was genau da geschehen ist zwischen dem tag, an dem michael jackson starb und dem tag der trauerfeier - darüber mögen sich andere, klügere menschen gedanken machen. auch habe ich zu wenig gesehen von der trauerfeier und von dem bißchen ist mir hauptsächlich der moment in erinnerung, in dem seine tochter an das mikrofon trat und sich in ihrer trauer ein paar sätze entrang, die kommentatoren als den bewegendsten, aufrichtigsten moment bezeichnen könnten. der schmerz des kindes berührte auch mich, allerdings war mein impuls umschalten, denn wenn ich dem menschen nicht helfen kann, dann glaube ich auch nicht das recht zu besitzen, seine pein im fernsehen zu betrachten.
synchron geschaltet
aber das waren die letzten minuten. während die trauerfeier zuvor lief, saß ich im auto. im radio lief ein feature über progressive, soziale bewegungen in den usa nach der wahl obamas, ihre enttäuschungen, hoffnungen und perspektiven. auch hier wurden gegen ende die sätze gesprochen, die besonders haften blieben. es ging um die medien in den usa, rückläufige auflagen der zeitungen, titel die ganz verschwinden oder sich ins www zurückziehen, um oligopole bei den elektronischen medien, die, statt informationen mühsam und teuer zuschauer-, leser- oder hörergerecht aufzuarbeiten, teilweise weniger nachrichten sendeten als eine latenight show, deren namen ich schon wieder vergessen habe. und es ging - das sage nun ich - um die synchronisierung der öffentlichen meinung.
letztere geschieht fast zwangsläufig, es bedarf keines politischen plans, denn gesendet oder gedruckt wird, was aussicht auf interesse hat, auf messbaren erfolg und das sind die themen, die allgemein interessieren oder von denen die redaktionen glauben, dass sie das tun. da es aber immer weniger in ihrer publizistischen haltung unterschiedliche anbieter gibt, gleichen sich die veröffentlichten inhalte an und generieren eine öffentliche meinung, die weitgehend einheitlich ist. das funktioniert in den usa nach den gleichen betriebswirtschaftlichen gesetzen wie bei uns.
reine kopfsache
vor dem plenarsaal des bayerischen landtags stand im vergangenen jahr (und ich habe keinen anlass zu glauben, dass es heute anders ist) ein gut gefüllter zeitungsständer. aus der erinnerung schätze ich, dass etwa vierzig regionalzeitungstitel in den fächern des drehgestells steckten - aber ich sah maximal zehn unterschiedliche layouts; ein verlag brachte es auf mindestens zwölf sogenannte kopfblätter. so heissen die zeitungen aus einem haus, bei denen sich nur die lokalteile und der titel unterscheiden; seite 1, politik, nachrichten, feuilleton, service und überregionaler sport kommen aus zentralredaktionen. dass ich den bayerischen landtag erwähne ist zufall, ich sah den ständer bei einer produktion in münchen; in den landtagen anderer flächenländer sieht es sicher kaum anders aus.
so erreicht denn der kommentator des hauses nicht mehr nur - sagen wir mal - 100 000 leser wie vor zwanzig jahren, sondern dank der presse-konzentration und der nutzung der synergieeffekte heute eine million (ähnliche reichweiten hatten in deutschland nur die meinungsbildenden der sed-bezirkszeitungen in der ddr). das muß nicht schlimm sein; aber schlimm ist, dass innerhalb des verbreitungsgebiets keine alternative zu dieser einen stimme existiert, keine andere nachrichtenauswahl und keine andere gewichtung der themen.
wie entscheidet wer?
und damit sind wir wieder bei michael jackson: vor die wahl gestellt, drei stunden (oder waren es mehr) sondersendung sowie vielleicht fünf sonderseiten über die trauerfeier zu produzieren oder eine halbe stunde und eine seite über (nur mal so zum spaß:) die sozialenzyklika von papst benedikt XVI. - welche entscheidung fällt? und was wird eingeschaltet oder gelesen?
