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Dienstag, 7. September 2010

wütendes wasser

„das wasser des swat war einmal blau“, erzählt mir ajmal malik am ufer des flusses im norden pakistans. heute fließt es dort, wo vor der flut straßen waren, felder, häuser. in den bergen hat die katastrophe, die das land derzeit heimsucht, ein anderes gesicht als in den ebenen des punjab oder peschawars. während meiner reportage-reise sah ich beides.

nun, so sagen es fachleute der hilfsorganisationen, droht eine weitere welle. sie kommt schleichend, still – das sterben an hunger und krankheiten. extremely vulnerable heißt der begriff in der sprache der un-organisationen. mindestens acht millionen menschen gelten als besonders gefährdet, haben zum teil keinen zugang zu sauberem trinkwasser, kein obdach, keine nahrung.

während der reise durfte ich mitarbeiter des bündnisses entwicklung hilft begleiten, von welthungerhilfe und misereor. aber mir begegneten auch pakistanische aufbauhelfer, die trotz erdbeben im jahr 2005, trotz taliban, trotz militäroffensive und nun trotz der flutkatastrophe unermüdlich weitermachen; es waren kostbare begegnungen in einem fremden land.

ajmal malik etwa ist ein solcher mensch. „der weg ist weit, also müssen wir reden,“ sagte er mir, während wir im treck der menschen über schlammige pfade durch die hügel des swattals gingen, weil die straßen zerstört sind. wir redeten über die haltung des westens zu seinem land, über urteile, vorurteile und moralische positionen, über deren berechtigung in anderen kulturen, über gesellschaftsformen, über lügen, das ende der glaubwürdigkeit. und über die rolle der medien. der weg war dann doch nicht mehr lang, aber seine worte hallen nach von unserer demokratie und der ausgeübten macht, dem willen der massen und den entscheidungen ihrer vertreter, der institutionen.

er würde sich freuen, wenn wir das gespräch einmal fortsetzen, ließ er mir jetzt , nach meiner rückkehr, ausrichten. vielleicht gelingt das ja und vielleicht ist dann das wasser des swat wieder blau, türkisblau. heute ist es grau.

einige der beiträge, die im wdr gesendet wurden, sind in der spalte rechts verlinkt. weitere sind über die suchfunktion der mediathek mit dem begriff „pakistan“ recherchierbar.

die organisationen im bündnis entwicklung hilft arbeiten weiter im land, kooperieren mit anderen hilfsorgansiationen. die spenden werden erstaunlich präzise verteilt, mitarbeiter besuchen vor den verteilaktionen die betroffenen gebiete, es gibt gutscheinsysteme für die menschen in not und eine detaillierte koordination mit anderen nicht-regierungsorganisationen, um in den jeweiligen regionen bedarfsgerecht zu helfen und unter- aber auch überversorgung zu vermeiden.

Mittwoch, 21. April 2010

auf sicht

die wikinger, so habe ich mal gelesen, segelten zum großen teil auf sicht, als sie an den shetlands und faröern vorbei über island das drachenboot nach groenland steuerten. daraus eine parallele zu ziehen zwischen dem roten eric und dem kapitän eines airbus 320 in 12000 fuss über mitteleuropa ist reizvoll, führt aber eigentlich nicht weiter. fakt ist, dass die nordmänner einen posten auf dem eiland im atlantik aufbauten. die familien, die dort ansiedelten, hatten dann zeit, sich in schwermütigen, ewig anmutenden winternächten eine verwegene sprache mit gemeinheiten wie eyjafjallajökull und in heiteren, ewig anmutenden sommernächten schräge beiträge zum internationalen finanzgeschäft auszudenken.

beides kam mit macht über uns. und für beides muß der in ausgewogeneren tag-nacht-verhältnissen lebende mitteleuropäer dankbar sein. das eine zeigte, wie fiktives real wütet, das andere, der vulkan nämlich, räumt real mit fiktionen auf. ohnehin hatte ich den verdacht, dass die fluggesellschaften zwar auch wegen der täglichen verluste auf ein rasches ende des flugverbots drängen; vor allem aber damit niemand merkt, dass es ja auch ohne sie geht, sich gedanken macht, wie es künftig ohne sie gehen könnte oder gar erste schritte in diese richtung geht.

abgekoppelte welten

ein geschäftsmann etwa sagte in einer zuschauersendung auf wdr5, dass seine firma nun verstärkt auf telefon- und videokonferenzen setzen wird. das spare zeit und geld, sei zuverlässig und würde außerdem die entwicklung vorwegnehmen. denn mittel-, vielleicht sogar kurzfristig sei es ja ohnehin vorbei mit der vielen fliegerei.

sehr beachtenswert fand ich zudem die these von der abgekoppelten menschlichen welt, die darauf angewiesen ist, dass von ihr unbeeinflussbare systeme einfach funktionieren, die natur, vulkane oder sonnenwinde etwa. wenn sie das dann aber nicht tun, hilft auch der anruf bei der hotline nicht; im zweifel sagt der techniker dann nur das, was techniker in solchen fällen immer sagen: kann ich nix dafür, kann ich nix machen. irgendwie richtig und irgendwie traurig.

ein großhändler aus straelen am niederrhein – einem der größten umschlagplätze für obst, gemüse und blumen – zuckte auf meine frage, welche folgen die flugverbote für die warenströme haben werden, mit den schultern. eher keine, meinte er, aber deutsche blumenzüchter freuen sich möglicherweise, weil sie für ihre waren ein paar cent mehr bekämen.

und hier treffen sich erneut das abstrakte und die realität. in den paar cent mehr bei den auktionen wird nämlich klar, dass blumen aus afrika gar nicht billiger sind als rosen vom niederrhein. bislang löste sich ein teil des tatsächlichen preises allerdings auf, er verschwand mit den kondensstreifen am gestreiften himmel: wir bezahlen mindestens mit lebensqualität, mit einem stück gesunder umwelt. wer würde die preiswerten blumen kaufen wenn es hieße: die kriegen sie zu einem euro, dafür komme ich am wochenende vor ihr haus, haue zwischen 6 und 22 uhr alle fünf minuten auf die pauke und rieche dabei komisch? eben. nun aber ist etwas nicht stoffliches in harter währung zählbar, in egelsbach bei frankfurt, ratingen bei düsseldorf und refrath bei köln oder in all den anderen einflugschneisen zu unseren flughäfen: der preis der luftverschmutzung, der stille, des ungestörtseins.

