Dienstag, 28. April 2009

schmerz ist unvermeidlich...

...leiden ist ein option“, zitiert haruki murakami einen ungenannten amerikanischen läufer. diese worte, schreibt der japanische schriftsteller, habe der mann seinem bruder als ein art mantra für die langen distanzen mitgegeben. murakami, selbst läufer, schreibt weiter, dieser satz umreisse den „hauptaspekt des marathons“: da keiner der qual entgehen kann bleibt jedem nur die entscheidung, ob er sie ertragen will oder nicht.

nun, ich laufe auch, längst nicht soviel und so weit wie murakami, aber ich laufe und ich lese vom laufen und anderen läufern und da bleiben solche sätze natürlich hängen. ohne einen marathon gelaufen zu sein oder auch nur ernsthafte gedanken daran zu haben, dachte ich auf einer neuen runde so etwa ab kilometer neun nach einer ungeplanten, annähernd zwei kilometer langen verirrung (der ersten und längsten von – trotz streckenplanung und karte - dreien ; man könnte mich in einer einbahnstraße aussetzen und ich würde mich verlaufen) länger über die worte und murakamis schlußfolgerung nach, dass dem unvermeidlichen nur entgehen könne, wer das langstreckenlaufen ganz läßt; sonst hatte ich ja nichts zu tun.

die zweite verirrung

interessanterweise konnte ich, als es wirklich schlammig und steil wurde (die zweite verirrung) mit dem satz durch direkte ansprache günstig auf die befindlichkeit meiner schwerer werdenden beine einfluss nehmen, die sorge vor einem stolpern über äste oder steine durch gelassenheit austauschen und die füsse sicher setzen.

an dieser stelle muss ich anmerken, dass meine größte bewunderung für den schriftsteller murakami um die für den läufer gewachsen ist, nachdem ich sein buch "wovon ich rede, wenn ich vom laufen rede" gelesen hatte. es ist von anderer qualität als "mein langer lauf zu mir selbst" von joschka fischer und das in zweifacher hinsicht - literarisch und sportlich. aber lassen wir das und kommen zurück zu dem finalen satz vom schmerz und der leidensoption.

die dritte verirrung

da ich weder marathon- noch ultra-läufer bin sind meine erfahrungen sicher unbedeutend. dennoch lieh ich mir diesen satz, der mich gepackt hatte, machte ihn mir zu eigen und da, so bei kilometer 12 (die dritte verirrung), wieder bergauf und durch die tiefen furchen schwerer forstfahrzeuge, kam mir ein gedanke, den ich in aller bescheidenheit als eine mögliche interpretation in die diskussion einbringen möchte: wenn es gelingt, das unvermeidliche als teil der aufgabe zu begreifen, dann gibt es die option, schmerzen und anstrengungen anzunehmen, ohne zu leiden. so wie etwa niederlagen im spiel einen nicht geringen teil des reizes ausmachen, und das spiel für den nicht mehr spiel ist, sondern etwas anderes wird, der immer gewinnt.

am ende seines buches schreibt murakami: „mit den jahren, in denen ich einen wettkampf nach dem anderen absolviere, werde ich am ende einen ort erreichen, an dem ich zufrieden bin. oder vielleicht erhasche ich ja auch nur einen blick darauf.“

befreiende läuterung

was er nun wieder damit meint, davon bekam ich eine ahnung nach fast 20 kilometern, rund 340 höhenmetern bergab und 340 metern bergauf und einer zweiten, verblüffenden erfahrung. dank der länge des laufs drang ich in den hinteren teil der playlist meines mp3-spielers vor und zu einem bislang ungehörten titel aus dem album "22 dreams" von paul weller. ob er auch läufer ist weiß ich nicht, aber er lieferte eine stimmige aussage zum thema, die mich über die letzten meter trug: kurz, treffend und von schlichter schönheit: shalalallalaa.

Freitag, 24. April 2009

erfüllende prognosen

dax und dow im plus, die schlagzeile "stimmung bei unternehmen deutlich verbessert" - so empfing mich mein browser heute morgen. endlich mal eine gute nachricht, dachte ich mir, und auch die börsen gehen nach oben, ist ja toll. in der zeitung hatte noch etwas gestanden von sechs prozent minus-wachstum (heißt das dann nicht eigentlich schrumpfung?), sozialen unruhen und das alles noch viel schlimmer wird. von den analysten, den wirtschaftsweisen war da allerdings auch zu lesen, von ihren irrtümern und wie sie sich in negativ-voraussagen überbieten, von nobert walter, chefvolkswirt der deutschen bank etwa.

nun frage ich mich ja schon auch, wie unabhängig ein dem unternehmen verpflichteter leitender angestellter eines geldhauses sein kann, der in der banken-, finanz- und wirtschaftskrise als ebensolcher prognosen abgibt. schließlich nimmt er damit einfluß auf die märkte (denn er ist ja nicht irgendwer) und damit auch auf die geschäfte der bank, die sein gehalt bezahlt (den prognosejob macht er übrigens seit 35 jahren, sagte er gerade dem stern; chapeau, irgendwer muß ja sehr zufrieden mit ihm sein).

es ist aber auch vertrackt: die börsenkurse, in denen investoren die entwicklung der unternehmen vorwegnehmen, steigen, es wird geld verdient, die stimmung in den unternehmen verbessert sich - und trotzdem schreiben walter und co. in feuerschrift böses an die wand und die menschen denken achduliebezeit, halten ihr erspartes zusammen, haben angst um ihren arbeitsplatz und vermeiden freiwillig und verantwortungsbewußt alles, was den wirtschaftsstandort deutschland nach ansicht der wirtschaftsweisen gefährdet.

