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Montag, 12. Oktober 2009

die andere seite

sie hatte gefragt, wie es war, und ich wollte nicht lügen, sie hatte es mir ja auch längst angesehen: erniedrigend, sagte ich, es war erniedrigend. das also war das ausgleichs-training („du stellst kein rad ins wohnzimmer!“) und so blickte ich jetzt nicht von der aschenbahn im vorbeilaufen in die schwmmhalle; jetzt sah ich hinaus.

die fußstellung, von der der schwimm-meister sprach, kannte ich schon. sie sei nötig, wollte ich kraulen lernen, meinte er. im behandlungsraum des orthopäden wurde den menschen dagegen hoffnung auf heilung gemacht. das plakat an der wand zeigte fehlstellungen des fusses, diese hieß sichelstellung – und sollte der schlüssel zur speed und rechten lage im wasser sein? es war verstörend, doch ich ließ mir die beunruhigung nicht anmerken.


konstruktiv und einsichtig hatte ich um schwimmhilfen gebeten, mit denen ich üben wollte, weil brustschwimmen ja so auf die knie geht. sehr gut, meinte der schwimm-meister, das schaumstoffbrett müsste ich an fast ausgestreckten armen vor mir halten und dann mit den beinen aus der hüfte schlagen. es sei normal, wenn es nicht gleich klappt. außerdem mache der beinschlag nur etwa zehn prozent aus.

diese zehn prozent entsprechen in meinem fall wohl ziemlich genau der strömung, die durch die filteranlage im becken verursacht wird. sobald nämlich das wasser die energie des abstoßes vom beckenrand aufgenommen hatte, verharrte ich beinschlagend auf der stelle. manchmal, da bin ich mir wegen der position zum kachelmuster ziemlich sicher, ging es sogar rückwärts.

aber männer, die ihre schwächen nicht verbergen, bekommen beistand; so meinte ich bei der brustschwimmerin einen hauch von anerkennung ausgemacht zu haben, als sie mich das erste mal passierte: da steht einer zu seinem unvermögen, arbeitet hart, respekt! beim zweiten mal wirkte der blick dann aber schon eher amüsiert, beim dritten mal genervt und dann - sie schwamm ihre vierte runde während ich mich noch an der einen bahn abarbeitete - irgendwie angewidert. nun trug sie eine schwimmbrille, und ich kann mich ja irren, vielleicht war ich auch einfach nur im weg.

aber bitte, ich war guten willens. mit gelegentlichem scherenschlag schummelte ich mich über die 25-meter-bahn. abstossen, beinschlag, treiben, scherenschlag, beinschlag, treiben usw.. ich hatte zeit. einmal, zwischen all den überlegungen wie ich anders, besser und endlich mal - die sichelstellung korrigierend - überhaupt vorwärtskomme, dachte ich noch: so müssen sich männer fühlen, die gemüse grillen oder lehrer, die völkerball mit softbällen spielen lassen, irgendwie so ... überlegen!

dann hörte ich den dialog zwischen einer mutter und deren tochter, die ohne schwimmhilfe ins becken wollte auf den langen letzten beiden metern vor der wende „du musst doch erst noch lernen,“ sagte die frau zum kinde, „das ist doch nicht so schlimm. guck mal, der mann da, der kann das auch nicht.“ ich mogelte mich (siehe oben) an den beckenrand, legte beherrscht das brett auf denselben, klemmte mir die schaumstoffrollen (pullboy) zwischen die beine und machte mich mit 90 prozent vortrieb aus dem armzug davon. wechselatmung immer nach drei zügen – „das,“ sagte eine inzwischen am beckenrand stehende schwimm-meisterin, als ich pausierte, „das sieht ja schon ganz gut aus“. ergeben griff ich wieder zum schwimmbrett,

„ist ja auch nicht leicht,“ sagte der schwimm-meister, als ich so nach einer stunde zu ihm ging, „das kann schon ein paar monate dauern; allein die atmung, jaja.“ dann nahm er die schwimmhilfen. doch bevor er sie wegbrachte sah er mich an; ich meine, er hätte ja nichts sagen müssen oder etwas wie "was machen sie denn sonst?" sagen können - aber er sah mich nur kurz musternd an und meinte: „läufer, hm?!“

die 20er-karte für das hallenbad ist ein echtes schnäppchen. nur 2,40 statt 3,30 pro besuch – und dann auch noch mit guten ratschlägen – also, dass ist doch ein fairer preis, oder?