der preis des verlorenen

und da schließt sich ein kreis und wir sind wieder in island. ungestörtsein und -bleiben hat dort nämlich einen hohen wert. nicht nur für die menschen, die sich zwischen eis und erruptionen ja recht unkompliziert aus dem weg gehen können. beim bau von straßen nimmt der isländische bulldozer nicht den kürzesten weg, sondern den freundlichsten. in manchen felsen hausen nämlich, heißt es, elfen und damit die nicht ihre heimstatt verlieren und böse werden (was isländische elfen wegen winter, sommer und so weiter ohnehin eher schon mal sind), führt die straße einfach drumrum. die zuständige straßenbaubehörde verlässt sich dabei auf ein paar menschen, die mit ihren besonderen fähigkeiten die verborgenen völker auch sehen können und zu rate gezogen werden, wenn wieder mal ein monolith im weg liegt.

ha, könnte der kritiker jetzt sagen, das bild fortgesetzt sind die autos die flugzeuge, die straßen die kondensstreifen und die elfen ärgern sich jetzt beim kaffee auf ihrer terrasse im lavagestein über die störung.

nun, halte ich dagegen, von der welt der elfen weiß ich nichts aber das ist ein schönes beispiel von achtsamkeit und davon, dass auch in unserer welt manches, das wir nicht sehen können, einen preis hat. für manche ist er nun erfahrbar, spätestens wenn das flugverbot wieder aufgehoben ist. vielleicht sind diese menschen dann die wirklich sehenden und würden lieber einen umweg gehen oder etwas mehr zahlen, wenn sie dafür nur wiederbekommen, was sie kurz einmal hatten.

Donnerstag, 7. Januar 2010

einer kam durch

„sie glauben ja gar nicht, was hier los ist, das reinste irrenhaus“, seufzt die sichtlich entnervte kassiererin auf nachfrage. nebenan erhielt eine junge frau gerade 955 € zurück und bezahlt mit ein paar scheinen aus dem bündel eine spielekonsole, die deutlich billiger war, als das laptop, das sie zurückgegeben hatte. jeder zehnte einkauf gratis wirbt die elektromarkt-kette. klingt ein bißchen wie jahrmarkt, das soll es wohl auch und weil das so ist, hat wahrscheinlich auch so mancher sein glück versucht. marketing mit hintersinn: statt zehnprozentiger preissenkung für alle das große los für jeden zehnten; so funktioniert der amerikanische traum, so funktioniert der lotto-jackpot. beide sind ungeheuer attraktiv und locken die massen. treffen solche umstände aber auf den aufgeklärten deutschen kunden und ist der zudem mit einer gewissen kaltschnäuzig- und dickfelligkeit ausgerüstet, dann kann das überraschende folgen haben. dann bringt eine junge frau den computer eben einfach zurück, wenn sie nicht gewonnen hat.



außerdem gibt es im land der verbraucherzentralen viele kunden, auf die jene eigenschaften zutreffen und deshalb sieht es so oder so ähnlich wohl in den mediamärkten in ganz deutschland aus. dutzende menschen mit unschuldigen gesichtern bringen ungeöffnete elektronik-artikel zurück und fordern mit stummem blick ihr geld von verkäufern, denen das eine ungeliebte, wesensfremde arbeit bereitet. das ausgerechnet die metro-tochter solch anarchischen zuständen die rollgitter öffnete ist ein vielversprechender start ins neue jahr, allemal unterhaltsamer als „det-iss-mein-laden“-mario.

„darf ich ihnen mal was sagen? sie wollten den computer nie bezahlen. sie haben keinen gratis-einkauf gewonnen und deshalb bringen sie ihn zurück“, hatte ein paar minuten zuvor ein verkäufer in der computerabteilung sicher zutreffend festgestellt und damit meine aufmerksamkeit erregt. sachlich, aber auch sehr direkt, versuchte er einen sehr jungen mann zu beschämen, sprach von missbrauch der kulanz, mahnte dessen stolz an, dessen rechtschaffenheit. der kunde aber sah ihn ungerührt an; etwa so wie ein kind, das sich nach dem schokoladen-massaker den tadel wegen der versauten kleider anhört; stumm, stoisch, zufrieden, denn es hatte ja, was es wollte – in diesem fall die chance, den nervenkitzel, das spiel. der mann sah also zu, wie der verkäufer, ihm weiter ins gewissen redend, gleichwohl die retoure verbuchte. dann nahm er die gutschrift für die kasse. so wie ein junges mädchen vor ihm; die hatte – wenigstens das, mag der verkäufer gedacht haben, wenigstens das – einen roten kopf.

doch dabei haben sich eigentlich alle an die spielregeln gehalten; rücknahme ungeöffneter, unbeschädigter ware versprach der markt. muss er zwar nicht, sorgt aber für gute stimmung und klingt kundenfreundlich. nur jetzt gerade nicht. denn die kunden kauften ein und warteten, bis es 22.30 uhr war und die gewinnzahl bekanntgegeben wurde – ist es die gleiche wie die maßgebliche ziffer auf dem eigenen einkaufszettel: geld zurück. stimmte sie aber nicht überein, kamen die enttäuschten am nächsten tag wieder. denn anders als auf dem jahrmarkt ist die niete kein wertloses stück papier sondern wertvolle hochtechnologie. also brachten sie das gerät gegen erstattung des kaufpreises zurück, tauschten es - je nach charakterfestigkeit oder moralischer überzeugungskraft des verkäufers - gegen ein kleineres oder etwas um, das sie wirklich brauchten, und nahmen die differenz zum kaufpreis des traumgeräts wieder mit. denn darum ging es ja auch: sich einen traum erfüllen, wenn ich schon mal die chance habe und ist sie nur eins zu zehn - ich bin doch nicht blöd!

„wenn gestandene leute uns etwas zurückbringen“, sagt die kassiererin zu mir ,“dann glaube ich denen gerne, dass sie es sich anders überlegt haben und erstatte den kaufpreis. aber da holen sich schüler und studenten handys für 600 euro oder ein laptop für 1500 und stehen dann am nächsten tag wieder auf der matte, wenn sie kein glück hatten.“ und deshalb gebe es jetzt geänderte regeln gegen die einer-von-zehnen-zockerei: nur noch umtausch von defekten geräten, ansonsten warengutschein über den kaufpreis, zumindest für einkäufe während der aktionstage, sagt sie, und zeichnet eine passage auf meinen kassenbon mit ihrem kürzel gegen. ob wirklich viele auf ihr glück und ein teures gerät spekuliert hätten, frage ich, während sie mir den zettel und das wechselgeld gibt; „klar“, sagt sie, „und einer von denen hat dann auch wirklich gewonnen.“ ich sehe auf den bon, dahin, wo sie ihr zeichen gemacht hat: auf die veränderung der umtauschregelung hingewiesen, steht da.

ein schelm, wer böses dabei denkt.