allerdings keimt in mir schon lange der verdacht, dass bei dieser art des blatt- oder sendungsmachens leser und zuschauer auf so leichtfertige weise unterschätzt werden, dass die sich einfach achselzuckend abwenden. vielleicht fällt es menschen, die in wirtschaftlich schwierige situationen geraten, auch besonders leicht, eine tageszeitung abzubestellen, die nicht mehr informationen bietet als tv-nachrichtenmagazine und der morgendliche hörfunk (mir ist es tatsächlich einmal passiert, dass eine hörfunksprecherin wort für wort den text vortrug, den ich in diesem moment las. zeitungs- und radio-redaktion hatten den denselben beitrag einer nachrichtenagentur verwendet; es war gespenstisch). kostenlose anzeigenblätter mit lokalteil erledigen dann den rest.
ob wirklich etwas anderes so viel wichtiger gewesen wäre, als die trauerfeier für den toten superstar? das mag jeder für sich entscheiden. von all dem hype ist zumindest bei mir kaum mehr geblieben, als jener beschriebene, bedrückende moment. andere dinge aber dauern an, haben nachhaltige wirkung. vielleicht liest man von denen dann in den wochenzeitungen. deren auflagen - interessanterweise und wie ich meine sicher nicht nur wegen der "die zeit"-lesenden lehrer - sind übrigens stabil.
die entwicklung der auflagen unterschiedlicher medien ermittelt die ivw
der wirklich sehr interessante beitrag "die obama-welle - ernüchterung nach dem rausch?" des deutschlandfunks vom 7. juli 2009 sollte bald im archiv von "das feature" abrufbar sein.
Mittwoch, 8. Juli 2009
Freitag, 12. Juni 2009
muße-stunden
"eine regel, die von fürst naoshige in dem "schreiben an der mauer" hinterlassen wurde, lautet so: dinge von großer bedeutung sollten gelassen angegangen werden.
meister ittei fügte an: dinge von geringer bedeutung sollten ernsthaft angegangen werden."
die weisheiten - zitiert aus dem hagakure - seien ergänzt: leichtigkeit und ernsthaftigkeit bedürfen der muße.
der nächste thog-blog wird im juli zu lesen sein. allen freunden und lesern bis dahin eine gute zeit.
herzlich
thomas goerger
meister ittei fügte an: dinge von geringer bedeutung sollten ernsthaft angegangen werden."
die weisheiten - zitiert aus dem hagakure - seien ergänzt: leichtigkeit und ernsthaftigkeit bedürfen der muße.
der nächste thog-blog wird im juli zu lesen sein. allen freunden und lesern bis dahin eine gute zeit.
herzlich
thomas goerger
Dienstag, 2. Juni 2009
ein lächeln in der hölle
"die hölle," sagte sam rajasuriar, "sie ist nicht heiß, es brennen dort keine feuer. die hölle ist ein kalter ort, dunkel, still, voller angst - und du bist ganz allein." es war eine morgenandacht, damals im dezember 2004, wenige tage, nachdem der große tsunami auch sri lanka heimgesucht hatte. kameramann holger uhl und ich waren mit ärzten der hilfsorgansiation humedica in den norden gefahren, auf die halbinsel jaffna, ins gebiet der tamilen. sam rajasuriar ist pastor, betreibt mit humedica-unterstützung ein waisenhaus und mobile klinken. ein großer mann, hager, mit lebendigen augen, der fähigkeit mitreißend zu lächeln, zu sprechen und von einer menschlichen wärme und zugewandtheit, wie ich sie oft bei kirchenmännern gespürt habe.
an sam rajasuriar erinnerte ich mich, als ich gerade in einem kaum genutzten fach meines kamera-rucksacks eine alte ausgabe von „the economist“ fand: the silent tsunami, der stille tsunami hatte die zeitschrift im april 2008 getitelt. ich hatte die ausgabe in atlanta gekauft, bei einem zwischenstopp auf dem weg nach haiti, wo ich einen beitrag über die folgen der gestiegenen lebensmittelpreise drehte, über ein landwirtschaftliches entwicklungshilfeprojekt der kindernothilfe in den bergen und über humedica-mediziner, die in den slums eine mobile klinik unterhielten. gesundheit - die, sagte dr. markus hohlweck aus bonn, sei mit das erste, woran in notzeiten gespart würde. inzwischen sind die lebensmittelpreise wieder gesunken, die not auf haiti wird etwas weniger verzweifelt sein, die welt hat andere themen.
