Freitag, 19. Juni 2015

Unverhofft...

...war das Treffen in Berlin. Eigentlich wollte ich nach der Pressekonferenz an der FU Berlin, bei der mein Schulungs-Film "media running amok ?" vorgestellt wurde, gleich wieder zurück. Entstanden ist er über einen Zeitraum von zwölf Monaten im Rahmen des Forschungsprojekts Target. Dann aber war da zwischenzeitlich ein Anruf und die Gelegenheit, die Künstlerin Luisa Pohlmann kennenzulernen. So entstand vor ihrer Ausstellung - Für Abkürzungen haben wir keine Zeit (KuKuK, Aachen, 21. Juni bis 9. August) - das Video-Porträt Ost nach West. Ein schöner Shift und der vierte Film der Reihe 25pArt, in der ich Künstler mit der Kamera besuche.

Luisa Pohlmann - Für Abkürzungen haben wir keine Zeit from ThoG on Vimeo.

Der Film " media running amok ? " ist bei der FU Berlin für Fortbildungseinrichtungen und Schulungszwecke auf DVD erhältlich (einen Trailer gibt es hier). Ich verwende ihn zudem bei den "nicht schaden"-Seminaren, in denen drei weitere Trainerinnen und ich etwa Interview-Techniken aber auch Kriterien und Richtlinien für einen achtsamen, trauma-sensiblen Journalismus vermitteln. Dieses Konzept ging nach der Diskussion um die Germanwings-Berichterstattung aus der jahrelangen Zusammenarbeit mit dem Dart Centre Europe hervor.

Wie eine solche Vorbereitung wirkt, zeigte sich in der Redaktion der Aktuellen Stunde und WDR aktuell während der Tage nach dem Absturz der Germanwings-Maschine. Buchstäblich in jeder Konferenz wurde das Thema: Was zeigen wir, was nicht, wohin gehen die Reporter, wen interviewen sie und wen nicht, wo halten wir Abstand oder schalten Kamera und Mikrofon ganz ab? diskutiert. Als die Bergung der Verstorbenen begann wurde nicht nur entschieden, viele Bilder nicht zu senden, es ging bis hin zu einer Sprachregelung, die sich am Respekt vor den Getöteten und ihren Angehörigen orientierte. Als die ersten Fotos des Co-Piloten auftauchten war das Feld bereitet für die Entscheidung: Kein Name, kein Bild.

Prof. Frank Urbaniok, Chefarzt des psychologisch-psychiatrischen Dienstes des Kantons Zürich sagt sinngemäß in dem Film "media running amok ?": Wir dürfen kein Interesse daran haben, die Massenmörder in einem intakten Umfeld zu zeigen. Bilder, die auch für einen Propaganda-Film der Täter taugen sind kritisch.

Hintergrund ist die Attraktion, die der mediale Tsunami mit Täterinfos auf jenen Bruchteil des Publikums ausübt, das möglicherweise - als Amoktäter oder auch politisch-religiös-verbrämter Terrorist - dadurch erst zu Nachahmern wird. Eine zurückhaltende Berichterstattung über die Mörder, sagt auch Nils Böckler, vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld, liefert nicht jene Bilder, Posen, Rechtfertigung und Faszination, die bei manchem eine schreckliche Entwicklung begünstigen.

Tatsächlich müssen wir uns fragen: Welche Information gibt mir der Name, was die Nachbarn ("Das hätte ich nie gedacht, er war immer so freundlich..."), was ein Foto vom Halbmarathon oder einem USA-Aufenthalt? Benötige ich das, um den Ablauf der Tat zu rekonstruieren? Was ist wann wirklich wichtig, um das Motiv zu erläutern?

Vor allem aber: bedienen wir tatsächlich die Nachfrage unseres Publikums?

Dem Täter wird eine Bühne gegeben, sagen zwei junge Frauen, die die Morde in der Albertville-Realschule in Winnenden 2009 überlebten, er bekommt, was er will. Und andere, sagt Prof. Herbert Scheithauer von der FU Berlin, Verbundkoordinator des Target-Projekts, jene Bilder, die sie zwanghaft konsumieren, bis sie selbst einen ähnlichen Weg gehen.

Kein Name, kein Bild also - es waren die jahrelangen Schulungen, die der WDR in diesem Bereich veranstaltet, die dann, als es soweit war, diese Entscheidung erst ermöglichten. Die dafür nötige redaktionelle Grundhaltung war vorhanden, sie kann auch nicht erst in der Situation entstehen. Die positiven Reaktionen der Zuschauer belegen, dass die zurückhaltende Berichterstattung in den regionalen Sendungen nicht nur bemerkt sondern auch angenommen wurde.

Was das mit der Künstlerin Luisa Pohlmann zu tun hat? Zwei Tage war es im Umfeld der Film-Präsentation in vielen wichtigen und wertvollen Gesprächen um diese Themen gegangen, um die Frage, wie es gelingen kann, redaktionelle Reflexe und eingeübte Routinen aufzubrechen, wer solche Aus-und Fortbildungen noch bezahlen möchte und ob die öffentliche Mediendiskussion dieses Mal nachhaltiger wirkt. Das war auch der Sinn der Reise - doch eine Stunde später öffnet sich mir unerwartet die Tür zu der ganz anderen, farbenfrohen, anregenden Welt einer jungen Malerin - es ist ein großartiger Beruf.


Sonntag, 1. März 2015

Ausschlag

Mit mir sprach Karlheinz Köpke. Das war ein Sprecher der tagesschau, der Sprecher der tagesschau, es war 1965, ich war vier und eigentlich hätte das nicht sein dürfen, denn Karlheinz Köpke war nur auf einem Foto in einer Zeitschrift, die ich mir ansah, als ich mit Masern und hohem Fieber im Bett lag. Ich will mal glauben, dass die schwere Erkrankung bei mir keine nachhaltigen Folgen hatte, auch wenn mir meine Schwäche für Eiscreme mitunter pathologisch erscheint. Aber es waren wohl ernste Tage damals und außer an den sprechenden Karlheinz Köpke in der Zeitschrift erinnere ich mich noch an das sorgenschwere Gesicht meiner Mutter, die sehr oft und sehr lange an meinem Krankenbett saß, das hohe Fieber mit Wadenwickeln behandelte und den Ausschlag versorgte.

Zu der Zeit gab es aber noch eine andere Krankheit, die allgemein mehr Aufmerksamkeit bekam: Kinderlähmung. 1952 hatte es allein in Deutschland über 10 000 Krankheitsfälle gegeben und die Zahl derer, die sich neu infizierten, in Eisernen Lungen lange Zeit beatmet werden mußten oder nur an Krücken gehen konnten, nahm langsamer ab, als es möglich gewesen wäre. Gegen die Impfung mit der Spritze gab es bei vielen Vorbehalte. Den Durchbruch brachte die Schluckimpfung auf dem Zuckerwürfel. Die Zahl der Neuerkrankungen ging bis Ende der sechziger Jahre rapide zurück, die Impfkampagne ging weiter: Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam war der Slogan und auf dem Schulhof ärgerten wir uns mit Sätzen wie: das ist Dagmar, 12, nicht geimpft oder so.

Heute kommt Polio in Deutschland nicht mehr vor. Die Krankheit gilt als besiegt.  „Jeder“, sagt der Duisburger Kinderarzt Dr. Peter Seiffert, „kannte jemanden in seiner Verwandtschaft oder unter seinen Freunden, der auf irgendeine Weise betroffen war. Man sah die Kinder, die langzeitbeatmet werden mussten oder auf andere Weise behindert waren.“ Polio war eine sichtbare Bedrohung in der Öffentlichkeit. Das wir heute kaum mehr betroffen sind - dafür haben Zehntausende mit ihrer Gesundheit bezahlt.

Dass die Krankheit im Alltag nicht mehr wahrnehmbar ist heißt aber nicht, dass sie uns nicht mehr bedroht. Heute leisten wir uns – bislang folgenlos - in einem trügerischen Gefühl von Sicherheit einen recht nachlässigen Umgang mit der Impfung, sagt Dr. Peter Kaup, Hausarzt in Oberhausen. Impfpässe gerade bei Erwachsenen zeigten große Lücken. 2014 untersuchte vorsorglich das Robert-Koch-Institut Flüchtlingskinder, die aus Syrien nach Deutschland gekommen waren auf den Erreger - glücklicherweise ohne Befund. Wie schon einmal zuvor in Bosnien hatte ein Krieg die Impfprogramme unterbrochen und es waren wieder in diesen Ländern einzelne Fälle von Polio aufgetreten. Infizierte müssen nicht einmal selbst erkranken oder Symptome haben, um das Virus zu verbreiten. In unserer Gesellschaft trifft es auf ein möglicherweise nicht mehr ausreichend geschütztes Kollektiv, sagt Susanne Glasmacher vom RKI, wie auch bei Masern haben wir den Herdenschutz vernachlässigt. Was genau das bedeutet, wie es funktioniert und welche Folgen das hat zeigt ganz anschaulich diese Animation auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Das aber beim Ausbruch in Berlin gerade viele Erwachsene nicht nur betroffen sind sondern sogar die Mehrzahl der Fälle stellen, die in Kliniken behandelt werden müssen, mag an dem mangelnden Schutz liegen: in der Gruppe der 30-39jährigen, so Glasmacher, gelten ganz unabhängig von irgendwelchen Überzeugungen nur 46,7 Prozent als hinreichend geimpft. 



