Montag, 7. Mai 2012

Heard it in the newspaper...

Heute morgen erfahre ich aus den Zeitungen ungefragt, dass der verstorbene Beastie-Boy Adam Yauch aus einem „akademischen jüdischen Haushalt“ stammt, 1964 „als Sohn eines Katholiken und einer Jüdin im New Yorker Stadtteil Brooklyn“ geboren wurde. Warum mich das interessieren soll, weiß ich nicht. Wird hier angedeutet, dass er es im HipHop geschafft hat, trotz der Bürde, nicht in Bronx, Compton oder South Central geboren zu sein? Geht es um street credibility? Die hatten die Beastie Boys auf jeden Fall, wobei das in der wahrscheinlich kommerziellsten aller Musikrichtungen ohnehin eine etwas eigenartige Fragestellung ist. Welchen Glaubens wer in der Familie ist, war oder zu welcher Überzeugung er konvertierte – so what! - aber das ist ja auch von Miles Davis.

In einem anderen Artikel spielt der Glaube eine Rolle. Irgendwelche Rechtsradikale provozieren irgendwelche Salafisten. Erstaunlich präzise vorhersehbar eskaliert die Gewalt, Polizisten werden niedergestochen und tragische Opfer eines kühl kalkulierten Effekts. They say jump – you say how high; das ist auch nicht von den Beastie Boys sondern von rage against the machine, passt aber erstaunlich exakt, was den Vorfall selbst allerdings auch nicht besser macht.

Und dann sind da noch die Wahlen; alles auch wie erwartet, irgendwie. Von Paris über Kiel bis zum Pelepones. Nun geht es in der hiesigen Diskussion über das, was in Griechenland geschehen ist, um die Deutungshoheit: Sind die Linken der SYRIZA noch radikal (Gysi) und damit per se erstmal nicht oder doch schon extremistisch (Bild) und damit böse? Eines jedenfalls ist unbestritten: die Ränder sind gestärkt und wenn an den äußeren Enden gezerrt wird, setzt dies das Ganze unter Spannung. Damit wird eine längst gestellte, aber in der Diskussion um Milliarden, Zinsen, Bonität und den ganzen Rest völlig untergegangene Frage, wieder aktuell: wieviel Sparen verträgt die (griechische) Demokratie? Das ist auch nicht von den Beastie Boys sondern von Helmut Schmidt, kann man aber trefflich drüber nachdenken.



PS: Das mit der Kleinschreibung werde ich künftig lassen, Schuld ist Bastian Sick, der mich in einem Kapitel seines Buchs „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod (Teil 2)“ von deren Unschärfe überzeugt hat.

Samstag, 5. Mai 2012

Dienstag, 23. November 2010

fragen ohne antworten

wir sind am 19. oktober zurückgeflogen. im gate des flughafens von port au prince nahm ich mit meinem mp3-spieler 90 minuten haitianisches radio auf. "radio guinée, native, natale", viel musik, wahlkampfspots. wir bekamen nichts mit von der schleichenden seuche, die sich aus dem norden, aus st. marc, auf den weg gemacht hatte. die ersten nachrichten kamen am nächsten tag. dort, im departement artibonite, war ich bereits im april 2008 gewesen, hatte jean-robert saget, haitis botschafter in deutschland, und wolfgang groß, chef der hilfsorganisation humedica, begleitet in den monaten nach der hungerrevolte, als die lebensmittelpreise auf dem weltmarkt so stark angestiegen waren, dass viele sich mehl, öl, reis und bohnen nicht mehr leisten konnten. es ging dort um die folgen der landreform gegen ende des 20. jahrhunderts, um billige importe und das, was getan werden konnte.

abends hatte ich in dem einfachen haus von edouard vieux gesessen, unser gespräch gefilmt über seine familie und die vergangenheit der familie des ehemaligen landwirtschaftlichen großgrundbesitzers. über enteignungen, emigration, diktaturen, enttäuschte erwartungen, über zersiedelungen und brachliegende flächen, während die menschen hungern. immer wieder war das licht ausgegangen, aber der über achtzigjährige mann, auf dessen hocker am bett ein geladenes schrotgewehr lag, erzählte weiter, weil es immer so war mit dem strom und es ihm eigentlich auch längst nicht mehr auffiel

am nächsten morgen habe ich ihn erneut besucht, um mit seinem sohn zu den feldern zu fahren, die die familie noch hat und von denen einige verpachtet waren. ein paar landarbeiter hatten sich dort mit ihren familien in einer kleinen siedlung niedergelassen und vor ein paar wochen, als erntezeit war, waren drei bauern ermordet worden. die dunklen schatten der vergangenheit waren dort oben, wo das land so fruchtbar ist, noch nicht verblaßt.

aber davon sprachen wir nicht, als edouard vieux mir aus der kleinen aluminium-kanne einen espresso einschenkte. vielmehr sah ich nun bei tageslicht zum ersten mal durch die hintertür seines hauses hinaus. ich sah das meer. es war nicht irgendwo als streifen am horizont; im garten des nachbarhauses lag ein boot mit netzen und wenn der mann es zehn, zwanzig meter nach westen den strand hinunterzog schwamm es in der karibik. abends ging da die sonne unter und tauchte das elend von st.marc, dessen vergangener glanz wie ein lamento von den verfallenen fassaden klang, in ein versöhnliches, warmes licht.