Dienstag, 1. September 2009

selbst limitierend

die kurve ist außergewöhnlich. annähernd rhythmisch wiederkehrend einzelne spitzen, dann geht es wieder runter, das ganze 30 minuten lang. empfangen von einem radioteleskop hätten sich seti-forscher den verlauf vermutlich in marmor meißeln lassen, an die wand gehängt und beim betrachten ehrfürchtig "kontakt"gemurmelt. nun kamen aber die daten nicht aus den tiefen des alls auf den rechner sondern via usb von meiner pulsuhr und haben mir den schnitt meines langen sonntagslaufs final versaut (eine zwischenzeitliche manuelle pulskontrolle war übrigens unauffällig). ob es sich um kosmische strahlung, sonnenwinde, schnöde interferenzen durch kabel im boden, die brustgurte entgegenkommender (wieso war nur ich linksrum unterwegs?) läufer, mountainbiker, walker oder sonstwas handelte ist dabei - eigentlich - egal. am ende heißt das elektronische ergebnis: zu langsam für den puls. dabei hatte ich mir diese strecke für den letzten längeren lauf vor dem halbmarathon am wochenende extra deshalb ausgesucht, weil sie hübsch flach ist.



ein abgrund an fragen tat sich auf: hat jener kollege doch recht von wegen alter, ehrgeiz und ruinierter gesundheit für den (kaum erreichbaren) 18. platz der altersklasse? oder war es einfach doch zu heiß? werde ich wetterfühlig und das auf und ab der temperaturen sowie die arbeitswoche haben mich zermürbt? war das dreimonatige training zu hart oder zu leicht, bin ich übertrainiert, habe ich zuwenig getan, weil acht kilometer in der summe der vorbereitungskilometer fehlen? ist das ziel überhaupt noch erreichbar?

so griff ich rat- und trostsuchend zur "läuferbibel". eigentlich sollte ich unausweichlich den naturgesetzen und dr. marquardt, dem autoren, folgend einem leistungshöhepunkt entgegensehen, nach dem ehernen gebot des tapering am vierten tage vor der bewährung das fein abgestimmte system ein letztes mal hochfahren, am wochenende alles in grund und boden laufen, was nicht vor mir ins ziel kommt und bis dahin, an der unsichtbaren kette der disziplin zerrend, die laufschuhe ignorieren und nur mühsam gebändigt, unausgelastet aber vollständig erholt meiner näheren umwelt auf die nerven gehen.

wenn an diesem tag etwas von einer anderen welt war, dann diese prophezeiung. die beine schwer, die waden hart lag ich ermattet auf dem sofa und blätterte - den duft von pferdebalsam in der nase - in dem teil des buches, der mir in meinem jämmerlichen zustand angemessen schien: verbandskasten (s. 459 ff.).

während ich so seite für seite, symptom für symptom und beispiel für beispiel las besserte sich meine laune - es geht also noch schlimmer, dachte ich mir. im abschnitt fersensporn fand ich zwei worte, die mich seither beschäftigen: "selbst limitierend" sei die krankheit oft, in achtzig prozent der fälle verschwänden die symptome binnen eines jahres "mit oder ohne therapie". letzteres mag ein trost sein für betroffene; selbst limitierend aber ist mantra.

wir sind unter uns und so kann ich es ja erzählen; wenn ich morgens aufwache, zähle ich meine herzschläge. wenn ich auf der linken seit liege, wird es schwer den ruhepuls zu bestimmen, weil der wecker mit der sekunden-anzeige rechts steht. nun bin ich direkt nach dem aufwachen von verminderter geistiger leistungsfähigkeit aber für eins, zwei, drei... reicht es; die frage allerdings, ob ich durch ein für das ablesen der uhr notwendiges umdrehen das ergebnis der pulsmessung verfälsche, weil ich mich ja bewege (es heißt doch ruhepuls), überfordert mich in dem moment immer wieder aufs neue, sodaß ich zumeist starr liegenbleibe. und genau in diesen momenten fallen mir dann wieder solche dinge ein wie selbst limitierend.

