Freitag, 3. April 2009

uiuiui

"In Straßburg", finde ich in einem bericht vom gipfeltreffen der nato am abend, "setzten Beamte nach Polizeiangaben Tränengasgranaten ein, um im Süden der Stadt Demonstranten abzudrängen. Die als Clowns verkleideten NATO-Gegner hatten die Beamten zuvor mit Handküssen und Staubwedeln provoziert. Die Gruppe der Protestler bestand aus mindestens 100 Personen. Nach Angaben französischer Medien wurden auch Wasserwerfer eingesetzt. Dort wurde die Zahl der Demonstranten mit bis zu 200 beziffert".

100 handküssende clowns, 200 gar, massenwedeln - was wohl wäre da abzustauben gewesen?

Mittwoch, 1. April 2009

reinzensiert

es war ein pling, ein glöckchen oder was auch immer. jedenfalls störte es mich und machte mich erst auf den song aufmerksam, der im hintergrund lief. das geräusch hatte den fluß von lily allens text in "the fear" unterbrochen und ich dachte: "ah, sie haben das f-wort durch einen sound ersetzt damit ich es nicht höre. aber das f-wort wäre doch zu kurz für das geräusch gewesen; hmh, es war bestimmt das f-wort als verb mit -ing."

nun bezweifle ich, dass ich das f-wort gehört hätte, es wäre wohl ohne weiteren schaden anzurichten einfach so an mir vorbeigerauscht. dank des akustischen signals aber habe ich das f-wort mehrfach gedacht, es im originaltext gelesen, den ich zu rate zog, um sicherzugehen und schreibe jetzt sogar darüber; wer hat nun was erreicht?

übrigens fällt mir bei dieser zensurform noch etwas anderes ein, nämlich eine verfremdende aneignung a´la ronald reagan. der sah allein das hymnische der titelzeile in bruce springsteens "born in the usa", und blendete das kritische einfach aus. es mag ziemlich dämlich daherkommen, aber geschadet hat es reagan nicht. es war wahrscheinlich sogar ziemlich clever. wer erinnert sich schon an den text vom bruder, der in vietnam starb, der weg ist, während der damalige feind immer noch da ist? eben.

und damit sind wir wieder bei den radio-geschmacks- und sittenwächtern; denn so gesehen erzeugt so ein kleines pling aufregung um das f-wort und leitet die aufmerksamkeit um und weg vom text; der aber ist es eigentlich wert, etwa hier gelesen zu werden; trotz und mit dem f-wort.

weeze, wilfried, winnenden

in der forschung wie und warum menschen wirken gibt es eine studie, die besagt, dass 58 prozent des eindrucks, den ein mensch auf mich macht, durch seine optische erscheinung verursacht werden, 35 prozent durch die art wie er mit mir spricht, ob langsam, gelassen und mit tiefer stimme oder schnell, aufgeregt und im diskant. lediglich sieben prozent macht das aus, was die person sagt. derjenige, der sich im optischen bereich unsicher fühlt, kann allerdings entspannt bleiben: irgendwann kehren sich die verhältnisse um.

es sind wenige sekunden (zehn bis 20) in denen wir uns auf unser äußeres verlassen können und bei unserem gegenüber archaische prozesse in jenen hirnregionen ablaufen, die nach freund/feind/futter unterscheiden, hektisch den katalog der maschen nach der aussichtsreichsten oder den der schnellen verabschiedungen nach der glaubwürdigsten durchforsten. ist diese zeit aber vorbei wird das gesprochene wort wichtig. so funktionieren wir eben, so funktionieren nachrichtensender und so funktioniert wilfried schmickler; deshalb ist er kabarettist, muss viel und ausdauernd reden, und brad pitt schaupieler und gönnt uns pausen.

wahnsinn vom feinsten

bei seinem letzten auftritt räsonierte er über die medien im fall winnenden. auch über eine junge frau. sie stand bei ntv live vor der kamera, da habe auch ich sie gesehen. neben einem gewissen mitgefühl ob der schweren aufgabe (auch solche emotionen erschafft unser gehirn binnen sekunden, manchmal) war ich aber auch neugierig zugeneigt; neugierig als zuschauer, der von der schrecklichen tat das neueste erfahren wollte, als kollege, der solche situationen, den druck und die probleme kennt, und zugeneigt wegen der erwähnten optisch generierten wirkung. als aber der satz: "das chaos hier ist vom feinsten" fiel und die junge frau (in meiner erinnerung mindestens zweimal) vom "wahnsinn" sprach, der in ihrem fall nicht tat oder täter beschrieb sondern die situation, die hektische polizei, die aufgeregten anwohner, den hubschrauberlärm, den aufmarsch der medien, also allgemein die situation rund um das schulgebäude, da nahm ich die fernbedienung und schaltete weg.

in solchen momenten geschehen gemeine dinge mit mir. ich beginne mich wie ein ertappter lügner zu winden, drücke meinen rücken tief in die sofakissen und verschränke die arme vor der brust. minutenlang möchte ich nichts sagen sondern nur weg, weg, weg. ein arger anfall von fremdschämen, wie es sonst nur gelegentlich talkshows schaffen.

wilfried schmickler schenkte mir mit seiner - berechtigten - empörung über diesen auftritt eine befreiende läuterung. gewissermaßen war ich ja mitschuldig geworden als zuschauer und mit seiner standpauke wusch er auch mich rein.

gestern abend las ich im blog eines jungen läufers vom strongmanrun 2009 in weeze. ein paar beiträge weiter unten berichtet er - so unvermittelt wie ein webtagebuch eben ist - von der amokdrohung an seiner schule am vergangenen freitag (27. märz). heute morgen dachte ich ans laufen, an den blog, mir fiel das verbrechen von winnenden wieder ein, die unglückliche junge frau und wilfried schmickler.

wie das jetzt wieder alles zusammenhängt - bestimmt gibt es auch dafür eine studie.


zum erwähnten blog geht es hier