Dieses Modell trifft sich mit einem anderen, hat eine Schnittmenge mit einem fundamentalen Prinzip unserer Gattung – des Nestschutzes, ein Antikörper-Reservoir, dass Neugeborene von ihren Müttern zunächst über die Plazenta dann – im Idealfall - die Muttermilch mitbekommen und das sie in den ersten Monaten vor Erkrankungen schützt. Eine Mutter, die selbst aber weder die Masern hatte noch sich hat impfen lassen, gibt ihrem Kind den Schutz vor diesem Virus nicht mit.

Der Masernausbruch in Duisburg 2006 zeigte, so Dr. Peter Seiffert, dass gerade die Gruppe der unter elf Monate alten kranken Babys (bis zu diesem Alter, so der Mediziner, sind Impfungen nicht aussichtsreich, weil offenbar die Immunreaktion zu schwach ist) die schlimmsten Folgeerkrankungen bis zur immer tödlich verlaufenden SSPE, einer Hirnerkrankung, erleidet. Diese Kinder sind ganz besonders darauf angewiesen, in einem Kollektiv zu leben, in dem immunisierte Menschen es wie ein beschützender Ring umgeben und so vor einer Ansteckung bewahren. Wer sich gegen eine Impfung entschieden hat, sollte also mindestens ein Jahr warten, bevor er sich und sein Kind in Kontakt mit Gleichgesinnten bringt und sich versichern, dass sein direktes Umfeld eine andere Meinung hat als er selbst und auch danach gehandelt hat – also geimpft ist. Tatsächlich, sagt Kinderarzt Seiffert, ist „die Gefahr groß für die Kleinen“.

Ob eine Impfpflicht möglicherweise rasch etwas ändert ist eher zweifelhaft. Es gibt Bedenken an der Rechtmäßigkeit einer solchen Regelung und auch Ärzte wie Dr. Peter Kaup lehnen eine Vorschrift aus grundsätzlichen Erwägungen ab. Sie setzen auf Aufklärung und Einsichtsfähigkeit: da die Menschheit das einzige Reservoir für das Virus ist, läßt sich die Krankheit besiegen, die Nebenwirkungen der Impfung sind marginal, die Geschichte vom Autismus aufgrund des dreifach Präparats (Masern-Mumps-Röteln) längst widerlegt und sogar als von privatem Interesse getriebene Horrorgeschichte eines Mannes entlarvt, dem inzwischen die ärztliche Zulassung entzogen ist: „Wir impfen unsere Hunde und Katzen, warum also nicht uns?“

Das sind die Fakten, ein anderer Satz von Kinderarzt Peter Seiffert aber klingt bei mir besonders nach: „Eltern treffen eine Entscheidung, deren Folgen nicht sie sondern das Kind tragen und möglicherweise erleiden muß.“ Offenbar falle es manchen leichter, selbst die schlimmste schicksalhaft auftretende Krankheit auszuhalten als die „dumpfe Angst“, wie er sagt, zu besiegen, das Auftreten einer extrem unwahrscheinlichen Nebenwirkung zu verantworten.
Im Vermeidbaren allerdings steckt nichts Schicksalhaftes mehr; kein Kind muß das Risiko ertragen, einer jener etwa 1000 Masern-Kranken zu werden, die schwerste Schäden bis zum Tod davontragen.

Durch Impfungen vor Krankheiten geschützt zu sein, bezeichnen die Vereinten Nationen als Grundrecht aller Kinder. Dass es laut einer Veröffentichung zum Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung (s. 15)  offenbar einen Zusammenhang zwischen niedriger Impfquote und beruflich hoch qualifizierten Müttern (bei hoch qualifizierten Vätern steigt laut des Berichts die Quote; man könnte nun über möglicherweise tagelang nörgelnde, fiebrige Kinder während der erwünschten Immunreaktion nachdenken) ist da nur eine ganz erstaunliche Facette, in einem Verhalten, das Kinderarzt Seiffert bei den Dreharbeiten für einen Beitrag in der Aktuellen Stunde des WDR einfach „gemein“ nennt.

Zuletzt sah ich ein Kind mit Polio während einer Reportagereise 2010 im Norden Pakistans. Ein Junge, vielleicht 12, 13 Jahre alt, der in Nowshera mit den typischen Prothesen und Krücken über die Straße ging, während wir auf dem Weg ins Swat-Tal waren; soviel unnötiges Leid, soviel unnötig zerstörte Träume. Den Widerstand gegen Impfprogramme betreiben dort Taliban-Terroristen.

Aus den Tagen meiner Masernerkrankung erinnere ich mich an noch etwas; ich nahm die Zeitung immer wieder zur Hand und schlug hoffnungsvoll die Seite mit dem Foto von Karlheinz Köpke auf. Es war wie eine Verheißung, ein Tor in eine geheimnisvolle Realität. Doch er sprach nie mehr mit mir; damals war ich entäuscht, heute weiß ich, dass ich dankbar sein sollte.  

Montag, 19. Januar 2015

Vera Hilger - Fuzzy Sets

Der Titel der Ausstellung ist Programm - Fuzzy Sets, unscharfe Mengen. So lassen sich nicht nur  U-Bahnen in Japan steuern oder medizinische Geräte. Sie funktionieren nicht einem klaren 1 oder 0-Konzept sondern den Schnittmengen, in denen etwas zum Beispiel noch so aber auch schon anders ist. Mit 16 ist man jung, mit 21 noch jung und schon erwachsen,  mit 50 erwachsen aber auch schon - sagen wir mal  - älter.
Übertragen auf die Malerei von Vera Hilger heißt das, die Dinge sind nie ganz klar, sie stehen in einer - obwohl in unveränderlicher Komposition - fortlaufenden Entwicklung, die beim Dialog zwischen Betrachter und Werk entsteht. "Vielleicht sieht der Nachbar etwas ganz anderes, "sagte sie im Gespräch während der Dreharbeiten, Vielleicht sehe ich aber selbst auch morgen etwas ganz anderes. Spannend ist es auf jeden Fall immer.
Über mehrere Wochen entstand "Fuzzy Sets - Die Entstehung einer Ausstellung", es war ein spannender Blick auf all das, was geschieht, bevor die Bilder hängen.



Vera Hilger - Fuzzy Sets from ThoG on Vimeo.


Donnerstag, 18. Juli 2013

Hard reset

Eigentlich ging es bei dem Interview um die Loveparade in Duisburg und die Folgen drei Jahre danach - und dann endete der Termin doch wieder einmal mit einem Gespräch über Prism, Tempora, Geheimdiensten und dem, was wir bereit sind hinzunehmen für eine bequeme, bunte online-Welt. So ist es oft derzeit und eigentlich ist das auch gut so.

Deutlich wird immer wieder, dass wir noch wenig wissen über die Details, aber drei Fakten sind klar - egal, was noch herauskommen wird:

1. Wir sind unfrei

Googlen sie doch bitte mal Unkrautvernichter...

Nein? Warum nicht? Weil man daraus auch Sprengsätze bauen kann und sie nicht wollen, dass irgendwo ein rote Lampe angeht? Nicht nur das möglicherweise ganze Heerscharen von Kleingärtnern im Netz der Unkrautvernichterbestellerjäger hängengeblieben sind und nun bei jedem Anschlag, jedem Verdacht auf einen Anschlag oder jeder Routine zur Erkennung der Möglichkeit des Verdachts auf einen Anschlag gescannt werden, weil ihnen auch noch der befreundete türkische Kollege ein "Salam" zum Ramadan per sms schickte; während ich schreibe kommt mir der Gedanke, dass diese Zeilen ja auch einmal gegen mich verwendet werden können. Weil ich "böse, böse USA", schreibe könnte mir trotz Visums- und Reisefreiheit nach, sagen wir, drei Stunden Warterei vor den Schaltern der Imigration an einem Flughafen ein Homeland Security Mitarbeiter die Einreise verweigern. Ob das nun so kommt weiß ich nicht, aber der Gedanke ändert vielleicht mein Tun. Vielleicht geht der Kleingärtner nun direkt in den Fachhandel, verzichtet auf den Preisvergleich und zahlt in bar, damit er nicht zurückverfolgt werden kann (was ihn - ans Ende gedacht - eigentlich sogar noch verdächtiger macht. Wenn er weder online bestellt, noch online weitersucht könnte er ja, in der Vorstellungswelt der Dienste, abgetaucht sein und sich die Chemikalie... ).
Vielleicht freut sich ja auch ein Buchhändler, weil wir "Shades of grey" nicht mehr online bestellen - was könnte der Chef denken und erfährt der das und wenn ja wie und wann? - sondern bei ihm am Tresen kaufen; da beginnt schon Konspiration...
Das Wissen um die Überwachung ändert unser Verhalten. Wir fahren langsamer, wenn an der Autobahn ein vergammelter aber mahnender Polizeiwagen steht, ohne Besatzung zwar doch exakt für den Zweck dort abgestellt, uns zu disziplinieren. Wir werfen keinen Fast-Food-Müll auf Plätze, die videoüberwacht sind, sondern nutzen brav und endlich Papierkörbe. Dagegen kann man eigentlich nichts haben. Aber ein Polizeiwagen oder eine Videokamera sind öffentlich, erkennbar und verhandelbar. Was aber bewirkt Argwohn, welche Macht hat das Unbehagen, die bloße Ahnung einer klandestinen Beobachtung?