um es abzukürzen - hier nur die essenz: es geht nicht um meisterschaft, es geht nicht um bestzeit und schon gar nicht um den hart umkämpften 18. platz der altersklasse. es geht nicht um die pace und nicht um hohe wangenknochen. am ende des laufs steht keine trophäe, kein heldengesang am feuer für äonen. es geht darum zu wissen und anzunehmen, was mich selbst limitiert; es geht darum, das gute nicht zu riskieren, indem ich meine grenzen überschreite. am ende geht es beim laufen darum, mir sagen zu können, dass ich mich aufrichtig und ernsthaft bemüht habe. und darin liegt möglicherweise zufriedenheit, ein stiller, tiefer lohn.

ob das jetzt ein plötzlicher anfall von altersmilde war, das vorformulieren einer ausrede für versagen am sonntag - ich weiß es nicht; heute morgen wenigstens, als der dämmernde tag noch alles versprach, schien es wahr.

also drehte ich mich um, blickte die uhr an, lauschte dem gleichförmigen, langsamen pulsschlag und zählte die 46 schläge meines herzens in dieser minute. so schwierige sachen wie nach 15 sekunden mit vier multiplizieren - wie gesagt, das überfordert mich so früh am morgen dann doch.

Dienstag, 14. Juli 2009

ein bißchen ulbricht

es war vor ziemlich genau einem jahr, als ich zum ersten mal auf dem hotelbalkon am griebnitzsee saß und dutzende spaziergänger sah, die unter mir auf dem von babelsberger villen gesäumten uferweg flanierten. ein paar läufer waren auch dabei, aber damals... nun ja. jetzt allerdings wollte ich auch den milden sommerabend für eine kurze runde nutzen und lief die paar stufen runter zum see, dann am ufer entlang der sinkenden sonne entgegen. nach rund 100 metern aber endete der weg an einem zaun, einer tür und hinterließ mich ratlos. das hindernis reicht bis zum see, wo ein weißer metallstern zudem verhindert, dass sich jemand um den zaunpfosten windet.

ich dachte nach. die barriere konnte eigentlich nicht da sein. schließlich hatte ich die ganzen fußgänger vor einem jahr nur einmal gesehen. hätten sie den zaun besichtigen wollen, hätten sie nach kurzer zeit wieder an mir vorbeikommen müssen, da zwischen zaun und hotel kein weg nach oben zur straße führt. das taten sie aber nicht (und so attraktiv, dass sie zur sehenswürdigkeit taugen würde, ist die barriere nun auch nicht). also müssen sie, damals und bevor etwas bislang unerklärtes geschah, am seeufer entlang weiter richtung schloß babelsberg gelaufen sein. das wollte ich eigentlich auch, mußte aber umkehren und verpasste gedankenschwer den aufstieg zur straße. kurze zeit später aber hatte ich ein zweites ankommen; diesmal an einem kleinen stück jener mauer, die ost und west getrennt und auch am griebnitzsee gestanden hatte; ziemlich genau übrigens da, wo heute der uferweg entlangführt wo er noch entlangführt.

technisch betrachtet

es sind nur ein paar mauerlemente, beschrieben mit graffiti, ein einfaches, mannshohes kreuz und die namen von menschen, die in dieser gegend bei dem versuch der flucht aus der ddr getötet wurden, auf einer tafel. ich blieb stehen und blickte den weg zurück. da stand ich nun also an einem mahnmal der teilung und des todes und ein paar hundert meter weiter westlich – westlich! - stand nun der zaun. technisch betrachtet erfüllt er den gleichen zweck wie die mauer. allerdings kann jeder, der hierher kommt, durch das gitter hindurchsehen und sieht so das unerreichbare (es sei denn, der kerl am zaun würde von den eigentümern auf der anderen seite eingeladen und würde dann auch da hingehen; aber so dringend ist es dann vielleicht doch nicht).