Freitag, 23. Oktober 2009

herrgottsbscheisserle

die schwäbische maultasche schwimmt nun quasi auf augenhöhe mit dem champagner in ihrer brühe: die europäische union schützt mit der anerkennung der teigware als regionale spezialität aber auch einen fall des betrugs. es ist schon einige jahre her, als mir eine liebe kernschwäbische verwandte erzählte, dass das, was so asketisch daherkommt, eigentlich der versuch sei, fastenge- und fleischver-bote zu umgehen. wahrscheinlich wiedermal mönche, diesmal aus - kann man sich das ausdenken? - maulbronn hatten die idee, das brät nicht nur durch beigaben zu einer grünlich-grauen masse zu vermischen, sondern es auch noch in einer teigtasche zu verbergen, damit wirklich niemand, wenn er von oben draufsieht auf den verstoss käme. dann drehte sie den kopf, sah mich mit einem hintersinnigen blick an und sagte: deshalb heißen sie auch "herrgottsbscheisserle."

und allein dafür - das denke nun ich - sei alles verziehen.

Donnerstag, 22. Oktober 2009

gelächelte weisheit

heute habe sie nur 62 prozent erreicht, sagte die junge frau und ich verpasste vor verblüffung die abfahrt. nur 62 prozent von ihrem lächeln schenkte die japanerin an jenem morgen den mit dem unternehmen keihin kyuko reisenden. lächeln aber sei wichtig, sagte ihr chef, denn dann fühle sich der zuggast sicherer; außerdem wolle der kunde keine stimmungsschwankungen beim dienstleister und deshalb sei der smilescan ein rundum nützliches instrument. entlassen werde niemand, wenn die elektronische abtastung des gesichts einen niedrigen wert anzeigt. die junge frau findet die gesichtskontrolle gut, erzähltre sie dem interviewer, denn ein freundlicher mensch sei ja ein angenehmerer mensch und so arbeitet sie im bahnhof gern an ihren zügen.

schon interessant, die asiaten. vielleicht war ich auch deshalb so empfänglich für den radiobeitrag auf wdr5, weil ich mich gerade mit den 36 strategemen und dem zusammenhang zwischen alter chinesischer kriegskunst, deutschen großprojekten sowie dem aufeinandertreffen der kulturen beschäftigt hatte. es ging um das world conference center in bonn und - inspiriert durch einen beitrag im bonner generalanzeiger - um das gebaren asiatischer manager und geschäftsleute im beschriebenen historischen kontext. klingt irrsinnig klug, wer aber "ghost dog" von jim jarmusch gesehen hat wird milde lächeln. in diesem großartigen film lebt ein genauso großartiger forest whitaker als auftragskiller nach den regeln des hagakure, eines textes von einem samurai für andere samurai. der ist mitunter sehr bildhaft und stylisch; sogar ulrike folkerts zitierte einmal - nach meiner erinnerung - als karate-kämpfende kommissarin odenthal im tatort, dass fische allzu klares wasser meiden.

manche regeln - wie jene, täglich an den tod zu denken und sich vorzustellen, wie man zerstückelt oder von pfeilen durchbohrt wird - sind irgendwie seltsam, andere - wie bedingungslose loyalität - eher romantisch. gleichwohl aber finden sich viele anregende gedanken ("dinge von großer bedeutung sollte man gelassen angehen, dinge von geringer bedeutung mit ernsthaftigkeit" - so ungefähr). ähnlich verhält es sich mit den 36 strategemen, einer chinesischen zitatensammlung, um die als schlüssel zum erfolg ein bißchen viel, wie ich finde, gedöns gemacht wird. mancher spruch läßt sich problemlos mit volksweisheiten übersetzen ("der pflaumenbaum verdorrt anstelle des pfirsichbaums" klingt vielleicht besser als "ein bauernopfer bringen"; ob ich aber "mit leichter hand das schaf wegführe" oder "die gelegenheit beim schopfe packe" bleibt sich gleich). anderes ist die hohe schule der list für den kleinen oder großen imperator ("einen weg für einen angriff gegen guo ausleihen" etwa steht für eine eigenartige dankbarkeit: der transitgeber wird auf dem rückweg nach erfolgreicher schlacht einfach miterobert).

wie ich lernte, liegt hier eines der mißverständnisse zwischen den kulturen: der listige gilt etwa in china als weise, list ist ausdruck der könnerschaft; wer das nicht weiß und nicht selbst versucht, das beste herauszuholen, gilt vielleicht sogar als amateur; hierzulande ist das anders und dann droht, wie im fall des wccb, ein böses erwachen. wahlweise können westliche manager oder verhandlungsführer ja auch kurse belegen, in denen sie lernen a) mit den besonderheiten asiatischer verhandlungskunst umzugehen oder b) diese gleich selbst anzuwenden.

mehr noch als die bebilderung der strategeme und die zuordnung zum geschehen beschäftigte mich aber die frage, wie ein solcher beitrag aussehen muß, damit er aber auch überhaupt nicht als rassistisch mißverstanden werden kann. nach einer wortwörtlich durchwachten nacht (manche wichtigen dinge kann ich dann doch nicht gelassen erledigen) war mir klargeworden, wie fremd mir der gegenstand dieses beitrags tatsächlich ist, dass ich nicht urteilen, nicht verurteilen und schon gar nicht entschuldigen darf, sondern dass sich respekt nur im respektieren und anerkennen der andersartigkeit zeigt, selbst wenn ich sie nicht verstehe. sebastian kelbling, der selbst viele jahre in asien gelebt hat und bundesbedienstete aber auch firmenvertreter mit den eigenheiten und mentalitäten des fernen ostens vertraut macht, spricht in dem film vom "wertschätzenden vergleich". mag ja sein, dass gerichte irgendwann tatsächlich rechtsbruch feststellen; er aber glaubt, dass fehler schon gemacht wurden, bevor verträge unterzeichnet waren und ich bin geneigt ihm zu glauben.

denn ein volk, dass mittels einer maschine die intensität des lächelns in prozent-punkten messen und an ihr arbeiten kann scheint mir weit voraus.