im schrecken ist auch frieden
aber diese zeitschrift holte die erinnerung an den verheerenden tsunami, der asien und teile der afrikanischen ostküste überschwemmt hatte, zurück. wir waren am zweiten weihnachtsfeiertag nach sri lanka geflogen, von colombo weitergereist nach jaffna, in den norden, in tamilen-gebiet. mg-stellungen zu beiden seiten der landebahn des flughafens, ein riesiges areal, umzäunt, gesichert, ein soldat, der uns von der baracke, in der wir abgefertigt wurden, an den rand des sperrgebiets brachte. er auf dem beifahrersitz des wagens, die kalaschnikow zwischen seinen beinen. wir fuhren vorbei an häusern, überwuchert, zerstört, voller einschußlöcher.
es war bedrückend, aber die menschen waren, wie so oft in krisengebieten, nahe beeinander. die gewalt der katastrophe hatte sie weich gemacht, achtsam, dem leben etwas friedfertiges gegeben. vielleicht war es die beliebigkeit, mit der das wasser seine opfer gefunden hatte, die alle argumente von gut und schlecht, gerecht und gestattet, der teilung, des kampfes, des tötens ausgehöhlt hatte. vielleicht war in dem erleben existenzieller machtlosigkeit etwas verbindendes. und so gab es in diesen wenigen tagen immer wieder kleine gesten und eine hoffnung: miteinander weiter. was der trauer gelang – es kann auch dem willen gelingen, sagte ein mitarbeiter von humedica in colombo.
am tag unserer abreise bestiegen wir einen hubschrauber der sri-lankischen armee, um luftaufnahmen von der zerstörten küste zu drehen. sam rajasuriar hatte den kontakt mit dem kommandanten vermittelt. vielleicht auch das etwas besonderes an dem pastor, dass er tröstend seine hand auf die schulter eines verletzten kindes in einer klink legen und kurze zeit später mit einem hohen offizier telefonieren konnte, dass er die fischer kannte, deren boote zerschmettert hunderte meter vom strand entfernt im landesinneren lagen, und den chef der örtlichen polizei. der hubschrauber, der nun bereitstand sollte uns nach manalkadu und wieder zurückbringen.
in dem kleinen ort am strand hatten wir für unsere reportage gedreht. wir hatten bewohner gefilmt und interviewt, die uns zeigten, wie hoch das wasser in ihren häusern gestiegen war, die uns erzählten, wie viele angehörige sie verloren haben, die nun die reste ihrer habe auf lastwagen luden und fortfuhren. wir hatten mit soldaten gesprochen, die in einem wachposten auf einem damm saßen und vom tsunami erzählten: wie sie die menschen sahen, die zwischen den dünen vor dem wasser landeinwärts flohen, wie sie ihnen zugerufen haben, nach oben zu laufen, das aber nur wenige kamen, wie dann schießlich einige dutzend auf der düne standen und überlebten auf den gräbern ihrer angehörigen. denn der hügel war der friedhof von manalkadu.
hilfe für familien
wir sahen die gräber wieder aus der luft, die nun leeren häuser, wir sahen sie zwischen dem lauf eines maschinengewehrs, des patronengurts und des helms eines der beiden bordschützen, der in jeder der offenen türen des amerikanischen bell-helikopters saß. mit diesem bild im kopf flog ich zurück nach deutschland. es vergingen nur wenige wochen, bis die zarten ansätze des dialogs zwischen regierung und tamil tigers (ltte) verdorrten. ein jahr später, zum jahrestag des tsunami, fragte niemand mehr nach der entwicklung des konflikts; berichtet wurde aus thailand, wo die angehörigen getöteter touristen linderung ihres leids in gedenkgottesdiensten suchten, aus indonesien und von spendengeldern, die immer noch auf konten schlummerten.
es ist erst ein paar tage her, dass tamilen vor dem düsseldorfer landtag gegen die inzwischen mit der niederlage der ltte beendeten offensive der armee demonstrierten. sie sind inzwischen gegangen. sam rajasuriar, das sagte mir steffen richter von humedica, bemüht sich in flüchtlingslagern der halbinsel jaffna um hilfe für familien. welche hölle sie in den wochen der kämpfe durchlebten – ich weiss es nicht. allein aber, da bin ich sicher, lässt der hagere mann sie nicht.
der jüngste artikel über humedica auf sri lanka und die arbeit von sam rajasuriar ist auf der humedica-homepage zu finden.