es war ein moment, in dem mir der atem stockte angesichts der selbstverständlichen schönheit dieses landes und weil es auch einem besucher, einem beobachter schwer werden kann, angesichts dieser verheißung und der wirklichkeit. mag sein, dass solche momente männer wie den italiener luca dall'olio von der internationalen organisation für migration seit jahren in dem land halten, obwohl die aufgaben nicht geringer werden und andere, wie den kieler dirk günther von der welthungerhilfe nach jahrzehnten der entwicklungsarbeit "ich liebe haiti" sagen läßt, obwohl es sicher dankbarere aufgaben gäbe.

einen solchen moment gab es wieder während der dreharbeiten im oktober. "den schönsten blick hat man vom hotel ibolele" empfahl uns katja anger von der kindernothilfe, als wir sie nach einem guten standort für ein stadtpanorama fragten. sie hatte wohl recht. wie ein geschenk öffnete sich uns port au prince zwischen den bergen, dem meer. von hier oben sahen wir auf eine stolze stadt, verborgen im großen die not der millionen , die den besucher begleitet, sobald er in haitis hauptstadt angekommen ist; ein blick wie ein versprechen und doch eher eine utopie.

die stimmung huygens änderte sich. er war unser dolmetscher, 26 jahre alt. vor diesem gewaltigen panorama wurde er still, sein blick umflorte sich. dann setzten wir uns und bei einem saft auf der terrasse des ibolele, erzählte er von seiner hoffnungslosigkeit. es war ein eindringliches gespräch voll bitterkeit, resignation, trauer. eine zukunft, so glaubt er, wird er in haiti nicht haben und allein die verantwortung für seine familie, seine mutter und geschwister, hielt ihn, begabt, gut ausgebildet, im land.

wie es weitergeht, zum guten weitergeht, wie wiederaufbau, dezentralisierung, überhaupt das leben zu bewerkstelligen ist, auf diese fragen fanden wir bei den vielen gesprächen keine antworten, kaum mehr als vage theorien. es sind kleine erfolge; eine schule in einem bergdorf, nach ihrer zerstörung durch das beben wiederaufgebaut von den bewohnern. die kinder haben das wasser für den beton vom eine dreiviertelstunde entfernten fluß nach oben getragen, das holz, das eisen, die steine. aber werden sie bleiben, hier, wo das leben so mühsam und so einfach ist? jürgen schübelin von der kindernothilfe hofft das: "das leben hier", sagt er, "ist besser als in der stadt," in port au prince, das schon vor dem beben nur ein elend bieten konnte, keine arbeit, keine wohnung, aber trotzdem ein magnet war. doch für wie viele und wo gibt es das land, um hunderte, tausende, zehntausende anzusiedeln ohne bestehende strukturen zu überfordern?

es gibt gemeinden, in denen bürgermeister land für den wiederaufbau ausweisen, grundstücke bereitstellen und mit den hilfsorganisationen zusammenarbeiten. wenn dann die ersten übergangshäuser (beispiele von care und asb) stehen, für viele mehr als sie zuvor hatten, kann das eine signalwirkung für die nachbargemeinden haben. die menschen dort könnten dann ihre vertreter fragen: warum nicht bei uns, hofft dirk günther, regionalkoordinator der welthungerhilfe. eine zivilgesellschaft, die wie das neue haiti aus den trümmern entsteht, das wäre sein wunsch für das land. und wann, wenn nicht jetzt, kann das geschehen, wo alle erwartungen entäuscht wurden, wo in den notlagern komitees das leben organisieren und so viele ngos (nicht-regierungs-organisationen) wie wohl sonst nirgends auf der welt im land sind und vielleicht ein beispiel geben können?

port au prince wieder aufzubauen wie es war, das geht nicht, sagt luca dall'oglio, leiter der iom-mission. die nächste katastrophe wäre programmiert in den schlecht befestigten hängen, den von überschwemmungen bedrohten gebieten. aber wohin, wenn nicht zurück dorthin? es fehlt an mitteln, dem politischen willen, vielleicht wird es nach den wahlen besser, wenn die geberländer wissen, mit wem sie es zu tun haben und vielleicht die finanzierungszusagen einlösen. aber bisher gibt es keinen masterplan, sagt dall'oglio.

dafür gab es stürme und gibt es nun die cholera. „wir können nicht mehr“, stand an dem zaun eines lagers. aber auch dieses banner wird inzwischen zerrissen sein.


eine übersicht über die maßnahmen zahlreicher hilfsorganisationen mit schwerpunkt nordrhein-westfalen gibt es auf der seite nrw hilft haiti, aktuelle nachrichten über die lage auf den seiten der erwähnten ngos

die wdr-reportage "haiti - die vergessene katastrophe" (6. november, hier und heute unterwegs) ist als stream bei einslive zu sehen oder als video-podcast (noch) abrufbar.