wer hat da bloß was davon und wer hat nun recht und was wird geschehen? vielleicht sollte ich mal norbert walter fragen; andererseits - was habe ich von der antwort zu erwarten? ganz schön kompliziert...

p.s: am nachmittag dann das:

"ifo-index steigt - abschwung geht weiter", so zitiert spiegel-online experten.

tja, wohl zu früh gefreut...

hinter dunklen eingängen

es gibt in meinem beruf momente der dunkelheit. wir gelangen hinter sonst verschlossene türen, sind dabei, wenn andere längst gegangen sind, sehen zu, wenn andere die augen schließen; wir erfahren details, die wir verschweigen müssen, die zu kennen aber wichtig ist um zusammenhänge zu verstehen, motive. oft wissen wir, welche bilder uns an einem drehort erwarten, manchmal nicht und manchmal kommen die bilder zu uns.

einen solches bild sah ich in der vergangenen woche: ein junge spiegelt sich in der nahaufnahme der iris eines mannes, weinen ist zu hören. diese kurze sequenz fand ich im archivmaterial beim schnitt eines beitrags zum thema kinderpornographie.

fünf internetprovider sperren freiwillig die seiten mit solchen inhalten; am mittwoch beschloss das bundeskabinett, dieser maßnahme einen gesetzlichen rahmen zu geben. niemand wird also künftig zufällig auf eine solche seite kommen, niemand der aus kruder neugier diese bilder sucht sie ohne umwege problemlos finden. das ist gut, denn opferschützer wie ursula enders von zartbitter in köln haben mir erzählt von der fortgesetzten traumatisierung der opfer, wenn sie wissen, dass die bilder ihrer qual immer wieder betrachtet werden und niemals komplett gelöscht werden können.

was wird verhindert?

wird aber auch nur eine vergewaltigung, eine misshandlung verhindert, weil der deutsche "markt" zusammengebrochen ist? daran zweifeln auch vertreter der ermittlungsbehörden, mit denen ich sprach. pädokriminelle tauschen ihre bilder und filme nicht im www sondern in konspirativen tauschbörsen, zu denen sie ihre computer vernetzen. diese strukturen aufzubrechen und hintermänner bis zu denen, die vor den kameras mißhandeln zu ermitteln - da bedarf es komplexer internationaler polizeiarbeit.

so warnen denn auch kinderschützerinnen wie julia von weiler von innocence in danger, die ich für den beitrag interviewte: diese entscheidung, sagt sie, ist ein schritt, aber sie gibt das falsche signal, wenn sie als erfolg im kampf gegen kindesmißbrauch mißverstanden wird, wenn sie der öffentlichkeit das gefühl vermittelt, es sei ja nun etwas getan, prima, nächstes thema.

einfach nur zu einfach

kann man es aber nicht auch so sehen: der staat macht es sich zu einfach, er kapituliert. statt fahndungabteilungen personell und technisch adäquat auszurüsten, die straftaten zu verfolgen, die server ausfindig zu machen und stillzulegen, werden verbotsschilder aufgestellt, dunkle eingänge zugemauert - aber die strasse ist gefegt, die fassaden sind gestrichen, schön, nicht!? was im hinterhof geschieht - wer sieht noch hin?

es ist ähnlich wie beim rauschgift-handel auf dem spielplatz. dealer und käufer werden aus dem blickfeld verdrängt, das "subjektive sicherheitsgefühl des bürgers" (ein begriff aus der polizei-praxis) wächst, alle sind zufrieden. gedealt wird weiterhin, aber niemand sieht`s. schöne erscheinung am rand: die statistik wird viel besser, denn fälle von drogenhandel gibt es nur noch, wenn die polizei gezielt ermittelt. aus der augenfälligen straftat, die jeder beobachtete und die die polizei verfolgen muß, wurde ein sogenanntes kontrolldelikt. so, das befürchten einige, geht es auch mit der kinderpornographie.

etwas anderes aber wird erreicht: erstmals wird ein instrument der zensur in deutschland zugelassen. es könnte kaum bitterer sein, aber auf die gleiche weise wie die deutschen internetprovider kinderpornographie, sperren chinesische zensurbehörden die seiten tibetischer aktivisten, von amnesty international oder der ausländischen presse.

und wie nun weiter?

der vergleich könnte politisch kaum inkorrekter sein und doch muß man es vergleichen denn beides geschieht auf der im jeweiligen staat gültigen rechtsgrundlage; und die unterliegt - hier sogar noch mehr als in fernost und wenn der begriff unserer repräsentativen demokratie geziemt - der mode..

nun, da das tabu gebrochen ist, könnten begehrlichkeiten geweckt werden. man könnte ja auch ganz andere internetseiten sperren im kampf gegen den terror, gegen fremdenfeindlichkeit, gegen gegner der freiheitlich demokratischen grundordnung, gegner der regierung... hoppla!
es bedarf nur einer kampagne, einer stimmung, einer mehrheit und schon wird die grenze neu gezogen. zu pessimistisch? hoffentlich.

das bild des kindes auf der iris eines mannes, die spiegelung eines computerbildschirms - nach meinem ersten schrecken sah ich, dass es ein kollege war. darauf angesprochen sagte er mir, das er diese szene mit einer harmlosen privaten video-sequenz inszeniert hatte, das weinen kam vom band.

so einfach sind die lösungen aber nicht immer


der beitrag in der aktuellen stunde ist hier zu sehen.

zu den betreffenden seiten des bundesfamilienministeriums geht es hier

eine ausführliche und vielschichtige dokumentation von spiegel.de gibt es hier