über den smilescan berichtete auch die süddeutsche zeitung

den beitrag über die 36 strategeme gibt es in der
wdr-mediathek , der gegenstand ist mal wieder in wikipedia beschrieben.

hier ist der link zum einstieg in die wirklich gut recherchierten berichte um das world confernce center im bonner generalanzeiger

Dienstag, 6. Oktober 2009

strahlende zukunft

die ersten diskussionen über gebrochene wahlversprechen führten wir schon am tag nach dem 27. september. meinung damals: vielleicht doch etwas zu früh, um zu urteilen? nun sind neun tage verstrichen und weder unsere erkenntnis noch die koalitionsverhandlungen sind bedeutend weiter, in der tageszeitung wird moniert, dass union und liberale keine botschaft haben, kein wohin, kein warum und auf fragen nach dem termin der steuerreform aggressiv schweigen; inzwischen liegt deutschland weltweit nur noch auf platz 22 in punkto lebensqualität.

dabei geht es mit sicherheit nicht um die landesküche, sonst hätte norwegen es niemals auf platz eins, die niederlande auf rang sechs und sogar noch großbritannien eine position vor uns geschafft es geht auch auch nicht um den freien zugang zu meer und strand, denn dann lägen wir vor der schweiz. der human development index (hdi) der vereinten nationen wird aus vielen bausteinen gebildet, basiert auf daten, die zwangsläufig bereits vor einigen jahren erhoben wurden und bildet damit naturgemäß genügend angriffsfläche für polemik. also zu den fakten: interessanterweise gelten in den meisten ländern im ranking vor der bundesrepublik gesetzliche mindestlöhne, branchenregelungen in den meisten bereichen oder absprachen zwischen übergreifenden arbeitgeber- und arbeitnehmerverbänden. manche davon (siehe unten) würden manchem vollzeit-arbeitnehmer mit hartz-IV-zuschuss tränen in die augen treiben. bislang aber ist nur deren schweigen zu vernehmen, zum hdi im besonderen, denn der ist ja gerade erst veröffentlicht worden, und zur bundestagswahl im allgmeinen.

andere hingegen haben sich geäußert, da war die tinte auf dem offziellen wahlergebnis noch gar nicht trocken: zahnärztevertreter und atomkraftwerksbetreiber hatten es schon am montagmorgen in die hörfunknachrichten geschafft und äußerten ihre forderungen für eine bessere welt. von mindestlöhnen war nicht die rede; aber - soviel trost muß sein - geht es da ja zumindest auch irgendwie um eine strahlende zukunft.


hdi-ranking (mindestlöhne in klammern): 1. norwegen (branchenregelungen), 2. australien (7,65 € pro stunde), 3. island (branchenregelungen), 4. kanada (max. 5,66 €), 5. irland (1.462 € pro monat), 6. niederlande (1.335 €), 7. schweden (branchenregelungen), 8. frankreich (1.280 €), 9. schweiz (in der diskussion), 10. japan (branchen- und regionenspezifisch), 11. luxemburg (1.570 €), 12. finnland (branchenregelungen), 13. usa (696 €), 14. österreich (über sozialpartner), 15. spanien (700 €), 16. dänemark (branchenregelungen), 17. belgien (1.309,6 €), 18. italien (branchenregelungen), 19. liechtenstein (über sozialpartner), 20. neuseeland (6,25 €), 21. großbritannien (1.222,5 €), 22. deutschland (wenige branchen)...

Dienstag, 8. September 2009

schon mal die hälfte

ob ein blog die plattform für ein interview ist - keine ahnung; als ich aber von den dreharbeiten zu einem beitrag über die entwicklung von kindern zu aggressivem verhalten zurückkam, war ich auf vielfache weise beeindruckt: von der mutter, die uns ihr kind und die gemeinsamen probleme vorgestellt hat, von den freundlichen aber auch unzweideutigen erzieherinnen, von bereitschaftspflegeeltern, deren herzen groß genug für andere als die eigenen kinder sind und von einer frau, die ohne schnörkel über ursachen von aggresivem verhalten bei kindern und jugendlichen sprach. elke lübbermann-landscheidt ist psychologin und leitet die erziehungsberatung vest des kreises recklinghausen. mit der these, dass gewalttätige, aggressive kinder immer selbst opfer waren, geschlagen oder vernachlässigt wurden, ihre bedürftigkeit auf diese weise zu stillen suchen, räumte sie in dem folgenden gepräch gründlich auf.

vernachlässigung ist ein Problem, was sind andere?

vernachlässigung hat sicher ganz gravierende auswirkungen auf die entwicklung der kinder. doch wenn es um aggressive verhaltensweisen und antisoziale entwicklungen bei kindern und jugendlichen geht, dann ist das nur eine seite der medaille. der kern aggressiven verhaltens entsteht in der frühen kindheit ab dem 2., 3. lebensjahr, wenn kinder den eindruck bekommen, oder die erfahrung machen, dass sie durch aggressives verhalten zum erfolg kommen. ein beispiel: das kind soll abends ins bett hat aber keine lust; es schimpft, es schreit und schließlich geben die eltern nach: na gut, noch fünf minuten. wenn das gelegentlich passiert, ist es nicht schlimm. dieses nachgeben wird aber zum problem, wenn es öfter vorkommt. in belasteten familien gibt es pro tag fünf bis sieben solcher situationen. die folge ist, dass kinder dieses verhalten dann richtig einüben. wenn sie im alter von zwei jahren damit anfangen und die eltern nicht gegensteuern, dann haben sie bis zur einschulung bis zu 10000 trainingseinheiten absolviert. aggressives verhalten ist dann ein stabiles persönlichkeitsmerkmal. ob die eltern es sich einfach machen, kein interesse an ihren kindern haben, das kind ruhig stellen wollen, weil es sie stört, oder glauben, es sei gut für die entwicklung des kindes ist dabei völlig egal; sie lassen damit eine gefährliche entwicklung zu.

nun ist es etwas wollen aber nicht bekommen doch ein elementarer konflikt zwischen eltern und kindern – wie sollte der richtig gelöst werden?

immer weniger eltern können mit diesem problem sicher und souverän umgehen. sie haben oft keine klaren regeln in den familien, alles steht zur diskussion. gut wäre es, wenn eltern klar und eindeutig sagen, was sie möchten, wenn sie kindgerechte anforderungen stellen und darauf achten, dass diese erfüllt werden. das heißt nicht, dass kinder eingeschränkt werden sollen. sie müssen die möglichkeit haben, sich zu entfalten. aber es muß klar sein, dass eltern die regeln aufstellen und deren befolgung auch durchsetzen. das kann man nicht den kindern überlassen. doch in den letzten jahren und jahrzehnten ist die selbstverständlichkeit verlorengegangen, mit der noch unsere großeltern ihre kinder erzogen haben. es gibt ein fülle unterschiedlicher konzepte, ansichten und methoden, was zur folge hat, dass immer mehr eltern überhaupt nicht mehr wissen, was für ihre kinder gut ist. das kann man aber lernen. wir in der erziehungsberatung haben weit über 3000 familien, die wir pro jahr beraten, wir veranstalten auch elternschulen.