eine kollegin aus potsdam erzählte auf meine frage beim mittagessen am nächsten tag, was da geschehen war, von dem streit um den uferweg, von sträuchern die gepflanzt, zäunen, deren pfeiler einbetoniert, weg-abschnitten die umgegraben, rasenflächen die ausgerollt würden, von protesten und sicherheitskräften, die die grundstücke dann verteidigten. ein paar zeitungsartikel und andere dokumente fand ich im internet. es geschah wahrhaft wunderliches am ufer des griebnitzsees; etwa im juni 2009.

der norddeutsche rundfunk hatte vom technischen hilfswerk einen siebzig meter langen steg aufs wasser legen lassen, über dem spaziergänger, läufer - und aktivisten wohl auch - den gesperrten rasenflächen zwischen den offenen teilen des wegs ausweichen und an ungewohnter stelle am ufer entlanglaufen konnten. gleichzeitig blieb privates gewahrt. der eigentümer habe jemanden als zwerg beschimpft, auf seinem zugang zum see bestanden, darauf, dass seinem boot für einen ausflug platz gemacht und die geschlossene ponton-reihe geöffnet wird. nachbarn berichten, so die märkische allgemeine zeitung, dass nicht nur benzin für den schiffsmotor habe geholt werden müssen, sondern auch jemand, der das boot fahren konnte; beides erklärlich, denn dieses, so berichten sie weiter, sei in den letzten zehn jahren nicht einmal bewegt worden.

der fremde nun sieht letztlich nur das ergebnis, das ist sein privilig, und so bleibt sein urteil klar, eindeutig und ungetrübt von den ganzen „ja-abers“ des vorangegangenen diskurses (dieses privileg hat aber auch seinen preis, denn ihm, dem fremden, sind so auch dinge von gehobenem unterhaltungswert entgangen, wie etwa die um wenige wochen verpasste ponton-situation). und so ist mir denn, als schreibe sich am südufer des griebnitzsees deutsche geschichte fort, als hätten die neuen besitzer eine pontonbrücke in den lauf der zeit gelegt, eine kurze nach-wende-freies-ufer-episode wird beendet; denn es zwingt sich der vergleich mit den fast 30 jahren nach dem august 1961 auf.

pah, mag der gescholtene villenbesitzer sagen und darauf verweisen, dass er ja nichts dafür könne, dass sein haus auf so geschichtsgetränktem boden steht. dem könnte man entgegenhalten, dass sich hier wenige – die eigentümer der seegrundstücke – bereichern, denn sie steigern den wert ihres grunds durch den direkten zugang zum see, indem sie vielen – genaugenommen dem rest der menschheit - etwas wegnehmen, nämlich eben diesen. geschmacklos ist das an dieser stelle zudem, aber darüber läßt sich nun mal nicht streiten.

an diesem abend lief ich also ein stück am ufer, dann wieder die straße zum hotel und weiter; als ich dann aber kurz hinter dem villengrundstück mit dem zaun in die karl-marx-straße einbog konnte ich nicht anders als einmal, aber wirklich nur einmal, laut aufzulachen. nun, wahrscheinlich feiert in dem „runter von meinem rasen“ nur spießigkeit triumphe; ein bißchen ulbricht steckt wohl in jedem.

informationen zur ponton-aktion fand ich in der märkischen allgemeinen zeitung

wie alles anfing und ablief beschreibt aus ihrer sicht die bürgerinitiative hier

Montag, 25. Mai 2009

muss es denn wirklich sein?

sie brauche mal wieder neue schuhe, sagte die trainingspartnerin, aber sie wisse nicht so richtig welche. die – und damit meinte sie jene, die sie trug – seien ja ganz gut, aber die gebe es nicht mehr. nun sei sie unsicher. ein bekannter etwa habe das neue modell seiner vertrauten reihe gekauft und jetzt knieprobleme beim laufen. der verkäufer sagte ihm, er würde diese schuhe schon nicht mehr anbieten, weil so viele sportler sie reklamierten. nun ist des läufers fuss eine empfindliche schnittstelle und ein wenige millimeter zu weiter schuh, eine zu weiche sohle, eine falsche stütze und schon – peng – schmerzen knie, hüfte, rücken, der spaß wird zur tortur. solch achtloser umgang mit dem bewährten aber macht mich grundsätzlich traurig – insbesondere als mann.