im schrecken ist auch frieden
aber diese zeitschrift holte die erinnerung an den verheerenden tsunami, der asien und teile der afrikanischen ostküste überschwemmt hatte, zurück. wir waren am zweiten weihnachtsfeiertag nach sri lanka geflogen, von colombo weitergereist nach jaffna, in den norden, in tamilen-gebiet. mg-stellungen zu beiden seiten der landebahn des flughafens, ein riesiges areal, umzäunt, gesichert, ein soldat, der uns von der baracke, in der wir abgefertigt wurden, an den rand des sperrgebiets brachte. er auf dem beifahrersitz des wagens, die kalaschnikow zwischen seinen beinen. wir fuhren vorbei an häusern, überwuchert, zerstört, voller einschußlöcher.
es war bedrückend, aber die menschen waren, wie so oft in krisengebieten, nahe beeinander. die gewalt der katastrophe hatte sie weich gemacht, achtsam, dem leben etwas friedfertiges gegeben. vielleicht war es die beliebigkeit, mit der das wasser seine opfer gefunden hatte, die alle argumente von gut und schlecht, gerecht und gestattet, der teilung, des kampfes, des tötens ausgehöhlt hatte. vielleicht war in dem erleben existenzieller machtlosigkeit etwas verbindendes. und so gab es in diesen wenigen tagen immer wieder kleine gesten und eine hoffnung: miteinander weiter. was der trauer gelang – es kann auch dem willen gelingen, sagte ein mitarbeiter von humedica in colombo.
am tag unserer abreise bestiegen wir einen hubschrauber der sri-lankischen armee, um luftaufnahmen von der zerstörten küste zu drehen. sam rajasuriar hatte den kontakt mit dem kommandanten vermittelt. vielleicht auch das etwas besonderes an dem pastor, dass er tröstend seine hand auf die schulter eines verletzten kindes in einer klink legen und kurze zeit später mit einem hohen offizier telefonieren konnte, dass er die fischer kannte, deren boote zerschmettert hunderte meter vom strand entfernt im landesinneren lagen, und den chef der örtlichen polizei. der hubschrauber, der nun bereitstand sollte uns nach manalkadu und wieder zurückbringen.
in dem kleinen ort am strand hatten wir für unsere reportage gedreht. wir hatten bewohner gefilmt und interviewt, die uns zeigten, wie hoch das wasser in ihren häusern gestiegen war, die uns erzählten, wie viele angehörige sie verloren haben, die nun die reste ihrer habe auf lastwagen luden und fortfuhren. wir hatten mit soldaten gesprochen, die in einem wachposten auf einem damm saßen und vom tsunami erzählten: wie sie die menschen sahen, die zwischen den dünen vor dem wasser landeinwärts flohen, wie sie ihnen zugerufen haben, nach oben zu laufen, das aber nur wenige kamen, wie dann schießlich einige dutzend auf der düne standen und überlebten auf den gräbern ihrer angehörigen. denn der hügel war der friedhof von manalkadu.
hilfe für familien
wir sahen die gräber wieder aus der luft, die nun leeren häuser, wir sahen sie zwischen dem lauf eines maschinengewehrs, des patronengurts und des helms eines der beiden bordschützen, der in jeder der offenen türen des amerikanischen bell-helikopters saß. mit diesem bild im kopf flog ich zurück nach deutschland. es vergingen nur wenige wochen, bis die zarten ansätze des dialogs zwischen regierung und tamil tigers (ltte) verdorrten. ein jahr später, zum jahrestag des tsunami, fragte niemand mehr nach der entwicklung des konflikts; berichtet wurde aus thailand, wo die angehörigen getöteter touristen linderung ihres leids in gedenkgottesdiensten suchten, aus indonesien und von spendengeldern, die immer noch auf konten schlummerten.
es ist erst ein paar tage her, dass tamilen vor dem düsseldorfer landtag gegen die inzwischen mit der niederlage der ltte beendeten offensive der armee demonstrierten. sie sind inzwischen gegangen. sam rajasuriar, das sagte mir steffen richter von humedica, bemüht sich in flüchtlingslagern der halbinsel jaffna um hilfe für familien. welche hölle sie in den wochen der kämpfe durchlebten – ich weiss es nicht. allein aber, da bin ich sicher, lässt der hagere mann sie nicht.
der jüngste artikel über humedica auf sri lanka und die arbeit von sam rajasuriar ist auf der humedica-homepage zu finden.
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