2. Wir haben das nicht erlaubt

Ein achselzuckendes "Wir-haben-es-schon-immer-geahnt-das-war-doch-klar" ist keine Legitimation. Die milliardenfache Mißachtung des vielleicht altertümlichen aber geltenden Post- und Fernmeldegeheimnisses ist verboten und nicht hinzunehmen. Wir wurden übergangen, wir haben nicht zugestimmt. Nun müßten unsere Vertreter uns machtvoll verteidigen, eigentlich
Die Beteuerungen des "Wir haben nichts gewußt" sind nur schwer zu glauben. Beispiel Sauerlandgruppe, deren weit fortgeschrittene Anschlagspläne ja - so heißt es - erst dank US-amerikanischer Intelligence den deutschen Behörden offenbar wurden. Aus den ersten Informationen entstand ein Anfangsverdacht, es wurde weiter ermittelt, durchsucht, verhaftet, verhandelt und verurteilt. Aber ist es tatsächlich denkbar, dass weder BND, noch polizeilicher Staatsschutz, Staats- und Generalstaatsanwaltschaft und schließlich auch ein Gericht, das weitergehende Maßnahmen wie etwa eine Telefonüberwachung genehmigt (sic!), nicht fragt: Was sind das für Informationen, woher kommen die, wie wurden die gewonnen und wie zuverlässig sind sie? Dann hätte eine ganze Informationskette versagt - auf Justiz- und Polizeiseite - oder hat sie doch funktioniert? Haben die Dienstherren ihren Laden nicht so im Griff, dass operative Abteilungen wissen was erlaubt und verboten ist, sich an Recht und Gesetz halten und nicht machen was sie wollen, oder haben sie uns belogen? Beide Antworten sind nicht wirklich schön.

3. Wir leben in einem bereits veränderten Staat

Flächendeckende Überwachung heißt Generalverdacht gegen den Bürger, heißt Mißtrauen von oben gegen das Volk - und es heißt, dass dem Staat, so wie er sich präsentiert, nicht zu vertrauen ist, da er offenbar bereit ist, im Geheimen die aufgestellten Regeln zu brechen, zu beugen, zu umgehen. Ganz abgesehen von dem Legitimationsdefizit, das sich so im Diskurs mit anderen Nationen und Kulturen auftut - es ist nicht mehr der Staat, den wir gewählt haben.

Heute können wir - hoffentlich noch - davon ausgehen, dass unsere Daten nicht für andere Zwecke als etwa die Terrorabwehr verwendet werden und wir deshalb zumindest keine persönliche Nachstellung erleiden, wenn wir unser Leben leben. Da die Rahmenbedingungen des Gemeinwesens sich aber bereits verändert haben ist die Frage zwingend, wohin sich das entwickelt.

"Alles was zur Überwachung verwendet werden kann wird, wenn dem keine Gesetze entgegenstehen, zur Überwachung verwendet werden, unabhängig vom ursprünglichen Zweck", ist so in etwa der Wortlaut eines der "Gesetze" des Informationszeitalters, die Shoshana Zuboff, Okönomie-Professorin an der Harvard Universität, formulierte. Speichermedien, in denen Daten gesammelt und verfügbar gehalten werden, Rechner, die sie immer neu sortieren und Algorithmen, die daraus je nach Fragestellung zukünftiges Verhalten prognostizieren - längst Alltag im Netz und doch erst ein junge Technik.

Welche Informationen wird irgendwann wer über uns zusammenstellen, welche Fragen wird er stellen und welche Konsequenzen ergeben sich dann konkret aus den Antworten? Darf wer viel Heavy Metal hört und eigenartige Comics liest nicht in den Staatsdienst? Werde ich zum Ziel von Überprüfungen weil eine zufällige Bekanntschaft beschlossen hat, mit einer Panzerfaust Geldtransporter zu überfallen, was ich zwar nicht wußte, aber ich  habe seine Nummer im Handy habe und mit dem netten Kerl auch noch telefoniert? Wie verdächtig werde ich, weil ein unbestechlicher Algorithmus mich verdächtig macht - und wie komme ich da wieder raus? Welcher Schaden wird indes in der Zwischenzeit angerichtet und was bedeutet dieser Vorgang für die Zukunft?  

Wer einen Kreditanfrage stellt, wird automatisch bei der Schufa herabgestuft. Stellt er parallel drei Anfragen, weil er das günstigste Angebot aussuchen will und ihn der Bankangestellte nicht über den Unterschied zwischen Kreditanfrage und Konditionenabfrage aufgeklärt hat, wird er wahrscheinlich gar kein Darlehen bekommen. Ohne das etwas geschehen ist, ist seine Bonität verbraucht - die analoge Realität interessiert nicht, die Daten schaffen ihre parallele Welt und entscheiden.

Im Film "Contact" fragt Jodie Foster einen Techniker, warum sie eine Selbstmordkapsel mit in die außerirdische Apparatur bei ihrer Reise ins Unbekannte nehmen soll. Seine Antwort lautet so ungefähr:" Mir fallen ein Dutzend Gründe ein; was mir aber wirklich Angst macht ist das, was mir nicht einfällt."

Im Grunde geht es darum: wir wissen nicht, was wie wann wofür benutzt werden kann, benutzt werden und uminterpretiert wird. Auch können wir können eigentlich erstmal nicht mehr darauf vertrauen, dass ein fürsorglicher Staat es zu unserem Besten regelt.

Und nun? Weiter wie bisher mit bequemer kostenloser Software, in der wir unser Daten-Ich verschleudern? Das ist vielleicht am wenigsten verdächtig, gibt uns aber preis.

Also alles verschlüsseln, tarnen, verschleiern? Macht uns vielleicht extra verdächtig, zum konkreten Ziel und sorgt vielleicht nur für eine weitere Aufrüstung bei den Datensaugern.

Eigentlich aber lautet die Antwort: Darüber dürften wir uns keine Gedanken machen müssen oder wir müßten gefragt werden und zustimmen. Daran werden die Politiker zu messen sein, denn dafür sind sie gewählt.




Montag, 1. April 2013

Viele Farben und ein Bild - Zypern

Es war ein anrührender Moment der Stille. Im Saal des Goethe-Instituts in der Pufferzone zwischen dem türkischen nördlichen Teil Zyperns und dem griechischem Süden hängen Bilder aus beiden Teilen des Landes. Es geht nicht um Kunst, es geht um Schicksale: Über 1.600 Menschen werden seit der Besetzung durch die Türkei und den Kämpfen im Jahr 1974 noch vermisst – und sie sind auf beiden Seiten nicht vergessen.

Das Bild, das uns Björn Luley, der Leiter der deutschen Bildungseinrichtung, neben dem Hauptquartier der UN-Truppen zeigt, erzählt von einer alten Frau, die noch immer jeden Tag die Schuhe ihres verlorenen Mannes putzt und neben ihre stellt. Er soll sie tragen können, wenn er zurückkommt. Ein anderes zeigt einen Mann, der neben einer Kiste sitzt. Darin sind ein Zettel, etwas Sand und ein paar Knochen; es sind die Überreste seines Bruders. 39 Jahre ist es her, als etwa 300.000 griechischstämmige Zyprer vertrieben wurden, alles verloren haben und zwischen dem geteilten Nikosia und Paphos im Westen neu angefangen haben.

"Wir sind ins Bett gegangen, fühlten uns sicher und geborgen und am nächsten Morgen brach die Welt zusammen" - diesen Satz sagen viele Zyprer. Der deutsche Chirurg Dr. Nic Jung kann seine Empörung nur schwer unterdrücken über ein Europa, das nun ausgerechnet dieses Land im Stich lasse. Er ist mit einer Zyprerin aus Famagusta verheiratet, jenem Teil Zyperns, der vor 1974 das Zentrum des Tourismus war, aber seither im türkischen Norden liegt. Sie und zehntusende andere haben sich ein neues Leben aufgebaut, sagt er, und nun werde all das erneut zerstört.

Es gibt einen großen öffentlichen Sektor in Zypern und in den Banken arbeiten angeblich viele Angestellte, die ihren Job eher besonderen Beziehungen als besonderen Qualifikationen verdanken. Es gibt die niedrigen Steuern, wegen derer auch dutzende deutsche Reeder ihre Büros in Limassol haben. Sie machen seit Jahrzehnten gute Geschäfte, wie es seit Anfang der 1990er-Jahre auch die inzwischen 30.000 Russen in dieser Stadt tun.

Spätestens, wenn Zypern die Unternehmenssteuersätze wie erwartet von 10 auf 12,5 Prozent anhebt, werden viele gehen, glaubt Günther Bodenstein. Er lebt seit 29 Jahren hier, hat als Reederei-Inspektor gearbeitet und ist mit seiner Frau geblieben. "Neben all den Investoren, Firmen-Anwälten und Wirtschaftsagenturen gibt es aber auch die Menschen, die einfach nur viel und hart gearbeitet und gespart haben", sagt er. Oft sind es Rücklagen für die Ausbildung der Kinder. Die Zahl der Privatschulen ist hoch, auch viele Eltern aus dem Mittelstand haben mehrere Jobs, um die 2.000 bis 8.000 Euro im Jahr bezahlen zu können. Viele andere Kinder gehen nach dem regulären Unterricht in staatlichen Schulen nachmittags in private Institute. Zahlreiche Zyprer studieren im Ausland, auch in Deutschland. Das Bildungsniveau, sagt Bodenstein, ist hoch.

Auch dafür haben viele ein Stück Land verkauft, das Geld angelegt und einen Großteil nun genauso verloren, wie so mancher deutsche, britische oder skandinavische Rentner, der hier seinen Lebensabend verbringen will. Bodenstein selbst hörte auf jene Freunde, die ihn schon vor zwei Jahren vor dem drohenden Kollaps warnten. Er transferierte sein Geld zurück auf Konten in der Bundesrepublik und ließ sich von anderen Deutschen belächeln, weil er auf die hohen Zinsen in Zypern verzichtete. Es war die richtige Entscheidung; die andere die menschliche.