wie müssen sich erzieher gegenüber auffällig aggressiven kindern verhalten?

erzieher müssen sehr eindeutig sein, sie müssen klare regeln aufstellen, den tagen in kindergarten oder schule wiederkehrende strukturen, ein gerüst geben. sie müssen aber auch sehr feinfühlig auf die bedürfnisse der kinder, ihre stimmungen und die situationen eingehen. eines allerdings müssen sie immer vor augen haben: um des lieben friedens willen einzulenken, ist eine gefährliche sache. denn was lernt das kind? es macht immer wieder die erfahrung: ich muß nur lange genug laut genug und unverschämt genug sein, dann bekomme ich was ich will. neben der erziehung zur aggressivität ist damit aber auch ein anderes großes entwicklungsrisiko verknüpft. diese kinder werden sich niemals verantwortlich oder schuldig fühlen, es sind immer die anderen: wenn sie in der schule nicht mitkommen, ist der lehrer schuld, weil er den stoff nicht gut erklärt hat; dass sie nicht aufgepasst oder zuwenig gelernt haben können sie nicht akzeptieren. wenn sie etwas nicht erledigt oder verpasst haben sind die eltern schuld, weil sie sie nicht daran erinnert haben. es ist eine subtile methode, denn diese kinder haben noch etwas gelernt: wenn ich um eine anforderung herumkommen will, dann muss den anderen da attackieren, wo er persönliche schwachstellen hat, wo er verletzbar ist; den lehrer in seiner didaktischen kompetenz, mutter und vater in ihrer fürsorge oder den stiefvater in seinem wunsch nach nähe: du hast mir nichts zu sagen. das sollten eltern, erzieher und lehrer wissen und die angriffe dieser kinder nicht persönlich nehmen. denn in diesem moment wollen die kinder nur ihren willen durchsetzen, koste es was es wolle. da ruhig zu bleben ist sicher sehr schwer, aber man kann das üben und lernen.

wie schaffe ich es, trotzdem mein kind gewaltfrei dahin zu bringen, dass es tut, was ich möchte?

die möglichkeiten sind unterschiedlich und hängen auch vom alter ab. ich kann etwa ein kleines kind ablenken, indem ich etwas anderes erzähle oder ein lied singe. ein beispiel: das kind will seine schuhe nicht anziehen; ich fange an zu singen und nutze die ablenkung, um den schuh anzuziehen. oder ich gehe gar nicht auf die weigerung ein, sondern frage welchen schuh ich zuerst anziehen soll – es ist egal, was das kind sagt, wir kommen unserem gemeinsamen ziel um 50 prozent näher. bei älteren kindern genügt es vielleicht schon, freundlich aber deutlich klar zu machen, was man möchte. solange das kind sehr klein ist, kann ich es auch hochheben und etwa in sein zimmer tragen. bei einem 14- oder 15jährigen kann ich das nicht mehr. es geht also darum, es frühzeitig richtig zu machen. denn die erziehung zu aggressivem verhalten hat noch eine weitere folge. diese strategie ist so erfolgreich, dass sie das kind daran hindert, andere, prosoziale verhaltensmuster zu erlernen. denn von selbst und ohne notwendigkeit kommt ein solches kind nicht darauf, höflich oder freundlich zu sein, zu fragen oder kompromisse zu schließen. es muß dafür anleitung und unterstützung erfahren.

sind solche kinder weniger als andere in der lage, sich in andere hineinzuversetzen, mitgefühl zu empfinden?

aggressives verhalten halte ich weniger für ein problem mangelnder empathischer fähigkeiten. denken sie an einen jugendlichen, der andere mobbt, schikaniert oder psychischen druck auf sie ausübt. der kann sich phantastisch in sein opfer hineinversetzen, deshalb ist er so erfolgreich. ein mangel an empathischen fähigkeiten bedeutet nicht, dass ein mensch aggressiv reagiert.


das faltblatt der erziehungsberatung vest ist hier abrufbar, der fernseh-beitrag in der wdr-mediathek


zu dem thema empfiehlt elke lübbermann-landscheidt das buch: „wenn schüler streiten und provozieren – richtig intervenieren bei antisozialem verhalten“ des schulpsychologen dr. karl landscheidt, mit dem sie auch verheiratet ist (verlag reinhardt, münchen, ab 26,90 €)

Donnerstag, 27. August 2009

schwangerinnen

es war ein vorgespräch zu einem interview mit einem ansonsten sehr netten und sicher auch vernünftigen vertreter der lehrerschaft. es ging - pardon, wieder einmal - um die schweinegrippe, um seifenspender und papierhandtücher in klassenzimmern, um aufklärung vor dem unterricht und infomaterial. der mann war, wie gesagt, vernünftig und gelassen. komme es allerdings zu infektionen, sagte er, müssten die schulleiter besonders fürsorglich sein bei "schwangeren lehrerinnen und lehrern". hübscher reflex; wir haben beide kurz gelacht, aber ein bißchen nachdenklich macht es mich schon.

Montag, 25. Mai 2009

muss es denn wirklich sein?

sie brauche mal wieder neue schuhe, sagte die trainingspartnerin, aber sie wisse nicht so richtig welche. die – und damit meinte sie jene, die sie trug – seien ja ganz gut, aber die gebe es nicht mehr. nun sei sie unsicher. ein bekannter etwa habe das neue modell seiner vertrauten reihe gekauft und jetzt knieprobleme beim laufen. der verkäufer sagte ihm, er würde diese schuhe schon nicht mehr anbieten, weil so viele sportler sie reklamierten. nun ist des läufers fuss eine empfindliche schnittstelle und ein wenige millimeter zu weiter schuh, eine zu weiche sohle, eine falsche stütze und schon – peng – schmerzen knie, hüfte, rücken, der spaß wird zur tortur. solch achtloser umgang mit dem bewährten aber macht mich grundsätzlich traurig – insbesondere als mann.

nicht allein

mir fiel der besuch in einem körperpflege-laden wieder ein. die freude auf den kauf wich ratlosigkeit, denn da stand etwas anderes im vormals vertrauten regal. warum änderte die kosmetik-kette die rezeptur, den duft der feuchtigkeitscreme und das design der tube, fragte ich betroffen die verkäuferin. neues management, sagte sie, erschrocken weil ahnungsvoll. sie pries noch die neuen produkte an, doch ihr unruhiger blick verriet mir, dass ich nicht der erste und nicht der einzige war, der ohne einkauf ging, gekänkt, schweigend, stolz: ich lasse mich doch nicht zwingen, zeit für das herümschnüffeln an neuen produkten zu verschwenden, denen ich nicht nur mit argwohn begegne, sondern denen ich erst gar nicht bereit bin, eine chance zu geben?!