nicht allein

mir fiel der besuch in einem körperpflege-laden wieder ein. die freude auf den kauf wich ratlosigkeit, denn da stand etwas anderes im vormals vertrauten regal. warum änderte die kosmetik-kette die rezeptur, den duft der feuchtigkeitscreme und das design der tube, fragte ich betroffen die verkäuferin. neues management, sagte sie, erschrocken weil ahnungsvoll. sie pries noch die neuen produkte an, doch ihr unruhiger blick verriet mir, dass ich nicht der erste und nicht der einzige war, der ohne einkauf ging, gekänkt, schweigend, stolz: ich lasse mich doch nicht zwingen, zeit für das herümschnüffeln an neuen produkten zu verschwenden, denen ich nicht nur mit argwohn begegne, sondern denen ich erst gar nicht bereit bin, eine chance zu geben?!

wer wissen will, was männliche treue bedeutet, sollte in nassrasur-foren etwa die threads über die ausdauernde suche nach einem traditions-after-shave oder einer bestimmten rasierseife lesen, staunend erfahren von den erfolgen und deren folgen für bankkonten und heimische vorratshaltung. wer heimlich ins badezimmer schleicht, um verschämt aber hingebungsvoll an seinem rasierpinsel zu riechen, der möchte eben keine veränderungen.

zudem zeugt es von wenig kenntnis der männlichen konsumentenpsyche, die auf schnellen erfolg ausgelegt ist. der lohn des einkaufs ist die ware, nicht der weg zu ihr mit allen wirrungen bis zum richtigen regal. will ich erst testen, anprobieren, vor allem aber: riskieren zu irren? nein!

loyaler irrtum?

denn marken-bestand, davon bin ich inzwischen überzeugt, steht für kontinuität, stellt mich, die welt, das universum sowie jeans der größe 34/36 in ein ewiges, gleichsam gesetzmäßiges koordinatensystem der zuverlässigkeit und schützt vor dem altern. wer leichfertig ändert, riskiert es nicht nur, kunden zu verlieren; er frevelt, missachtet, verletzt. das geänderte soll besser sein? mag sein, es ist aber erst mal anders und das ist das problem. denn das neue nennt meine treue schäbig, einen irrtum.

vergangen in den zeitläuften, vom markt genommen weil nur von wenigen geschätzt – da darf sich der loyale den letzten zugehörig fühlen, die das echte zu schätzen wissen. aber das liebgewonnene profan gewandelt, dem modernen geschmack angepasst – das straft ihn alt, überholt und damit sind wir wieder bei den laufschuhen; denn deren modifzierung - selbst wenn sie als fortschritt daher kommt – ist, das erkenne ich nun, mehr als ein mögliches orthopädisches problem, viel mehr.

Dienstag, 28. April 2009

schmerz ist unvermeidlich...

...leiden ist ein option“, zitiert haruki murakami einen ungenannten amerikanischen läufer. diese worte, schreibt der japanische schriftsteller, habe der mann seinem bruder als ein art mantra für die langen distanzen mitgegeben. murakami, selbst läufer, schreibt weiter, dieser satz umreisse den „hauptaspekt des marathons“: da keiner der qual entgehen kann bleibt jedem nur die entscheidung, ob er sie ertragen will oder nicht.

nun, ich laufe auch, längst nicht soviel und so weit wie murakami, aber ich laufe und ich lese vom laufen und anderen läufern und da bleiben solche sätze natürlich hängen. ohne einen marathon gelaufen zu sein oder auch nur ernsthafte gedanken daran zu haben, dachte ich auf einer neuen runde so etwa ab kilometer neun nach einer ungeplanten, annähernd zwei kilometer langen verirrung (der ersten und längsten von – trotz streckenplanung und karte - dreien ; man könnte mich in einer einbahnstraße aussetzen und ich würde mich verlaufen) länger über die worte und murakamis schlußfolgerung nach, dass dem unvermeidlichen nur entgehen könne, wer das langstreckenlaufen ganz läßt; sonst hatte ich ja nichts zu tun.