"Wenn es ein Volk gibt, das diese Not bewältigen wird, dann sind es die Zyprer," sagt Antonis Papakyriakou, Manager eines Hotels in Larnaca, "wenn die Chance eins zu einer Million ist, werden wir sie nutzen." Der Tourismus - und diese Meinung hat er nicht allein - wird eine entscheidende Rolle beim Neuanfang spielen. Die Gastfreundschaft der Zyprer zumindest hat nicht gelitten unter den gegenseitigen Schuldzuweisungen und Beleidigungen der Politiker und mancher Medien.

Nirgends spürten wir Anfeindungen oder Vorbehalte. Wir erlebten vielmehr Menschen, die nach dem Schock nachdenklich wurden, die zur Arbeit gehen – wenn sie sie noch haben – und versuchen, ihren Alltag zu bewältigen. Die Besonnenheit der Zyprer am Tag, als die Banken nach rund zwei Wochen wieder öffneten, war nicht selbstverständlich und wir fragten uns, wie es woanders gewesen wäre.

Der Tag ist diesig auf Zypern. Am Strand von Larnaca weht ein kühler Wind. Unser Bild von Zypern hat viele Farben bekommen. Es ist ein Bild, das uns nachdenklich macht.

Dieser Text ist so auch auf der Seite der Aktuellen Stunde des WDR-Fernsehens erschienen

Mittwoch, 24. Oktober 2012

Gesammeltes Licht

Manchmal sind Begegnungen besonders nachhaltig. So war es, als ich im Frühjahr 2012 erstmals den Maler Markus Baldegger traf und schnell eingenommen war von dem Menschen und der subtilen Vielschichtigkeit seiner Werke, der Strahl- und Suggestivkraft seiner Bilder, ihrem mitunter meditativen und changierenden Charakter. Einen Moment lang hatte ich überlegt, das Video-Porträt, das ich mit ihm drehen konnte, Lichtfänger zu nennen; doch dieses Wort wird, glaube ich, der feinen Persönlichkeit des Künstlers nicht gerecht. Das Video vermittelt hoffentlich sowohl von ihr als auch seiner Malerei einen Eindruck. Es entstand an mehreren wunderbar langsamen, entspannten und doch konzentrierten Drehtagen. Ich lernte von der Materie, von Farbe, deren Eigenschaften auch noch unter der dritten, vierten, fünften darüberliegenden Schicht auf der Leinwand sinnlich erlebbar sind, dem Wesen künstlerischer Energie und dem Moment ihrer Übertragung. Der Schnitt von Klaus-Peter Dichtl, der als freier Medienberater in Gelsenkirchen arbeitet, vermittelt vieles von der Stimmung bei der Entstehung der Aufnahmen auch in dem kleinen Film.

Der Maler Markus Baldegger from ThoG on Vimeo.


Die Musik stammt vom Verlag Sonoton.de, der mich immer wieder auch in der alltäglichen Arbeit mit erstaunlichen Klängen und Künstlern überrascht. Die verwendeten Titel heißen: „Variations of a theme by Satie“ von Alex Wilson, „Marimba Rumba“ von John Walden und „Endearment“ von Jonathan Wilton.

Mittwoch, 13. Juni 2012

Mal angenommen...

Satudarah, habe ich gelernt, ist indonesisch und heißt „ein Blut“; auf dem Wappen des gleichnamigen MC fließe es einend zwischen den beiden Gesichtern, schwarz das eine, weiß das andere, unter neun Federn, von denen jede für einen der Gründer des Motorradclubs stehe. Satudarah MC wurde in den Niederlanden von Motorradfahrern mit Abstammung von den Molukken, einer Inselgruppe in Indonesien und ehemalige Kolonie, ins Leben gerufen. Nun hat der Motorradclub ein erstes deutsches Chapter. Der Duisburger Brotherhood MC, ebenfalls eine Gruppe mit Bikern aus vielen Nationen, ist in Satudarah aufgegangen.

Eigentlich eher ein Thema für die Fachzeitschrift Biker news – eigentlich, wäre Satudarah in den Niederlanden nicht einer der größten Motorradclubs und stünde jenseits der Grenze mit den Hells Angels in Konflikten, die in der dortigen Presse, in der dortigen Sprache als möglicher „Bende-oorlog tussen motorclubs“, als Krieg zwischen Motorradklubs, bezeichnet werden. Außerdem beobachten die niederländischen Sicherheitsbehörden Satudarah MC wegen des Verdachts von Drogenhandel und all dem, wessen Motorradclubs im Allgemeinen bezichtigt werden. Und deshalb und angesichts der neuerlichen Polizeiaktionen gegen Hells Angels und Bandidos ist der neue Verein nun also ein Thema.

Und nach all den aufgeregten Artikeln, Stellungnahmen, Beiträgen die ich während meiner Recherche las, hörte und sah, tauchte eine Frage auf: wenn die Polizei zum Teil jahrzehntelang und zum Teil international gegen die großen Motorradclubs ermittelt und doch den Nachweis der kriminellen Vereinigung nicht führen kann, sondern die Ermittlungen immer wieder in Verfahren gegen einzelne Rocker, einzelne Chapter oder Charter münden – ist vielleicht die Annahme falsch? Niemand käme ja auf die Idee, zum Beispiel eine Tierärztekammer als kriminelle Vereinigung zu bezeichnen, nur weil manche Mitglieder mit medikamentöser Masthilfe ihr Geld verdienen und der Menschheit so nun auch noch den antibiotikaresistenten Keim der Untergruppe livestock associated MRSA bescherten. Also...

Dann entdeckte ich bei der – ansonsten interessanterweise vergeblichen - Suche nach einem Experten zum Thema Rockerclubs diesen Beitrag von Florian Albrecht, Wissenschaftler an der Universität Passau. Lesenswert, unbedingt.

Montag, 7. Mai 2012

Heard it in the newspaper...

Heute morgen erfahre ich aus den Zeitungen ungefragt, dass der verstorbene Beastie-Boy Adam Yauch aus einem „akademischen jüdischen Haushalt“ stammt, 1964 „als Sohn eines Katholiken und einer Jüdin im New Yorker Stadtteil Brooklyn“ geboren wurde. Warum mich das interessieren soll, weiß ich nicht. Wird hier angedeutet, dass er es im HipHop geschafft hat, trotz der Bürde, nicht in Bronx, Compton oder South Central geboren zu sein? Geht es um street credibility? Die hatten die Beastie Boys auf jeden Fall, wobei das in der wahrscheinlich kommerziellsten aller Musikrichtungen ohnehin eine etwas eigenartige Fragestellung ist. Welchen Glaubens wer in der Familie ist, war oder zu welcher Überzeugung er konvertierte – so what! - aber das ist ja auch von Miles Davis.

In einem anderen Artikel spielt der Glaube eine Rolle. Irgendwelche Rechtsradikale provozieren irgendwelche Salafisten. Erstaunlich präzise vorhersehbar eskaliert die Gewalt, Polizisten werden niedergestochen und tragische Opfer eines kühl kalkulierten Effekts. They say jump – you say how high; das ist auch nicht von den Beastie Boys sondern von rage against the machine, passt aber erstaunlich exakt, was den Vorfall selbst allerdings auch nicht besser macht.

Und dann sind da noch die Wahlen; alles auch wie erwartet, irgendwie. Von Paris über Kiel bis zum Pelepones. Nun geht es in der hiesigen Diskussion über das, was in Griechenland geschehen ist, um die Deutungshoheit: Sind die Linken der SYRIZA noch radikal (Gysi) und damit per se erstmal nicht oder doch schon extremistisch (Bild) und damit böse? Eines jedenfalls ist unbestritten: die Ränder sind gestärkt und wenn an den äußeren Enden gezerrt wird, setzt dies das Ganze unter Spannung. Damit wird eine längst gestellte, aber in der Diskussion um Milliarden, Zinsen, Bonität und den ganzen Rest völlig untergegangene Frage, wieder aktuell: wieviel Sparen verträgt die (griechische) Demokratie? Das ist auch nicht von den Beastie Boys sondern von Helmut Schmidt, kann man aber trefflich drüber nachdenken.



PS: Das mit der Kleinschreibung werde ich künftig lassen, Schuld ist Bastian Sick, der mich in einem Kapitel seines Buchs „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod (Teil 2)“ von deren Unschärfe überzeugt hat.

