Montag, 1. April 2013

Viele Farben und ein Bild - Zypern

Es war ein anrührender Moment der Stille. Im Saal des Goethe-Instituts in der Pufferzone zwischen dem türkischen nördlichen Teil Zyperns und dem griechischem Süden hängen Bilder aus beiden Teilen des Landes. Es geht nicht um Kunst, es geht um Schicksale: Über 1.600 Menschen werden seit der Besetzung durch die Türkei und den Kämpfen im Jahr 1974 noch vermisst – und sie sind auf beiden Seiten nicht vergessen.

Das Bild, das uns Björn Luley, der Leiter der deutschen Bildungseinrichtung, neben dem Hauptquartier der UN-Truppen zeigt, erzählt von einer alten Frau, die noch immer jeden Tag die Schuhe ihres verlorenen Mannes putzt und neben ihre stellt. Er soll sie tragen können, wenn er zurückkommt. Ein anderes zeigt einen Mann, der neben einer Kiste sitzt. Darin sind ein Zettel, etwas Sand und ein paar Knochen; es sind die Überreste seines Bruders. 39 Jahre ist es her, als etwa 300.000 griechischstämmige Zyprer vertrieben wurden, alles verloren haben und zwischen dem geteilten Nikosia und Paphos im Westen neu angefangen haben.

"Wir sind ins Bett gegangen, fühlten uns sicher und geborgen und am nächsten Morgen brach die Welt zusammen" - diesen Satz sagen viele Zyprer. Der deutsche Chirurg Dr. Nic Jung kann seine Empörung nur schwer unterdrücken über ein Europa, das nun ausgerechnet dieses Land im Stich lasse. Er ist mit einer Zyprerin aus Famagusta verheiratet, jenem Teil Zyperns, der vor 1974 das Zentrum des Tourismus war, aber seither im türkischen Norden liegt. Sie und zehntusende andere haben sich ein neues Leben aufgebaut, sagt er, und nun werde all das erneut zerstört.

Es gibt einen großen öffentlichen Sektor in Zypern und in den Banken arbeiten angeblich viele Angestellte, die ihren Job eher besonderen Beziehungen als besonderen Qualifikationen verdanken. Es gibt die niedrigen Steuern, wegen derer auch dutzende deutsche Reeder ihre Büros in Limassol haben. Sie machen seit Jahrzehnten gute Geschäfte, wie es seit Anfang der 1990er-Jahre auch die inzwischen 30.000 Russen in dieser Stadt tun.

Spätestens, wenn Zypern die Unternehmenssteuersätze wie erwartet von 10 auf 12,5 Prozent anhebt, werden viele gehen, glaubt Günther Bodenstein. Er lebt seit 29 Jahren hier, hat als Reederei-Inspektor gearbeitet und ist mit seiner Frau geblieben. "Neben all den Investoren, Firmen-Anwälten und Wirtschaftsagenturen gibt es aber auch die Menschen, die einfach nur viel und hart gearbeitet und gespart haben", sagt er. Oft sind es Rücklagen für die Ausbildung der Kinder. Die Zahl der Privatschulen ist hoch, auch viele Eltern aus dem Mittelstand haben mehrere Jobs, um die 2.000 bis 8.000 Euro im Jahr bezahlen zu können. Viele andere Kinder gehen nach dem regulären Unterricht in staatlichen Schulen nachmittags in private Institute. Zahlreiche Zyprer studieren im Ausland, auch in Deutschland. Das Bildungsniveau, sagt Bodenstein, ist hoch.

Auch dafür haben viele ein Stück Land verkauft, das Geld angelegt und einen Großteil nun genauso verloren, wie so mancher deutsche, britische oder skandinavische Rentner, der hier seinen Lebensabend verbringen will. Bodenstein selbst hörte auf jene Freunde, die ihn schon vor zwei Jahren vor dem drohenden Kollaps warnten. Er transferierte sein Geld zurück auf Konten in der Bundesrepublik und ließ sich von anderen Deutschen belächeln, weil er auf die hohen Zinsen in Zypern verzichtete. Es war die richtige Entscheidung; die andere die menschliche.

"Wenn es ein Volk gibt, das diese Not bewältigen wird, dann sind es die Zyprer," sagt Antonis Papakyriakou, Manager eines Hotels in Larnaca, "wenn die Chance eins zu einer Million ist, werden wir sie nutzen." Der Tourismus - und diese Meinung hat er nicht allein - wird eine entscheidende Rolle beim Neuanfang spielen. Die Gastfreundschaft der Zyprer zumindest hat nicht gelitten unter den gegenseitigen Schuldzuweisungen und Beleidigungen der Politiker und mancher Medien.

Nirgends spürten wir Anfeindungen oder Vorbehalte. Wir erlebten vielmehr Menschen, die nach dem Schock nachdenklich wurden, die zur Arbeit gehen – wenn sie sie noch haben – und versuchen, ihren Alltag zu bewältigen. Die Besonnenheit der Zyprer am Tag, als die Banken nach rund zwei Wochen wieder öffneten, war nicht selbstverständlich und wir fragten uns, wie es woanders gewesen wäre.

