitslosen im märz gestiegen, warum hühnersuppe gesund ist, grand prix 2009: melodien für moskau, fernsehen in neuer dimension erleben.
nun gibt es sicher gute gründe für all diese informationen und links und sicher erfüllt klatsch wichtige soziale funktionen; doch in meiner momentanen verfassung frage ich mich, wie viel zeit aufgewendet wird, um diese beiträge zu lesen, im fernsehen anzusehen oder im radio zu hören; und wie viel zeit bleibt dann noch für andere themen, die vielleicht komplexer sind als autos, die im kreis fahren, nicht so bewegend und gruselig wie ein möglicher myokardinfarkt und auf den ersten blick weniger mit meinem leben zu tun haben, als ein rezept für die zubereitung von geflügel? und wenn ich so vieles so appetitlich und einfach haben kann – wie viel mühe bin ich dann bereit mir zu machen, für schwierigeres, kantigeres, für das, was in diffusen strukturen vielleicht stärker in mein leben eindringt und es durchdringt und drängt, als dass versprechen, mit einem neuen browser keine email mehr zu verpassen (wobei ich die nachricht ja ohnehin nicht verpassen sondern nur später wahrnehmen würde)? und wenn das alles so ist, mit all den ablenkungen und bequemlichkeiten und vereinfachungen - wer hat etwas davon, dass ich so bin?
der eingangs zitierte satz stammt übrigens von christian morgenstern, in der sendung zeitzeichen auf wdr5 porträtiert. im gleichen text schrieb der dichter vom "grundhang, das leben zu einer biedermeierei zu erniedrigen“. mag sein, dass morgenstern das auch heute noch sagen würde, da das private triumphiert und schwierige zeiten uns sehnen machen nach dem einfachen, selbst wenn es als www daherkommt. aber 95 jahre nach seinem tod - wer weiss das schon?
den hörfunk-beitrag gibt es bis zum 29. April hier
ein wort an dem ich hängenblieb, ein zitat, heute gehört im autoradio. die sonne schien, der verkehr war lau und die gedanken frei: versimpeln - im englischen als make oder keep it simple nur etwas vereinfachen, etwas einfach oder verständlich halten; im deutschen aber kamen mir noch andere bedeutungen in den sinn: komplexere zusammenhänge auf das naheliegende reduzieren, nicht mehr wahrnehmen oder gar erkennen können, sich am banalen abarbeiten, das schwierige meiden, erwartbar sein, in der konsequenz desinteresse, banausentum, arroganz. woran man eben so denkt, im frühling beim autofahren.
beim starten des internetbrowsers hatte ich denn auch einen vielleicht etwas bizarren blick auf das, was heute offenbar so wichtig ist, dass es auf der startseite des providers steht: razzien gegen heimattreue deutsche jugend, aus für krieg gegen terror, kreisliga-spiel: tod nach kollaps, prinz williams fliegt jetzt holzklasse, richardsons letzte stunden, briatore beschimpft brawn als banditen, zahl der arbeitslosen im märz gestiegen, warum hühnersuppe gesund ist, grand prix 2009: melodien für moskau, fernsehen in neuer dimension erleben.
nun gibt es sicher gute gründe für all diese informationen und links und sicher erfüllt klatsch wichtige soziale funktionen; doch in meiner momentanen verfassung frage ich mich, wie viel zeit aufgewendet wird, um diese beiträge zu lesen, im fernsehen anzusehen oder im radio zu hören; und wie viel zeit bleibt dann noch für andere themen, die vielleicht komplexer sind als autos, die im kreis fahren, nicht so bewegend und gruselig wie ein möglicher myokardinfarkt und auf den ersten blick weniger mit meinem leben zu tun haben, als ein rezept für die zubereitung von geflügel? und wenn ich so vieles so appetitlich und einfach haben kann – wie viel mühe bin ich dann bereit mir zu machen, für schwierigeres, kantigeres, für das, was in diffusen strukturen vielleicht stärker in mein leben eindringt und es durchdringt und drängt, als dass versprechen, mit einem neuen browser keine email mehr zu verpassen (wobei ich die nachricht ja ohnehin nicht verpassen sondern nur später wahrnehmen würde)? und wenn das alles so ist, mit all den ablenkungen und bequemlichkeiten und vereinfachungen - wer hat etwas davon, dass ich so bin?
der eingangs zitierte satz stammt übrigens von christian morgenstern, in der sendung zeitzeichen auf wdr5 porträtiert. im gleichen text schrieb der dichter vom "grundhang, das leben zu einer biedermeierei zu erniedrigen“. mag sein, dass morgenstern das auch heute noch sagen würde, da das private triumphiert und schwierige zeiten uns sehnen machen nach dem einfachen, selbst wenn es als www daherkommt. aber 95 jahre nach seinem tod - wer weiss das schon?
den hörfunk-beitrag gibt es bis zum 29. April hier
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