Samstag, 5. Mai 2012

Dienstag, 23. November 2010

fragen ohne antworten

wir sind am 19. oktober zurückgeflogen. im gate des flughafens von port au prince nahm ich mit meinem mp3-spieler 90 minuten haitianisches radio auf. "radio guinée, native, natale", viel musik, wahlkampfspots. wir bekamen nichts mit von der schleichenden seuche, die sich aus dem norden, aus st. marc, auf den weg gemacht hatte. die ersten nachrichten kamen am nächsten tag. dort, im departement artibonite, war ich bereits im april 2008 gewesen, hatte jean-robert saget, haitis botschafter in deutschland, und wolfgang groß, chef der hilfsorganisation humedica, begleitet in den monaten nach der hungerrevolte, als die lebensmittelpreise auf dem weltmarkt so stark angestiegen waren, dass viele sich mehl, öl, reis und bohnen nicht mehr leisten konnten. es ging dort um die folgen der landreform gegen ende des 20. jahrhunderts, um billige importe und das, was getan werden konnte.

abends hatte ich in dem einfachen haus von edouard vieux gesessen, unser gespräch gefilmt über seine familie und die vergangenheit der familie des ehemaligen landwirtschaftlichen großgrundbesitzers. über enteignungen, emigration, diktaturen, enttäuschte erwartungen, über zersiedelungen und brachliegende flächen, während die menschen hungern. immer wieder war das licht ausgegangen, aber der über achtzigjährige mann, auf dessen hocker am bett ein geladenes schrotgewehr lag, erzählte weiter, weil es immer so war mit dem strom und es ihm eigentlich auch längst nicht mehr auffiel

am nächsten morgen habe ich ihn erneut besucht, um mit seinem sohn zu den feldern zu fahren, die die familie noch hat und von denen einige verpachtet waren. ein paar landarbeiter hatten sich dort mit ihren familien in einer kleinen siedlung niedergelassen und vor ein paar wochen, als erntezeit war, waren drei bauern ermordet worden. die dunklen schatten der vergangenheit waren dort oben, wo das land so fruchtbar ist, noch nicht verblaßt.

aber davon sprachen wir nicht, als edouard vieux mir aus der kleinen aluminium-kanne einen espresso einschenkte. vielmehr sah ich nun bei tageslicht zum ersten mal durch die hintertür seines hauses hinaus. ich sah das meer. es war nicht irgendwo als streifen am horizont; im garten des nachbarhauses lag ein boot mit netzen und wenn der mann es zehn, zwanzig meter nach westen den strand hinunterzog schwamm es in der karibik. abends ging da die sonne unter und tauchte das elend von st.marc, dessen vergangener glanz wie ein lamento von den verfallenen fassaden klang, in ein versöhnliches, warmes licht.

es war ein moment, in dem mir der atem stockte angesichts der selbstverständlichen schönheit dieses landes und weil es auch einem besucher, einem beobachter schwer werden kann, angesichts dieser verheißung und der wirklichkeit. mag sein, dass solche momente männer wie den italiener luca dall'olio von der internationalen organisation für migration seit jahren in dem land halten, obwohl die aufgaben nicht geringer werden und andere, wie den kieler dirk günther von der welthungerhilfe nach jahrzehnten der entwicklungsarbeit "ich liebe haiti" sagen läßt, obwohl es sicher dankbarere aufgaben gäbe.

einen solchen moment gab es wieder während der dreharbeiten im oktober. "den schönsten blick hat man vom hotel ibolele" empfahl uns katja anger von der kindernothilfe, als wir sie nach einem guten standort für ein stadtpanorama fragten. sie hatte wohl recht. wie ein geschenk öffnete sich uns port au prince zwischen den bergen, dem meer. von hier oben sahen wir auf eine stolze stadt, verborgen im großen die not der millionen , die den besucher begleitet, sobald er in haitis hauptstadt angekommen ist; ein blick wie ein versprechen und doch eher eine utopie.

die stimmung huygens änderte sich. er war unser dolmetscher, 26 jahre alt. vor diesem gewaltigen panorama wurde er still, sein blick umflorte sich. dann setzten wir uns und bei einem saft auf der terrasse des ibolele, erzählte er von seiner hoffnungslosigkeit. es war ein eindringliches gespräch voll bitterkeit, resignation, trauer. eine zukunft, so glaubt er, wird er in haiti nicht haben und allein die verantwortung für seine familie, seine mutter und geschwister, hielt ihn, begabt, gut ausgebildet, im land.

wie es weitergeht, zum guten weitergeht, wie wiederaufbau, dezentralisierung, überhaupt das leben zu bewerkstelligen ist, auf diese fragen fanden wir bei den vielen gesprächen keine antworten, kaum mehr als vage theorien. es sind kleine erfolge; eine schule in einem bergdorf, nach ihrer zerstörung durch das beben wiederaufgebaut von den bewohnern. die kinder haben das wasser für den beton vom eine dreiviertelstunde entfernten fluß nach oben getragen, das holz, das eisen, die steine. aber werden sie bleiben, hier, wo das leben so mühsam und so einfach ist? jürgen schübelin von der kindernothilfe hofft das: "das leben hier", sagt er, "ist besser als in der stadt," in port au prince, das schon vor dem beben nur ein elend bieten konnte, keine arbeit, keine wohnung, aber trotzdem ein magnet war. doch für wie viele und wo gibt es das land, um hunderte, tausende, zehntausende anzusiedeln ohne bestehende strukturen zu überfordern?

es gibt gemeinden, in denen bürgermeister land für den wiederaufbau ausweisen, grundstücke bereitstellen und mit den hilfsorganisationen zusammenarbeiten. wenn dann die ersten übergangshäuser (beispiele von care und asb) stehen, für viele mehr als sie zuvor hatten, kann das eine signalwirkung für die nachbargemeinden haben. die menschen dort könnten dann ihre vertreter fragen: warum nicht bei uns, hofft dirk günther, regionalkoordinator der welthungerhilfe. eine zivilgesellschaft, die wie das neue haiti aus den trümmern entsteht, das wäre sein wunsch für das land. und wann, wenn nicht jetzt, kann das geschehen, wo alle erwartungen entäuscht wurden, wo in den notlagern komitees das leben organisieren und so viele ngos (nicht-regierungs-organisationen) wie wohl sonst nirgends auf der welt im land sind und vielleicht ein beispiel geben können?

port au prince wieder aufzubauen wie es war, das geht nicht, sagt luca dall'oglio, leiter der iom-mission. die nächste katastrophe wäre programmiert in den schlecht befestigten hängen, den von überschwemmungen bedrohten gebieten. aber wohin, wenn nicht zurück dorthin? es fehlt an mitteln, dem politischen willen, vielleicht wird es nach den wahlen besser, wenn die geberländer wissen, mit wem sie es zu tun haben und vielleicht die finanzierungszusagen einlösen. aber bisher gibt es keinen masterplan, sagt dall'oglio.

dafür gab es stürme und gibt es nun die cholera. „wir können nicht mehr“, stand an dem zaun eines lagers. aber auch dieses banner wird inzwischen zerrissen sein.


eine übersicht über die maßnahmen zahlreicher hilfsorganisationen mit schwerpunkt nordrhein-westfalen gibt es auf der seite nrw hilft haiti, aktuelle nachrichten über die lage auf den seiten der erwähnten ngos

die wdr-reportage "haiti - die vergessene katastrophe" (6. november, hier und heute unterwegs) ist als stream bei einslive zu sehen oder als video-podcast (noch) abrufbar.

Dienstag, 7. September 2010

wütendes wasser

„das wasser des swat war einmal blau“, erzählt mir ajmal malik am ufer des flusses im norden pakistans. heute fließt es dort, wo vor der flut straßen waren, felder, häuser. in den bergen hat die katastrophe, die das land derzeit heimsucht, ein anderes gesicht als in den ebenen des punjab oder peschawars. während meiner reportage-reise sah ich beides.

nun, so sagen es fachleute der hilfsorganisationen, droht eine weitere welle. sie kommt schleichend, still – das sterben an hunger und krankheiten. extremely vulnerable heißt der begriff in der sprache der un-organisationen. mindestens acht millionen menschen gelten als besonders gefährdet, haben zum teil keinen zugang zu sauberem trinkwasser, kein obdach, keine nahrung.

während der reise durfte ich mitarbeiter des bündnisses entwicklung hilft begleiten, von welthungerhilfe und misereor. aber mir begegneten auch pakistanische aufbauhelfer, die trotz erdbeben im jahr 2005, trotz taliban, trotz militäroffensive und nun trotz der flutkatastrophe unermüdlich weitermachen; es waren kostbare begegnungen in einem fremden land.

ajmal malik etwa ist ein solcher mensch. „der weg ist weit, also müssen wir reden,“ sagte er mir, während wir im treck der menschen über schlammige pfade durch die hügel des swattals gingen, weil die straßen zerstört sind. wir redeten über die haltung des westens zu seinem land, über urteile, vorurteile und moralische positionen, über deren berechtigung in anderen kulturen, über gesellschaftsformen, über lügen, das ende der glaubwürdigkeit. und über die rolle der medien. der weg war dann doch nicht mehr lang, aber seine worte hallen nach von unserer demokratie und der ausgeübten macht, dem willen der massen und den entscheidungen ihrer vertreter, der institutionen.

er würde sich freuen, wenn wir das gespräch einmal fortsetzen, ließ er mir jetzt , nach meiner rückkehr, ausrichten. vielleicht gelingt das ja und vielleicht ist dann das wasser des swat wieder blau, türkisblau. heute ist es grau.

einige der beiträge, die im wdr gesendet wurden, sind in der spalte rechts verlinkt. weitere sind über die suchfunktion der mediathek mit dem begriff „pakistan“ recherchierbar.

die organisationen im bündnis entwicklung hilft arbeiten weiter im land, kooperieren mit anderen hilfsorgansiationen. die spenden werden erstaunlich präzise verteilt, mitarbeiter besuchen vor den verteilaktionen die betroffenen gebiete, es gibt gutscheinsysteme für die menschen in not und eine detaillierte koordination mit anderen nicht-regierungsorganisationen, um in den jeweiligen regionen bedarfsgerecht zu helfen und unter- aber auch überversorgung zu vermeiden.