wer wissen will, was männliche treue bedeutet, sollte in nassrasur-foren etwa die threads über die ausdauernde suche nach einem traditions-after-shave oder einer bestimmten rasierseife lesen, staunend erfahren von den erfolgen und deren folgen für bankkonten und heimische vorratshaltung. wer heimlich ins badezimmer schleicht, um verschämt aber hingebungsvoll an seinem rasierpinsel zu riechen, der möchte eben keine veränderungen.

zudem zeugt es von wenig kenntnis der männlichen konsumentenpsyche, die auf schnellen erfolg ausgelegt ist. der lohn des einkaufs ist die ware, nicht der weg zu ihr mit allen wirrungen bis zum richtigen regal. will ich erst testen, anprobieren, vor allem aber: riskieren zu irren? nein!

loyaler irrtum?

denn marken-bestand, davon bin ich inzwischen überzeugt, steht für kontinuität, stellt mich, die welt, das universum sowie jeans der größe 34/36 in ein ewiges, gleichsam gesetzmäßiges koordinatensystem der zuverlässigkeit und schützt vor dem altern. wer leichfertig ändert, riskiert es nicht nur, kunden zu verlieren; er frevelt, missachtet, verletzt. das geänderte soll besser sein? mag sein, es ist aber erst mal anders und das ist das problem. denn das neue nennt meine treue schäbig, einen irrtum.

vergangen in den zeitläuften, vom markt genommen weil nur von wenigen geschätzt – da darf sich der loyale den letzten zugehörig fühlen, die das echte zu schätzen wissen. aber das liebgewonnene profan gewandelt, dem modernen geschmack angepasst – das straft ihn alt, überholt und damit sind wir wieder bei den laufschuhen; denn deren modifzierung - selbst wenn sie als fortschritt daher kommt – ist, das erkenne ich nun, mehr als ein mögliches orthopädisches problem, viel mehr.

Mittwoch, 6. Mai 2009

endlich ruhe

den ganzen tag hatten wir uns während eines reporter-trainings mit der schweinegrippe beschäftigt - und dann das: nicht ein wort, nicht ein bild von menschen mit schutzmasken, von wissenschaftlern, pipettierend im labor und von ernsten interviewpartnern in den leit-nachrichten.

heute morgen dann offiziell entspannung: alles nicht so schlimm, H1N1 in der schweinegrippe-version könnte sich zwar noch ausbreiten aber die krankheit verläuft meist moderat.

und dann weist die moderatorin noch darauf hin, dass durch die vergangene humane winter-influenza-welle 16 000 menschen starben und ich meine einen anklagenden subtext zu hören. etwa so: diese wissenschaftler, wieso haben sich alle nur so aufgeregt, etwas mehr gelassenheit bitte vor dem nächsten outbreak-unken.

wo meine zunft da stand – in diesem fall möglicherweise nicht ganz leicht zu sagen: wer trieb an, wer war getrieben? die tägliche entwicklung des pandemie-phasen-indikators der weltgesundheitsorganisation erinnerte mich schwer an den film „wargames“: mr. president, ich empfehle defcon 2 - das lämpchen wird orange; die quelle ist seriös, experten hierzulande bestätigen die informationen über mögliche verbreitung und gefahr - die nachricht muss also stimmen, die geschichte ist gut - raus damit.

viel rauch also um nicht so wirklich viel, so sieht es jetzt aus. wenn das so ist: wer hat da alles „feuer“ gerufen? und was ist, wenn sie das nächste mal rufen? wer wird zuhören und wie genau?

Dienstag, 21. April 2009

zwei bilder...

...von denen eines neu ist, nämlich dieses, das andere alt, nämlich dieses; ein bad im schäumenden, schmutzigen fluß, ein bad in milch. ein bild aus einem schwellenland, ein bild aus einem industrieland.

alles gesagt

Montag, 20. April 2009

selbstgemacht, garantiert!

analog beschreibt etwas vergleichbares, funktionsgleiches in völlig anderer zusammensetzung, mit anderem inhalt und anderer struktur, es ist ein an-stelle-von und damit sind wir beim käse. analog-käse ist eine mischung aus wasser, eiweiß, pflanzenfetten, mitunter etwas echtem käse wegen der bakterien und geschmacksstoffen. nach kurzer zeit sieht die mischung aus wie käse, riecht wie käse, schmeckt ähnlich wie käse und verhält sich im pizzaofen oder beim überbacken sogar deutlich gutmütiger, weil das produkt hohe gartemperaturen besser verträgt und beim erhitzen nicht rot oder braun wird. und "er schmilzt besser", zitiert das bäko-magazin den vertriebsleiter einer bäckerei-kette.

und nun kommt`s: analog-käse kostet kaum die hälfte.

spätestens jetzt sagen wir: ach du liebe zeit, igitt, nee, meine pizza ess ich nicht! an analog-käse ist aber eigentlich nichts ekliges. gesundheitlich sind analog-gouda, -edamer,-mozzarella oder -schafskäse genauso unbedenklich wie das gleiche produkt vom wiederkäuer (wenn die milch ordentlich verarbeitet wurde). die industriell gefertigten beläge gehen möglicherweise sogar durch weniger hände bis zum verbraucher (lebensmittelkontrolleure wissen, welche bedeutung das haben kann).

außer food-designern oder fortschrittsbegeisterten naturwissenschaftlern würden die meisten konsumenten allerdings sicher erstmal zucken, wenn da "pizza analog" oder "mit käseimitat" auf der speisekarte stünde. so müßte es allerdings eigentlich sein, sagte mir christina blachnik, lebensmittelkontrolleurin in duisburg bei meinen recherchen. mag sein, dass mancher imbißbetreiber selbst gar nicht weiß, dass die tüte mit dem geriebenen gastro-mix im großmarkt-kühlregal gar keinen käse nach käseverordnung (100% milch) enthält. er liest vielleicht gar nicht das etikett mit den zutaten, sondern freut sich nur über den guten preis. dann, irgendwo auf dem weg zur fertigen pizza, der käsestange oder dem auflauf, geht die information verloren.

und nun kommt`s schon wieder: über deren guten preis freuen wir uns auch und spätestens hier hören wir verbraucher gemeinhin auf zu denken.