Der Tag ist diesig auf Zypern. Am Strand von Larnaca weht ein kühler Wind. Unser Bild von Zypern hat viele Farben bekommen. Es ist ein Bild, das uns nachdenklich macht.

Dieser Text ist so auch auf der Seite der Aktuellen Stunde des WDR-Fernsehens erschienen

Mittwoch, 24. Oktober 2012

Gesammeltes Licht

Manchmal sind Begegnungen besonders nachhaltig. So war es, als ich im Frühjahr 2012 erstmals den Maler Markus Baldegger traf und schnell eingenommen war von dem Menschen und der subtilen Vielschichtigkeit seiner Werke, der Strahl- und Suggestivkraft seiner Bilder, ihrem mitunter meditativen und changierenden Charakter. Einen Moment lang hatte ich überlegt, das Video-Porträt, das ich mit ihm drehen konnte, Lichtfänger zu nennen; doch dieses Wort wird, glaube ich, der feinen Persönlichkeit des Künstlers nicht gerecht. Das Video vermittelt hoffentlich sowohl von ihr als auch seiner Malerei einen Eindruck. Es entstand an mehreren wunderbar langsamen, entspannten und doch konzentrierten Drehtagen. Ich lernte von der Materie, von Farbe, deren Eigenschaften auch noch unter der dritten, vierten, fünften darüberliegenden Schicht auf der Leinwand sinnlich erlebbar sind, dem Wesen künstlerischer Energie und dem Moment ihrer Übertragung. Der Schnitt von Klaus-Peter Dichtl, der als freier Medienberater in Gelsenkirchen arbeitet, vermittelt vieles von der Stimmung bei der Entstehung der Aufnahmen auch in dem kleinen Film.

Der Maler Markus Baldegger from ThoG on Vimeo.


Die Musik stammt vom Verlag Sonoton.de, der mich immer wieder auch in der alltäglichen Arbeit mit erstaunlichen Klängen und Künstlern überrascht. Die verwendeten Titel heißen: „Variations of a theme by Satie“ von Alex Wilson, „Marimba Rumba“ von John Walden und „Endearment“ von Jonathan Wilton.

Mittwoch, 13. Juni 2012

Mal angenommen...

Satudarah, habe ich gelernt, ist indonesisch und heißt „ein Blut“; auf dem Wappen des gleichnamigen MC fließe es einend zwischen den beiden Gesichtern, schwarz das eine, weiß das andere, unter neun Federn, von denen jede für einen der Gründer des Motorradclubs stehe. Satudarah MC wurde in den Niederlanden von Motorradfahrern mit Abstammung von den Molukken, einer Inselgruppe in Indonesien und ehemalige Kolonie, ins Leben gerufen. Nun hat der Motorradclub ein erstes deutsches Chapter. Der Duisburger Brotherhood MC, ebenfalls eine Gruppe mit Bikern aus vielen Nationen, ist in Satudarah aufgegangen.

Eigentlich eher ein Thema für die Fachzeitschrift Biker news – eigentlich, wäre Satudarah in den Niederlanden nicht einer der größten Motorradclubs und stünde jenseits der Grenze mit den Hells Angels in Konflikten, die in der dortigen Presse, in der dortigen Sprache als möglicher „Bende-oorlog tussen motorclubs“, als Krieg zwischen Motorradklubs, bezeichnet werden. Außerdem beobachten die niederländischen Sicherheitsbehörden Satudarah MC wegen des Verdachts von Drogenhandel und all dem, wessen Motorradclubs im Allgemeinen bezichtigt werden. Und deshalb und angesichts der neuerlichen Polizeiaktionen gegen Hells Angels und Bandidos ist der neue Verein nun also ein Thema.

Und nach all den aufgeregten Artikeln, Stellungnahmen, Beiträgen die ich während meiner Recherche las, hörte und sah, tauchte eine Frage auf: wenn die Polizei zum Teil jahrzehntelang und zum Teil international gegen die großen Motorradclubs ermittelt und doch den Nachweis der kriminellen Vereinigung nicht führen kann, sondern die Ermittlungen immer wieder in Verfahren gegen einzelne Rocker, einzelne Chapter oder Charter münden – ist vielleicht die Annahme falsch? Niemand käme ja auf die Idee, zum Beispiel eine Tierärztekammer als kriminelle Vereinigung zu bezeichnen, nur weil manche Mitglieder mit medikamentöser Masthilfe ihr Geld verdienen und der Menschheit so nun auch noch den antibiotikaresistenten Keim der Untergruppe livestock associated MRSA bescherten. Also...

Dann entdeckte ich bei der – ansonsten interessanterweise vergeblichen - Suche nach einem Experten zum Thema Rockerclubs diesen Beitrag von Florian Albrecht, Wissenschaftler an der Universität Passau. Lesenswert, unbedingt.