Samstag, 8. Mai 2010

sieben tage haiti

über manches zu schreiben ist nicht einfach; aus haiti zurückgekehrt war die aktualität nach dem erdbeben vom 12. januar überholt, das erlebte (soweit möglich) gezeigt und die eigene befindlichkeit angesichts der katastrophe so unbedeutend, dass mir ein blog-eintrag unsinnig vorkam. während der reportage-reise war ohnehin keine zeit gewesen und die technischen bedingungen waren zudem so problematisch, dass anderes mit den knappen ressourcen dringender zu erledigen war. eine nüchterne, sachliche darstellung der arbeit und der abläufe habe ich aber (mit gewisser unterstützung der zuständigen redaktion, besonders in den letzten absätzen)  für die april-ausgabe der hauszeitung wdr-print geschrieben. in der taz ist zudem ein beitrag erschienen, der sich mit der wichtigen frage des umgangs von journalisten und redaktionen mit belastenden erlebnissen befasst. einige meiner tv-beiträge sind in der rechten spalte des blogs verlinkt.

im juni, so die planung, will ich wieder in die karibik reisen, wieder nach carrefour in die berge , wo die toten geborgen, die trümmer der schule geräumt sind und der wiederaufbau vorbereitet wird, zu einem bergbauernprojekt der kindernothilfe, nach port-au-prince, wo humedica weiterhin das hospital espoir betreibt und mich auch auf die suche machen nach junior und evena artis mei und ihren zwillingen. wir haben sie in der humedica-klinik am tag der geburt der beiden jungen kennengelernt, sie dann im notlager besucht, wo sie zwei tage auf der harten erde und unter aufgespannten bettlaken lebten, bevor sie aufbrachen in einen vorort und wir sie nicht mehr trafen. davon dann sicher mehr.

Mittwoch, 21. April 2010

auf sicht

die wikinger, so habe ich mal gelesen, segelten zum großen teil auf sicht, als sie an den shetlands und faröern vorbei über island das drachenboot nach groenland steuerten. daraus eine parallele zu ziehen zwischen dem roten eric und dem kapitän eines airbus 320 in 12000 fuss über mitteleuropa ist reizvoll, führt aber eigentlich nicht weiter. fakt ist, dass die nordmänner einen posten auf dem eiland im atlantik aufbauten. die familien, die dort ansiedelten, hatten dann zeit, sich in schwermütigen, ewig anmutenden winternächten eine verwegene sprache mit gemeinheiten wie eyjafjallajökull und in heiteren, ewig anmutenden sommernächten schräge beiträge zum internationalen finanzgeschäft auszudenken.

beides kam mit macht über uns. und für beides muß der in ausgewogeneren tag-nacht-verhältnissen lebende mitteleuropäer dankbar sein. das eine zeigte, wie fiktives real wütet, das andere, der vulkan nämlich, räumt real mit fiktionen auf. ohnehin hatte ich den verdacht, dass die fluggesellschaften zwar auch wegen der täglichen verluste auf ein rasches ende des flugverbots drängen; vor allem aber damit niemand merkt, dass es ja auch ohne sie geht, sich gedanken macht, wie es künftig ohne sie gehen könnte oder gar erste schritte in diese richtung geht.

abgekoppelte welten

ein geschäftsmann etwa sagte in einer zuschauersendung auf wdr5, dass seine firma nun verstärkt auf telefon- und videokonferenzen setzen wird. das spare zeit und geld, sei zuverlässig und würde außerdem die entwicklung vorwegnehmen. denn mittel-, vielleicht sogar kurzfristig sei es ja ohnehin vorbei mit der vielen fliegerei.

sehr beachtenswert fand ich zudem die these von der abgekoppelten menschlichen welt, die darauf angewiesen ist, dass von ihr unbeeinflussbare systeme einfach funktionieren, die natur, vulkane oder sonnenwinde etwa. wenn sie das dann aber nicht tun, hilft auch der anruf bei der hotline nicht; im zweifel sagt der techniker dann nur das, was techniker in solchen fällen immer sagen: kann ich nix dafür, kann ich nix machen. irgendwie richtig und irgendwie traurig.

ein großhändler aus straelen am niederrhein – einem der größten umschlagplätze für obst, gemüse und blumen – zuckte auf meine frage, welche folgen die flugverbote für die warenströme haben werden, mit den schultern. eher keine, meinte er, aber deutsche blumenzüchter freuen sich möglicherweise, weil sie für ihre waren ein paar cent mehr bekämen.

und hier treffen sich erneut das abstrakte und die realität. in den paar cent mehr bei den auktionen wird nämlich klar, dass blumen aus afrika gar nicht billiger sind als rosen vom niederrhein. bislang löste sich ein teil des tatsächlichen preises allerdings auf, er verschwand mit den kondensstreifen am gestreiften himmel: wir bezahlen mindestens mit lebensqualität, mit einem stück gesunder umwelt. wer würde die preiswerten blumen kaufen wenn es hieße: die kriegen sie zu einem euro, dafür komme ich am wochenende vor ihr haus, haue zwischen 6 und 22 uhr alle fünf minuten auf die pauke und rieche dabei komisch? eben. nun aber ist etwas nicht stoffliches in harter währung zählbar, in egelsbach bei frankfurt, ratingen bei düsseldorf und refrath bei köln oder in all den anderen einflugschneisen zu unseren flughäfen: der preis der luftverschmutzung, der stille, des ungestörtseins.

der preis des verlorenen

und da schließt sich ein kreis und wir sind wieder in island. ungestörtsein und -bleiben hat dort nämlich einen hohen wert. nicht nur für die menschen, die sich zwischen eis und erruptionen ja recht unkompliziert aus dem weg gehen können. beim bau von straßen nimmt der isländische bulldozer nicht den kürzesten weg, sondern den freundlichsten. in manchen felsen hausen nämlich, heißt es, elfen und damit die nicht ihre heimstatt verlieren und böse werden (was isländische elfen wegen winter, sommer und so weiter ohnehin eher schon mal sind), führt die straße einfach drumrum. die zuständige straßenbaubehörde verlässt sich dabei auf ein paar menschen, die mit ihren besonderen fähigkeiten die verborgenen völker auch sehen können und zu rate gezogen werden, wenn wieder mal ein monolith im weg liegt.

ha, könnte der kritiker jetzt sagen, das bild fortgesetzt sind die autos die flugzeuge, die straßen die kondensstreifen und die elfen ärgern sich jetzt beim kaffee auf ihrer terrasse im lavagestein über die störung.

nun, halte ich dagegen, von der welt der elfen weiß ich nichts aber das ist ein schönes beispiel von achtsamkeit und davon, dass auch in unserer welt manches, das wir nicht sehen können, einen preis hat. für manche ist er nun erfahrbar, spätestens wenn das flugverbot wieder aufgehoben ist. vielleicht sind diese menschen dann die wirklich sehenden und würden lieber einen umweg gehen oder etwas mehr zahlen, wenn sie dafür nur wiederbekommen, was sie kurz einmal hatten.

Samstag, 3. April 2010

aber, aber, herr rüttgers!?

demokratie, meinungsfreiheit und freie presse sind schön – solange es mir nützt. so oder so ähnlich sind derzeit der wiederwahlkämpfende nrw-ministerpräsident jürgen rüttgers und seine partei-entourage zu verstehen. in einem umfangreichen artikel beschreibt die tageszeitung, was die wahlkampf- und meinungsmacher so alles unternehmen, um gegen die blogger von “wir in nrw“ und einen mutmaßlichen maulwurf in der eigenen partei vorzugehen. verwerflich sei es, dass hier offenbar auf fragwürdige oder - nach unionsansicht - sogar strafbare weise informationen beschafft oder weitergegeben wurden. skandal!

oder nicht? besteht denn der skandal nicht eher in dem, was geschehen ist und weniger im verkünden der bösen botschaft? außerdem gibt es genau dafür eine freie presse und unabhängige journalisten. zeugnisverweigerungsrecht und informantenschutz sind gemacht, um insidern die möglichkeit zu geben, mit kalkulierbarem persönlichen risiko informationen aus den hinterzimmern preiszugeben. nur so kommt licht in schmuddelecken und können journalisten ihre aufgabe erfüllen. das setzen politiker aller parteien übrigens gerne ein, wenn es ihnen oder ihrer partei nützt. nun kommt es mal anders; und schon hat es den anschein, als ob mit steigender bedeutung in diesem fall der wahl und der regierungsmehrheit im bundesrat die bedeutung der oben beschriebenen (freiheitlichen) werte abnimmt. fataler eindruck.

Donnerstag, 7. Januar 2010

einer kam durch

„sie glauben ja gar nicht, was hier los ist, das reinste irrenhaus“, seufzt die sichtlich entnervte kassiererin auf nachfrage. nebenan erhielt eine junge frau gerade 955 € zurück und bezahlt mit ein paar scheinen aus dem bündel eine spielekonsole, die deutlich billiger war, als das laptop, das sie zurückgegeben hatte. jeder zehnte einkauf gratis wirbt die elektromarkt-kette. klingt ein bißchen wie jahrmarkt, das soll es wohl auch und weil das so ist, hat wahrscheinlich auch so mancher sein glück versucht. marketing mit hintersinn: statt zehnprozentiger preissenkung für alle das große los für jeden zehnten; so funktioniert der amerikanische traum, so funktioniert der lotto-jackpot. beide sind ungeheuer attraktiv und locken die massen. treffen solche umstände aber auf den aufgeklärten deutschen kunden und ist der zudem mit einer gewissen kaltschnäuzig- und dickfelligkeit ausgerüstet, dann kann das überraschende folgen haben. dann bringt eine junge frau den computer eben einfach zurück, wenn sie nicht gewonnen hat.



außerdem gibt es im land der verbraucherzentralen viele kunden, auf die jene eigenschaften zutreffen und deshalb sieht es so oder so ähnlich wohl in den mediamärkten in ganz deutschland aus. dutzende menschen mit unschuldigen gesichtern bringen ungeöffnete elektronik-artikel zurück und fordern mit stummem blick ihr geld von verkäufern, denen das eine ungeliebte, wesensfremde arbeit bereitet. das ausgerechnet die metro-tochter solch anarchischen zuständen die rollgitter öffnete ist ein vielversprechender start ins neue jahr, allemal unterhaltsamer als „det-iss-mein-laden“-mario.