was immer, wann immer

"formvorderschinken spalla cotta" mit 51 % schweinefleisch und der rest substanzen die schnittfest aushärten? wir essen den teigfladen, auf dem die scheiben liegen; ein döner für drei euro, an dem tierzüchter, metzger, großhändler, bäcker, gemüsebauer und imbissbetreiber verdienen - wir fragen nicht wie das geht sondern sind entzückt und nehmen extra scharf.

so recht möchte ich nicht glauben, dass ein pizzaservice mit dem versprechen "unsere pizzen enthalten nur ausgewählte hochwertige zutaten ohne industrielle ersatzstoffe" auf dauer erfolg hätte, denn er müßte wohl deutlich teurer sein als die konkurrenz oder es wäre weniger drauf. wir selbst schaffen also durch unsere art der nachfrage nach billig-produkten die notwendigkeit, lebensmittel-analogien einzusetzen. was wir mögen wollen wir immer und besonders preiswert, damit wir es uns immer leisten können und nicht nur an einigen, vielleicht besonderen tagen (was übrigens wahrscheinlich sogar gesünder wäre). da bleibt das aufgeklärt kritische ganz entspannt auf der strecke und der geschmack für den echten geschmack sowieso.

die aufregung um die analog-produkte ist allerdings in einer hinsicht berechtigt: die authentische kennzeichnung ist eine pflicht; wir verbraucher müssen erfahren, was uns aufgetischt wird. woran ich allerdings meine zweifel habe ist, dass wir das immer wissen wollen - oder hat inzwischen jemand seinen pizzabäcker gefragt?

der fernsehbeitrag ist noch bis zum 9. mai hier zu sehen.

Mittwoch, 1. April 2009

reinzensiert

es war ein pling, ein glöckchen oder was auch immer. jedenfalls störte es mich und machte mich erst auf den song aufmerksam, der im hintergrund lief. das geräusch hatte den fluß von lily allens text in "the fear" unterbrochen und ich dachte: "ah, sie haben das f-wort durch einen sound ersetzt damit ich es nicht höre. aber das f-wort wäre doch zu kurz für das geräusch gewesen; hmh, es war bestimmt das f-wort als verb mit -ing."

nun bezweifle ich, dass ich das f-wort gehört hätte, es wäre wohl ohne weiteren schaden anzurichten einfach so an mir vorbeigerauscht. dank des akustischen signals aber habe ich das f-wort mehrfach gedacht, es im originaltext gelesen, den ich zu rate zog, um sicherzugehen und schreibe jetzt sogar darüber; wer hat nun was erreicht?

übrigens fällt mir bei dieser zensurform noch etwas anderes ein, nämlich eine verfremdende aneignung a´la ronald reagan. der sah allein das hymnische der titelzeile in bruce springsteens "born in the usa", und blendete das kritische einfach aus. es mag ziemlich dämlich daherkommen, aber geschadet hat es reagan nicht. es war wahrscheinlich sogar ziemlich clever. wer erinnert sich schon an den text vom bruder, der in vietnam starb, der weg ist, während der damalige feind immer noch da ist? eben.

und damit sind wir wieder bei den radio-geschmacks- und sittenwächtern; denn so gesehen erzeugt so ein kleines pling aufregung um das f-wort und leitet die aufmerksamkeit um und weg vom text; der aber ist es eigentlich wert, etwa hier gelesen zu werden; trotz und mit dem f-wort.

weeze, wilfried, winnenden

in der forschung wie und warum menschen wirken gibt es eine studie, die besagt, dass 58 prozent des eindrucks, den ein mensch auf mich macht, durch seine optische erscheinung verursacht werden, 35 prozent durch die art wie er mit mir spricht, ob langsam, gelassen und mit tiefer stimme oder schnell, aufgeregt und im diskant. lediglich sieben prozent macht das aus, was die person sagt. derjenige, der sich im optischen bereich unsicher fühlt, kann allerdings entspannt bleiben: irgendwann kehren sich die verhältnisse um.

es sind wenige sekunden (zehn bis 20) in denen wir uns auf unser äußeres verlassen können und bei unserem gegenüber archaische prozesse in jenen hirnregionen ablaufen, die nach freund/feind/futter unterscheiden, hektisch den katalog der maschen nach der aussichtsreichsten oder den der schnellen verabschiedungen nach der glaubwürdigsten durchforsten. ist diese zeit aber vorbei wird das gesprochene wort wichtig. so funktionieren wir eben, so funktionieren nachrichtensender und so funktioniert wilfried schmickler; deshalb ist er kabarettist, muss viel und ausdauernd reden, und brad pitt schaupieler und gönnt uns pausen.

wahnsinn vom feinsten

bei seinem letzten auftritt räsonierte er über die medien im fall winnenden. auch über eine junge frau. sie stand bei ntv live vor der kamera, da habe auch ich sie gesehen. neben einem gewissen mitgefühl ob der schweren aufgabe (auch solche emotionen erschafft unser gehirn binnen sekunden, manchmal) war ich aber auch neugierig zugeneigt; neugierig als zuschauer, der von der schrecklichen tat das neueste erfahren wollte, als kollege, der solche situationen, den druck und die probleme kennt, und zugeneigt wegen der erwähnten optisch generierten wirkung. als aber der satz: "das chaos hier ist vom feinsten" fiel und die junge frau (in meiner erinnerung mindestens zweimal) vom "wahnsinn" sprach, der in ihrem fall nicht tat oder täter beschrieb sondern die situation, die hektische polizei, die aufgeregten anwohner, den hubschrauberlärm, den aufmarsch der medien, also allgemein die situation rund um das schulgebäude, da nahm ich die fernbedienung und schaltete weg.

in solchen momenten geschehen gemeine dinge mit mir. ich beginne mich wie ein ertappter lügner zu winden, drücke meinen rücken tief in die sofakissen und verschränke die arme vor der brust. minutenlang möchte ich nichts sagen sondern nur weg, weg, weg. ein arger anfall von fremdschämen, wie es sonst nur gelegentlich talkshows schaffen.

wilfried schmickler schenkte mir mit seiner - berechtigten - empörung über diesen auftritt eine befreiende läuterung. gewissermaßen war ich ja mitschuldig geworden als zuschauer und mit seiner standpauke wusch er auch mich rein.

gestern abend las ich im blog eines jungen läufers vom strongmanrun 2009 in weeze. ein paar beiträge weiter unten berichtet er - so unvermittelt wie ein webtagebuch eben ist - von der amokdrohung an seiner schule am vergangenen freitag (27. märz). heute morgen dachte ich ans laufen, an den blog, mir fiel das verbrechen von winnenden wieder ein, die unglückliche junge frau und wilfried schmickler.

wie das jetzt wieder alles zusammenhängt - bestimmt gibt es auch dafür eine studie.