die zweite verirrung

interessanterweise konnte ich, als es wirklich schlammig und steil wurde (die zweite verirrung) mit dem satz durch direkte ansprache günstig auf die befindlichkeit meiner schwerer werdenden beine einfluss nehmen, die sorge vor einem stolpern über äste oder steine durch gelassenheit austauschen und die füsse sicher setzen.

an dieser stelle muss ich anmerken, dass meine größte bewunderung für den schriftsteller murakami um die für den läufer gewachsen ist, nachdem ich sein buch "wovon ich rede, wenn ich vom laufen rede" gelesen hatte. es ist von anderer qualität als "mein langer lauf zu mir selbst" von joschka fischer und das in zweifacher hinsicht - literarisch und sportlich. aber lassen wir das und kommen zurück zu dem finalen satz vom schmerz und der leidensoption.

die dritte verirrung

da ich weder marathon- noch ultra-läufer bin sind meine erfahrungen sicher unbedeutend. dennoch lieh ich mir diesen satz, der mich gepackt hatte, machte ihn mir zu eigen und da, so bei kilometer 12 (die dritte verirrung), wieder bergauf und durch die tiefen furchen schwerer forstfahrzeuge, kam mir ein gedanke, den ich in aller bescheidenheit als eine mögliche interpretation in die diskussion einbringen möchte: wenn es gelingt, das unvermeidliche als teil der aufgabe zu begreifen, dann gibt es die option, schmerzen und anstrengungen anzunehmen, ohne zu leiden. so wie etwa niederlagen im spiel einen nicht geringen teil des reizes ausmachen, und das spiel für den nicht mehr spiel ist, sondern etwas anderes wird, der immer gewinnt.

am ende seines buches schreibt murakami: „mit den jahren, in denen ich einen wettkampf nach dem anderen absolviere, werde ich am ende einen ort erreichen, an dem ich zufrieden bin. oder vielleicht erhasche ich ja auch nur einen blick darauf.“

befreiende läuterung

was er nun wieder damit meint, davon bekam ich eine ahnung nach fast 20 kilometern, rund 340 höhenmetern bergab und 340 metern bergauf und einer zweiten, verblüffenden erfahrung. dank der länge des laufs drang ich in den hinteren teil der playlist meines mp3-spielers vor und zu einem bislang ungehörten titel aus dem album "22 dreams" von paul weller. ob er auch läufer ist weiß ich nicht, aber er lieferte eine stimmige aussage zum thema, die mich über die letzten meter trug: kurz, treffend und von schlichter schönheit: shalalallalaa.

Donnerstag, 16. April 2009

gut gemeint, wohl

bei der staffelausschreibung zum rhein-ruhr-marathon heisst es: "Es werden eine Männer-, Frauen- und Mixed-Staffel-Wertung durchgeführt. Als Mixed-Staffel gelten solche Staffeln, die wenigstens zwei Läuferinnen aufweisen."

wenn es ein wenigstens gibt, gibt es mitunter auch ein höchstens und wenn es ein wenigstens und ein höchstens gibt, dann gibt es eigentlich auch etwas dazwischen, so eine art komfortzone.

nun besteht eine staffel, lese ich etwas weiter oben, aus vier menschen, eine mixed-staffel kann also auf keinen fall aus drei läufern und einer läuferin bestehen, denn dann wäre sie, der wenigstens-zwei-läuferinnnen-regel folgend - wahrscheinlich - eine männerstaffel, sicherlich aber keine frauenstaffel. doch gilt dagegen eine staffel mit drei läuferinnen sowie nur einem läufer wohl automatisch als mixed-staffel, denn es laufen mehr als wenigstens zwei frauen. ist dann am ende eine staffel mit vier läuferinnen aber ohne läufer die höchste form aller mixed-staffeln - oder ist sie einfach keine männerstaffel? was aber ist dann eine frauenstaffel, gibt es sie überhaupt und wenn ja: wer muss da mitlaufen? und wieviele?

denkbrot für viele kilometer an rhein und ruhr...

zur ausschreibung geht`s hier