„darf ich ihnen mal was sagen? sie wollten den computer nie bezahlen. sie haben keinen gratis-einkauf gewonnen und deshalb bringen sie ihn zurück“, hatte ein paar minuten zuvor ein verkäufer in der computerabteilung sicher zutreffend festgestellt und damit meine aufmerksamkeit erregt. sachlich, aber auch sehr direkt, versuchte er einen sehr jungen mann zu beschämen, sprach von missbrauch der kulanz, mahnte dessen stolz an, dessen rechtschaffenheit. der kunde aber sah ihn ungerührt an; etwa so wie ein kind, das sich nach dem schokoladen-massaker den tadel wegen der versauten kleider anhört; stumm, stoisch, zufrieden, denn es hatte ja, was es wollte – in diesem fall die chance, den nervenkitzel, das spiel. der mann sah also zu, wie der verkäufer, ihm weiter ins gewissen redend, gleichwohl die retoure verbuchte. dann nahm er die gutschrift für die kasse. so wie ein junges mädchen vor ihm; die hatte – wenigstens das, mag der verkäufer gedacht haben, wenigstens das – einen roten kopf.

doch dabei haben sich eigentlich alle an die spielregeln gehalten; rücknahme ungeöffneter, unbeschädigter ware versprach der markt. muss er zwar nicht, sorgt aber für gute stimmung und klingt kundenfreundlich. nur jetzt gerade nicht. denn die kunden kauften ein und warteten, bis es 22.30 uhr war und die gewinnzahl bekanntgegeben wurde – ist es die gleiche wie die maßgebliche ziffer auf dem eigenen einkaufszettel: geld zurück. stimmte sie aber nicht überein, kamen die enttäuschten am nächsten tag wieder. denn anders als auf dem jahrmarkt ist die niete kein wertloses stück papier sondern wertvolle hochtechnologie. also brachten sie das gerät gegen erstattung des kaufpreises zurück, tauschten es - je nach charakterfestigkeit oder moralischer überzeugungskraft des verkäufers - gegen ein kleineres oder etwas um, das sie wirklich brauchten, und nahmen die differenz zum kaufpreis des traumgeräts wieder mit. denn darum ging es ja auch: sich einen traum erfüllen, wenn ich schon mal die chance habe und ist sie nur eins zu zehn - ich bin doch nicht blöd!

„wenn gestandene leute uns etwas zurückbringen“, sagt die kassiererin zu mir ,“dann glaube ich denen gerne, dass sie es sich anders überlegt haben und erstatte den kaufpreis. aber da holen sich schüler und studenten handys für 600 euro oder ein laptop für 1500 und stehen dann am nächsten tag wieder auf der matte, wenn sie kein glück hatten.“ und deshalb gebe es jetzt geänderte regeln gegen die einer-von-zehnen-zockerei: nur noch umtausch von defekten geräten, ansonsten warengutschein über den kaufpreis, zumindest für einkäufe während der aktionstage, sagt sie, und zeichnet eine passage auf meinen kassenbon mit ihrem kürzel gegen. ob wirklich viele auf ihr glück und ein teures gerät spekuliert hätten, frage ich, während sie mir den zettel und das wechselgeld gibt; „klar“, sagt sie, „und einer von denen hat dann auch wirklich gewonnen.“ ich sehe auf den bon, dahin, wo sie ihr zeichen gemacht hat: auf die veränderung der umtauschregelung hingewiesen, steht da.

ein schelm, wer böses dabei denkt.

Dienstag, 15. Dezember 2009

eher gut

es gab viele berichte, viele fragen und viele antworten nach dem ausbruch der beiden strafgefangenen aus der jva aachen. es war harte arbeit vieler kollegInnnen in aktueller stunde, wdr-aktuell, lokalzeiten, hörfunk und wdr.de . mindestens zweimal hatte ich glück. da kam ein kurzer anruf und der mann gab mir eine telefonnummer, die ich zu einer bestimmten zeit anrufen sollte, das wars. es dauerte noch zwei tage, bis ich den jva-beamten interviewen konnte, der von den zuständen im aachener gefängnis erzählte. für den zuschauer unerkannt, anonym, weil er angst um seinen job hat, resigniert, weil es schon lange so ist wie es ist und bitter, weil ihm und seinen kollegen niemand zuhört.


andere folgten seinem beispiel und andere berichteten das gleiche. die moderatoren der aktuellen stunde schrieben über die entwicklung nach dem ausbruch in ihren blogs und plötzlich wurde die kommentarspalte zur plattform, auf der die beamten des justizvollzugs sich äußerten, luft machten und gehört wurden – offenbar auch von denen, deren ohren all die jahre verschlossen waren. heute sperrte das nrw-justizministerium den zugang der user des intranets auf die wdr.de-seiten. die begründung: seit längerem schon habe es aus dem mitarbeiterkreis hinweise darauf gegeben, dass das wdr-angebot „in deutlich über die dienstbelange hinausgehender weise“ von den mitarbeitern genutzt werde und dass arbeitszeit missbraucht worden sei, um bei wdr.de zu surfen , so ulrich hermanski, sprecher des nrw-justizministeriums. deshalb wurde der zugang abgeschaltet, andere online-portale nicht.nun könnte ich schreiben über zensur, über die maßregelung eines teils einer behörde (richter und staatsanwälte können wdr.de weiter nutzen), über politisches geschick, bizarre begründungen und realitätsnähe. will ich aber nicht.
gesperrt weil zuviel angesehen - eine niederlage will das nicht werden, auch keine ohrfeige – nicht für den sender, nicht für das team und nicht für die jva-bediensteten. es fühlt sich ganz anders an, irgendwie.

die beiträge zum ausbruch und den folgen sind in der wdr-mediathek zu finden

Freitag, 4. Dezember 2009

jetzt aber...

wäre es mal wieder an der zeit - aber es ist keine zeit. thog-blog pausiert weiter.

derzeit nehmen mich die aachener ausbrecher gefangen. zwei meiner beiträge über die ausbrecher selbst und ein interview mit dem taxifahrer, den sie in aachen als geiseln nahmen, in der mediathek der aktuellen stunde

herzlich, thomas görger

Samstag, 31. Oktober 2009

ganz offen und ganz ehrlich

es war ein harter tag für sie im thüringer landtag und dass christine lieberknecht der so naheliegende vergleich zur tragödie von heide simonis in schleswig-holstein nicht behagt - geschenkt. anders als beim fall ihrer spd-kollegin steht bei ihr das stolpern ja auch am anfang der amtszeit.

am abend hörte ich sie in einem interview mit steffen seibert vom heute-journal. sichtlich gelassen spricht die erste unions-ministerpräsidentin über die niederlagen in den ersten beiden wahlgängen, als mindestens vier abgeordnete der großen-koalition ihr die stimme versagten:

es war eine geheime Wahl und man darf sich ja auch nicht wundern, bei den turbulenzen ... dass dann in einer geheimen Wahl, die im übrigen ja die einzige konstitutive hürde für die neue landesregierung bedeuten, hier auch der eine oder andere ein ehrliches kreuzchen in der wahlkabine macht, weil er sich ja vielleicht doch noch nicht ganz mit der koalition im inneren abfinden kann, ich finde das so verwunderlich nicht.

festzuhalten sind zwei worte: geheim und ehrlich. aber weiter mit dem zitat:

...wir haben jetzt eine solide basis und auf dieser basis können wir politik im thüringer landtag gestalten, die im übrigen ja auch, was die gesetzesvorhaben betriftt in absoluter transparenz und offenheit miteinander ausgetragen wird und wo offen über die gesetzesvorhaben der landesregierung abgestimmt wird.

und wieder sind es zwei worte: offen und abgestimmt.

muß ich nun zwangsläufig daraus schließen, dass christine lieberknecht das votum in einer offenen abstimmmung für nicht ehrlich hält und geheime wahlen als unsolide basis für gesetzesvorhaben empfindet? für wie feige hält sie denn ihre fraktions-kolleginnen und kollegen, wie sie wohl sagen würde, und wie zufrieden und zuversichtlich macht sie das für ihre amtsführung? nach dieser logik muß sie ja nun keine angst mehr vor überraschungen bei abstimmungen haben. und das sagt sie einfach so, ganz offen und ganz ehrlich.

interessantes verständnis von demokratie, politik und volksvertretern.