zum erwähnten blog geht es hier

Dienstag, 31. März 2009

tod nach hühnersuppe

„es ist die eigentliche gefahr des menschen zu versimpeln.“

ein wort an dem ich hängenblieb, ein zitat, heute gehört im autoradio. die sonne schien, der verkehr war lau und die gedanken frei: versimpeln - im englischen als make oder keep it simple nur etwas vereinfachen, etwas einfach oder verständlich halten; im deutschen aber kamen mir noch andere bedeutungen in den sinn: komplexere zusammenhänge auf das naheliegende reduzieren, nicht mehr wahrnehmen oder gar erkennen können, sich am banalen abarbeiten, das schwierige meiden, erwartbar sein, in der konsequenz desinteresse, banausentum, arroganz. woran man eben so denkt, im frühling beim autofahren.

beim starten des internetbrowsers hatte ich denn auch einen vielleicht etwas bizarren blick auf das, was heute offenbar so wichtig ist, dass es auf der startseite des providers steht: razzien gegen heimattreue deutsche jugend, aus für krieg gegen terror, kreisliga-spiel: tod nach kollaps, prinz williams fliegt jetzt holzklasse, richardsons letzte stunden, briatore beschimpft brawn als banditen, zahl der arbeitslosen im märz gestiegen, warum hühnersuppe gesund ist, grand prix 2009: melodien für moskau, fernsehen in neuer dimension erleben.

nun gibt es sicher gute gründe für all diese informationen und links und sicher erfüllt klatsch wichtige soziale funktionen; doch in meiner momentanen verfassung frage ich mich, wie viel zeit aufgewendet wird, um diese beiträge zu lesen, im fernsehen anzusehen oder im radio zu hören; und wie viel zeit bleibt dann noch für andere themen, die vielleicht komplexer sind als autos, die im kreis fahren, nicht so bewegend und gruselig wie ein möglicher myokardinfarkt und auf den ersten blick weniger mit meinem leben zu tun haben, als ein rezept für die zubereitung von geflügel? und wenn ich so vieles so appetitlich und einfach haben kann – wie viel mühe bin ich dann bereit mir zu machen, für schwierigeres, kantigeres, für das, was in diffusen strukturen vielleicht stärker in mein leben eindringt und es durchdringt und drängt, als dass versprechen, mit einem neuen browser keine email mehr zu verpassen (wobei ich die nachricht ja ohnehin nicht verpassen sondern nur später wahrnehmen würde)? und wenn das alles so ist, mit all den ablenkungen und bequemlichkeiten und vereinfachungen - wer hat etwas davon, dass ich so bin?

der eingangs zitierte satz stammt übrigens von christian morgenstern, in der sendung zeitzeichen auf wdr5 porträtiert. im gleichen text schrieb der dichter vom "grundhang, das leben zu einer biedermeierei zu erniedrigen“. mag sein, dass morgenstern das auch heute noch sagen würde, da das private triumphiert und schwierige zeiten uns sehnen machen nach dem einfachen, selbst wenn es als www daherkommt. aber 95 jahre nach seinem tod - wer weiss das schon?

den hörfunk-beitrag gibt es bis zum 29. April hier

Dienstag, 24. März 2009

vom träumen

die marina in bergkamen ist ein ruhrgebiets-klischee: im schatten des kraftwerks liegen motoryachten, segelboote, ein hausboot mit spitzenvorhängen im fenster. es ist warm in der sonne. über das gelände, über die stege, über den datteln-hamm-kanal kreischen winkelschleifer, exzenterschleifer, schwingschleifer. an den booten im winterlager werden alte lackschichten entfernt, holzbretter lasiert und bordwände geschrubbt.

ein boot ist darunter, das auffällt. nicht weil es besonders groß, modern oder chic ist; es hat löcher im weiss-braunen rumpf. drei sind es, handrückengroß und eines liegt unterhalb der wasserlinie. egon grewe (64) stellt die schleifmaschine ab und erzählt mir, wie sie am 22. januar das boot aus dem kalten wasser hoben, am liegeplatz 24, wo es gesunken war und dass er jetzt eine strafe zahlen muß; aber es war ja "ein glück, dass die torsa direkt an der slipanalage lag, da konnte dann ein normaler kran ran, sonst hätte ich noch einen schwimmkran mieten müssen," sagt grewe und wie er das sagt, klingt er nicht wie einer, der mir von einem glimpflichen ausgang erzählt sondern einem besonderen glück.

dass sein schiff sank - eigentlich war es ja seine schuld, hätte er torsa , eine motor-segelyacht, neuneinhalb meter lang, doch schon im letzten jahr rausgeholt und neu gestrichen, dann hätten sie ja wohl die rotten stellen gefunden. nun legt er die matrazen zum trocknen auf das deck, vieles hat er weggeworfen, bücher, viele bücher, weil ja auch diesel im schiff war. die ganze elektrik ist kaputt, wasser ist hinter dem glas der alten instrumente des 1963 gebauten schiffs zu sehen, naja. aber er grollt nicht; nicht dem schiff, nicht der vergänglichkeit und nicht der vielen arbeit, die er jetzt hat. zwei monate, sagt egon grewe, wird er an dem schiff arbeiten müssen; vielleicht wird es auch länger dauern. aber er hat ja zeit.

"mahagoni auf eiche", sagt er stolz und blickt mich an, wie es die menschen hier tun, direkt und offen. da ist kein gedanke mehr ans aufgeben, verkaufen. die rotten planken auszutauschen, das sei ja wohl gar kein problem und "dann wird torsa mich dahin bringen wo ich hin will!" wo das sei, frage ich, und der mann sagt: "norwegen, da ist sie ja auch gebaut worden". als er das sagt, und wie er das sagt, da wird es plötzlich wärmer und es fühlt sich ein bisschen so an, als mache er seine liebe hübsch, um sie auszuführen.

die dinge sind eben, wie sie sind. egon grewe wird, auch wenn sein traum noch mit drei löchern aufgedockt im gestell in der marina in bergkamen steht, mit torsa wieder auf große fahrt gehen. das ist ja wohl klar, auch wenn andere da vielleicht zweifeln. über die nordsee werden sie segeln und durch die fjorde und ich kann mir vorstellen, wie er dann am ruder steht, über den bug blickt und seine augen werden leuchten so wie jetzt. er wird sich vielleicht eine zigarette drehen, sie ruhig rauchen und wissen, dass die dinge auch manchmal gut werden, wenn man sie nehmen kann, wie sie eben sind.



mehr dazu gibt es hier

und hier: frühling auf dem wasser (bis 19. april 2009)

bilder eingefügt am 15. april 09.