Mittwoch, 28. Oktober 2009

nicht mal koffie im coffee-shop

er hockte mit heruntergelassener hose tief im gebüsch an der mauer. dass die beamten ihn entdeckt haben war ein zufall. eine streife hatte ein paar stunden vorher einen geruch wahrgenommen, wie er bei der produktion von amphetaminen entsteht. deshalb waren die beiden polizisten in diese ecke von kerkrade an der deutsch-niederländischen grenze gekommen, deshalb war einer von ihnen in den grünstreifen gekrochen und deshalb hatte der junge mann aus koblenz nun ein problem.


dass päckchen mit der portion heroin hatten sie schnell gefunden, die spritze, die er hastig unter dem laub verscharrt hatte. vielleicht hatte er sich wirklich erleichtern wollen, aber bestimmt nicht nur. er mußte sich schließlich ausziehen, sie durchsuchten seine kleidung, seine schuhe, sie legten ihm handschellen an und einer der beiden half ihm dann in die sneaker, die er alleine nicht mehr anziehen konnte wegen der fessel. dann gingen wir zurück zum weg, zum parkplatz und ein anderes team der deutsch-niederländischen fahndungsgruppe holte ihn ab. die suche nach der rauschgift-fabrik wurde verschoben.

dann muß es sich lohnen

das sind situationen, die ich in einem film nicht zeige; das sind aber auch situationen, die ich nicht vergesse wegen ihrer schamerfüllten intimität und vielleicht wegen der hoffnungslosigkeit, für die sie stehen. ob er sich ein drogenpäckchen in den darm einführen wollte, um es nach deutschland zu schmuggeln, wieviel der junge mann aus rheinland-pfalz tatsächlich gekauft hatte oder was er sonst wollte in kerkrade an diesem tag haben die beamten nicht erfahren. die kleine menge drogen, die sie bei dem mann fanden, reichte gerade mal für eine feststellung der personalien und ein paar stunden im gewahrsam. wenn aber ein abhängiger achtzig euro für ein bahnticket von koblenz nach kerkrade ausgibt, dann geht es nicht um eine tagesration dope. dann geht es um mehr, denn dann muß es sich lohnen. wer drogen aus holland importiert handelt nach einer einfachen regel: je weiter der weg, umso größer der gewinn, umso lohnender das risiko; so einfach ist es.


das sind aber auch situationen die ein schlaglicht werfen auf das drogenproblem der niederlande und die frage, wie sie den geist, der mit dem rauch aus den coffee-shops aufstieg und nun schwer über dem land hängt, wieder in die flasche kriegen. in dem umfeld der legalen cannabis-theken hat sich eine szene etabliert, in der längst alles zu bekommen ist, weil organisierte banden längst mit allem handeln, nicht nur mit hanf-produkten.

drug-runners nennen sie die niederländer

wer in den niederlanden in grenznähe auf öffentlichen parkplätzen, vor manchen schnellimbissen oder auf rastplätzen in einem auto mit deutschem kennzeichen nur lange genug sitzenbleibt und überzeugend aussieht, muß nicht lange warten, bis er angesprochen wird. drug-runners nennen die niederländer diese dealer. sie bieten heroin, kokain oder größere mengen cannabis an. nach der bestellung übergeben sie die ware kurze zeit später an einem anderen ort. in maastricht zwangen die dealer ausländische wagen mit ihren autos sogar zum anhalten und versuchten drogen an die insassen zu verkaufen. wer nicht wollte, wurde beschimpft. zwischen rivalisierenden banden gab es unfälle mit drei toten. schließlich holte die polizei bei einer razzia (siehe vj-projekt - grenzenlose drogenjagd) zum schlag gegen die banden aus.


dabei hatte es doch so nett angefangen: lokale cannabis-konsumenten sollten sich legal mit softem rauchwerk versorgen können, ohne kriminalisiert zu werden oder ihre deals in dunklen gassen abwickeln zu müssen. fünf gramm pro einkauf - eine schelmische mengenbegrenzung: eindeutig zuviel, um es ohne schaden direkt zu konsumieren, was eigentlich vorgeschrieben ist, eindeutig zu teuer, um es zurückzulassen. deshalb gibt's – obwohl verboten - natürlich verpackungsmaterial für den heimweg, doggie-bags fürs dope. die menschen zwischen maas und nordsee sind pragmatisch. nur ausländer verirrten sich schonmal auf der suche nach einem heißgetränk - schließlich sind die niederlande auch dafür bekannt - in die schwer duftenden läden. kaffee heißt koffie und den gibt's im café, erklärte mir gerade ein nette polizistin aus maastricht, coffee sei zum rauchen da.

aber diese charmante konstruktion hatte eine krude kehrseite. anbau, handel und transport größerer mengen als der für den eigenbedarf blieben verboten. und damit war die voraussetzung für kriminelle organisationen geschaffen, die sich eben genau darum kümmern und sich gut bezahlen lassen.

wunder - täglich, vielerorts

ein fahnder erzählte mir mal vom gespräch mit einem kofie-shop-betreiber. jeden morgen, habe der ihm gesagt, falle ein päckchen haschisch vom himmel, exakt 500 gramm schwer, denn mehr darf er nicht im laden haben. wenn das dann nach ein paar stunden verkauft ist, geht er erneut vor die tür und wieder falle ein paket aus den wolken, direkt vor seine füsse. mit einem augenzwinkernden wegsehen wurden dieses sich alltäglich und vielerorts wiederholende wunder hingenommen und alle machten gute geschäfte. sogar die gemeinden profitierten, denn sie nahmen steuern vom verkauf von haschisch oder marihuana ein, die kofie-shops schufen arbeitsplätze.



doch dann änderte sich die haltung: denn diejenigen, die mit krimineller energie und  kaltblütigkeit die illegalen cannabis-plantagen betrieben und indischen hanf zu einem hochpotenten gewächs mit vielfacher wirkstoffmenge hochzüchteten, erzielten große gewinne. damit „infiltrierten“ diese strukturen die legale wirtschaft, wie es han polman, bürgermeister von bergen op zoom, ausdrückt. in heerlen, maastricht oder venlo, sagen insider, gibt es ganze straßenzüge, die mit drogengeld gekauft wurden. dieses geld drohe die gesamte ökonomie zu verändern. dies und das schlechte vorbild für die jugend, die sehe, wie schnell sich mit kriminalität geld verdienen lasse, gefährde die öffentliche sicherheit, sagt han polman. in seiner stadt und in einer nachbargemeinde sind die coffeeshops nun geschlossen worden. 25000 drogentouristen pro woche waren es, jetzt sind die läden unten. in limburg-süd sollte ausländern der einkauf in den coffee-shops verboten werden, deren betreiber klagten. 2011, so heißt es, sei mit einem urteil zu rechnen.

dass könnte eine maßnahme sein

das ziel bleibt, sagt wim frenken von der polizei in maasricht, „buitenlanders“ den einkauf zumindest so zu erschweren, dass lange anreisen für sie nicht mehr attraktiv sind. drei statt fünf gramm höchstmenge pro einkauf und tag, eine art clubkarte, die mindestens einen tag vor dem ersten einkauf erworben werden muß und danach bei jedem besuch vorzulegen sei – dass könnte eine maßnahme sein, um zu verhindern, dass kunden einfach von einem zum anderen coffee-shop wechseln und so mehr zusammenbekommen. denjenigen, der gar nicht erst ins coffee-shop geht sondern beim drug-runner seiner wahl einkauft wird diese maßnahme nicht erreichen.

seit einigen jahren schon fahndete die niederländische polizei gezielt nach hanfplantagen, großen in hallen oder mitten in maisfeldern, kleinen in wohnungen, kellern oder unterm dach. seit die frage, ob die unverletzlichkeit des privaten erhalten bleibt mit ja beantwortet wurde, darf auch ein cannabis-copter, ein unbemannter klein-hubschrauber, mit seinem bis zu 40 meter langen schlauch aus der luft an luftschächten schnüffeln. meistens aber genügt eine kontrolle des stromverbrauchs in der gegend. wo der ansteigt wächst das kraut unter kilowatt-leuchten.

das fertige produkt zurück nach westen

als folge davon verlegten die hanfzüchter ihre plantagen ins benachbarte ausland – het waterbed-effect sagt ein niederländische polizist, verdrängung. da wurde auch schon mal in einer ruhigen gegend in einem neusser vorort ein ganze wohnung zur züchtung angemietet, und selbst eine ältere dame am niederrhein sagte ja zum rundum-sorglos paket in der liebevoll ausstaffierten mühle: aufbau des automatisierten indoorgewächshauses mit lampen, lüftung, bewässerung, elektroinstallation, lieferung der setzlinge, ernte – alles aus einer hand, quasi wie bei der hähnchenmast. und wie bei der ging das fertige produkt zurück nach westen oder wurde - wahrscheinlich eher seltener - von der deutschen polizei entdeckt.


ob die verschärfte gangart in den niederlanden erfolg haben wird – abwarten. welche auswirkungen sie für die nachbarländer haben wird – kaum abzusehen.

wer aber heute nach roosendaal in nordbrabant kommt kann nicht nur nicht mehr ins coffee-shop – die sind dort nämlich auch geschlossen. er erlebt auch eine neue seite der gastgeber. an den zufahrtstaßen stehen leuchtschrifttafeln. bislang stand dort ein willkommensgruß. heute heißt es: het gedogen is voorbij (die duldung ist vorbei), courage – und die steht für eine fast grimmige entschlossenheit.

das vj-projekt kampf dem hanf in den niederlanden ist noch kurze zeit in der wdr-mediathek zu sehen.

Freitag, 23. Oktober 2009

herrgottsbscheisserle

die schwäbische maultasche schwimmt nun quasi auf augenhöhe mit dem champagner in ihrer brühe: die europäische union schützt mit der anerkennung der teigware als regionale spezialität aber auch einen fall des betrugs. es ist schon einige jahre her, als mir eine liebe kernschwäbische verwandte erzählte, dass das, was so asketisch daherkommt, eigentlich der versuch sei, fastenge- und fleischver-bote zu umgehen. wahrscheinlich wiedermal mönche, diesmal aus - kann man sich das ausdenken? - maulbronn hatten die idee, das brät nicht nur durch beigaben zu einer grünlich-grauen masse zu vermischen, sondern es auch noch in einer teigtasche zu verbergen, damit wirklich niemand, wenn er von oben draufsieht auf den verstoss käme. dann drehte sie den kopf, sah mich mit einem hintersinnigen blick an und sagte: deshalb heißen sie auch "herrgottsbscheisserle."

und allein dafür - das denke nun ich - sei alles verziehen.